SZ

Erinnerungen an frühe Jahre des ev. Kindergartens in Niederschelderhütte
Mini-Siegerländer marschierten am Seil

Die „Kinderschule“ Niederschelderhütte auf einem Foto aus dem Jahr 1949. An den Seiten stehen „Tante Ruth“ und eine Helferin. In der ersten Reihe schlägt Rudolf Keßler die Trommel.
2Bilder
  • Die „Kinderschule“ Niederschelderhütte auf einem Foto aus dem Jahr 1949. An den Seiten stehen „Tante Ruth“ und eine Helferin. In der ersten Reihe schlägt Rudolf Keßler die Trommel.
  • Foto: Archiv Rudolf Keßler
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

nb/sz Niederschelderhütte. Die vorbereitenden Maßnahmen für die neue Kita in Niederschelderhütte laufen bereits seit einigen Wochen auf Hochtouren, im kommenden Jahr wird dann auch mit dem eigentlichen Bau begonnen (die SZ berichtete mehrfach). Bereits mit dem Jahreswechsel vollzieht sich aber ein anderer Schritt: Die Trägerschaft der bis dato evangelischen Einrichtung geht auf die Ortsgemeinde Mudersbach über. Vom „Ende einer Ära“ ist im Gemeindebrief des Bezirks Niederschelden die Rede – und das ist sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn man sich die lange Historie der Kinderbetreuung und der Einrichtung an sich vor Augen führt. Einen reinen Standortwechsel gab es dabei schon Mitte der 1960er-Jahre, doch dazu später mehr.
Am 1.

nb/sz Niederschelderhütte. Die vorbereitenden Maßnahmen für die neue Kita in Niederschelderhütte laufen bereits seit einigen Wochen auf Hochtouren, im kommenden Jahr wird dann auch mit dem eigentlichen Bau begonnen (die SZ berichtete mehrfach). Bereits mit dem Jahreswechsel vollzieht sich aber ein anderer Schritt: Die Trägerschaft der bis dato evangelischen Einrichtung geht auf die Ortsgemeinde Mudersbach über. Vom „Ende einer Ära“ ist im Gemeindebrief des Bezirks Niederschelden die Rede – und das ist sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn man sich die lange Historie der Kinderbetreuung und der Einrichtung an sich vor Augen führt. Einen reinen Standortwechsel gab es dabei schon Mitte der 1960er-Jahre, doch dazu später mehr.

Am 1. Mai 1913 eröffnet

Den Wechsel der Trägerschaft hat Rudolf Keßler, vielen auch als Mitglied der Heimatgruppe Niederschelden bekannt, genutzt, um noch einmal tief in die Geschichte des evangelischen Kindergartens einzutauchen und mit seinen Aufzeichnungen an die Gründerväter sowie die dort tätigen Schwestern und Betreuerinnen zu erinnern. Außerdem verbindet Keßler auch persönlichen Erleben mit der Einrichtung: Der Schelder, Jahrgang 1945, hat selber den Kindergarten „