Millionäre förderten »höhere« Privatschule

Für Kinder der reichen Kirchener/Waren die Menschen an der »Heringsburg« wirklich so arm?

thor Kirchen. Ist Kirchen heute ein Vorbild in Sachen Ökumene, so waren die Sitten noch zu Schulzeiten von Werner Panthel und Henning Plate vom Heimatverein deutlich rauer. Als die Schüler noch streng nach Konfessionen getrennt waren, gab es öfters »Reibereien« zwischen den katholischen »Schwarzen« und den evangelischen »Blauköppen«.

Die erste Schule für die Katholiken stand jedenfalls neben der damaligen Simultankirche und war eigentlich nicht mehr als eine Küsterwohnung. 1781 bat der Schulmeister Joh. Wilhelm Sagel darum, dass ihm sein Sohn zur Seite gestellt werde, schließlich besuchten damals (bis 1810) auch die Betzdorfer Kinder diese Schule. 1837 wurden hier von Lehrer und Küster C. Unschuld 86 Mädchen und Jungen unterrichtet. Noch im selben Jahr trat Peter Joseph Arzdorf seinen Dienst an (siehe Folge 1). Sein Jahresgehalt lag bei 120 Talern – die allerdings überwiegend in Naturalien ausgezahlt wurden. Bis 1865 stieg die Schülerzahl auf 110. Um eine weitere Klasse einzurichten, wurde in einem Gebäude nahe der Kirche, heute als »Haus Mosblech« bekannt, ein weiteres Zimmer angemietet.

50 Jahre im Schuldienst

1877 feierte man die Einweihung einer neuen katholischen Schule an der Steilgasse. Lehrer Arzdorf wurde neun Jahre später nach über 50 Jahren im Schuldienst in Kirchen in den wohl verdienten Ruhestand entlassen. Zu dieser Zeit besuchten 180 Kinder die Schule, so dass die Gemeinde schließlich den Anbau eines dritten Klassenzimmers gestattete. Bis 1954 wurde die Schule genutzt, anschließend diente das Gebäude den verschiedensten Zwecken. Es war Domizil der Polsterei Morgenschweis und diente für Verbände als Büro – vom DRK bis zur Jungen Union. Als der Gemeinde der Unterhalt zu teuer und das Haus an einen Privatmann verkauft wurde, war das Schicksal besiegelt: Im Oktober 1978 erfolgte der Abriss, um Platz für ein neues Wohn- und Geschäftshaus zu schaffen.

Bereits im Januar 1904 war eine kath. Volksschule auf dem Grindel für die Kinder der umliegenden Ortsteile eingeweiht worden. Lehrer Michael Berg leitete zunächst eine einklassige Schule, bis die Schülerzahl 1910 auf 80 stieg und ein zweiter Schulsaal gebaut wurde. Da sprach man schon von der »Börnches-Schule«. Ab März 1943 musste die Schule für zweieinhalb Jahre geschlossen werden. Das endgültige Aus für die kleine Ortsteil-Schule kam 1960. Fortan diente das Schulgebäude als Lagerraum, bis 1979 der Musikverein »Bovenderd« hier einzog und bis heute hier seine Proben abhält.

Doch zurück in die Ortsmitte: Dort öffnete am 8. September 1911 in der Wiesenstraße eine neue katholische Schule ihre Pforten – besser bekannt als »Heringsburg«. Henning Plate: »Der Name soll entstanden sein, weil die umliegenden Bewohner wegen der auf ihren Häuser lastenden Hypotheken so arm waren, dass sie fast nur Salzheringe essen konnten – damals das billige Essen der armen Leute.« Es gab zwei Klassenräume und zwei Lehrerwohnungen. Im Herbst 1994 musste die »Heringsburg« dem sich ausdehnenden Kindergarten St.Nikolaus weichen.

Und über noch eine kath. Volksschule verfügte Kirchen, wenn auch nur für wenige Jahre. Ab 1951/52 wurde im ehemaligen »Parteihaus« an der Lindenstraße unterrichtet, dort, wo heute die Grundschule steht. Das prächtige Haus war 1875 von Carl Stein erbaut worden. Die Schule wuchs mit den Jahren immer mehr, und 1962 folgte der Anbau eines Traktes für zehn Klassen. 1968 wurde das »Parteihaus« dem Erdboden gleich gemacht, zwei Jahre später kam aus Koblenz die Anweisung zur Einrichtung einer Hauptschule, die 1970 fertiggestellt wurde.

Und doch hatte Kirchen früher mehr »zu bieten« als »nur« konfessionelle Volksschulen. Man kann es sich denken: In einem »Dorf der Millionäre« sorgten eben diese dafür – genauer gesagt die Familien Jung und Stein –, dass auch eine höhere Privatschule eingerichtet wurde. Und das schon mit Datum 1. April 1808. Die so genannte Rectoratsschule war im Haus Nolden, später im Haus Happ untergebracht. Carl Grün war von 1808 bis 1820 der erste Lehrer. Auf ihn folgte Friedrich Wilhelm Grube, der später mit Angehörigen der Familie Stein nach Mexiko auswanderte. Seine Frau war für ihre Gedichte bekannt. Die Klassengröße blieb klein: 1812 wurden gerade mal zwölf Schüler, u.a. in Moral, Physik und Französisch, unterrichtet.

Im Jahr 1858 wurde an der Hauptstraße für 6000 Taler ein neues Schulhaus gebaut (heute Haus Böhmer). Bis 1900 unterstützten Gönner die Rectoratsschule, dann wurde sie von der ev. Schulsozietät Kirchen-Wehbach übernommen. An Ostern 1904 erfolgte für die Jungen die Vereinigung mit der Betzdorfer Knabenschule am Struthof, die gleichzeitig in ein Progymnasium umgewandelt wurde. Die Betzdorfer vergessen heute gerne, dass das Gymnasium eigentlich von Kirchenern, hier sei vor allem Dr. Rauschenbusch genannt, finanziert wurde. Die Schule in Kirchen wurde bis 1935 als »Höhere Töchterschule weitergeführt, dann wurde auch sie mit der »Höheren Mädchenschule« Betzdorf zusammen gelegt.

Daneben existierte schon sehr früh ein berufliches Schulwesen in Kirchen: um 1800, natürlich in der Firma Jung. Auf dem Stundenplan standen zwei Stunden biblische Geschichte, zwei Stunden Rechnen, je eine Stunde für Schönschreiben, Lesen, Singen etc. Es waren dies die Anfänge einer Berufsschule. Der Unterricht fand bis 1958 in dem Werk im Jungenthal statt, erst danach wurde er ausgegliedert.

Über die Schulen in den Ortsteilen wurde an dieser Stelle schon teilweise berichtet. Das erste kath. Schulhaus in Freusburg ist gleichzeitig eines der ältesten Häuser im Flecken und entstand 1627 unterhalb der Burg an der Burgstraße, wo es heute noch steht. Am 15. Februar 1909 wurde ein neues Schulhaus in der Ortsmitte bezogen. »Im Einsatz« war sie bis 1970. Heute ist hier das Otto-Pfeiffer-Museum beheimatet. Am Kapellenweg 2 steht noch die älteste ev. Schule (1751). 1937 wurde die neue Schule in der Struth gebaut. Nach der Schließung 1970 zog später dort der Kindergarten ein.

Auch in Wehbach gab es mehrere Volksschulen. Genaueres soll aber in den Folgen über Wehbach erzählt werden. Eine erste kath. Volksschule entstand 1823 an der Wingendorfer Straße, ein Neubau wurde 1881 nebenan eingeweiht. 1906 wurde auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein weiteres Schulhaus in Dienst gestellt. Am 4. Juli 1964 gingen die ersten Kinder in die Adolf-Kolping-Schule.

Die evangelischen Kinder mussten bis 1891 nach Kirchen zur Schule gehen. Erst dann wurde an der heutigen Koblenz-Olper-Straße ein eigenes, allerdings zu kleines Schulhaus gebaut. Abhilfe kam 1911, als »In der Au« eine neue Volksschule fertiggestellt wurde. Zwar wurde diese Lehranstalt noch um- und angebaut, Mitte der 70er Jahre wurde der Schulbetrieb allerdings eingestellt. Einige Jahre diente es als Domizil des Heimatvereins, heute ist es das Bürgerhaus von Wehbach.

Schlechte Erinnerung an Schulspeisung

Henning Plate und Werner Panthel denken mit gemischten Gefühlen an ihren Schulzeit zurück. Die »schlimmste Erfahrung« war für sie die Schulspeisung nach dem Zweiten Weltkrieg in der »Roten Schule« (die übrigens erst 1944 in ein Lazarett umgewandelt wurde). Von den Quäkern aus den USA wurde Lebertran und »Erbswurst« in Würfelform nach Deutschland geschickt. Plate und Panthel verziehen beim Gedanken daran noch immer das Gesicht. Da können sich heutige Schülergenerationen angesichts von Kakao, Joghurt und Wurstbrötchen wahrlich glücklich schätzen.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen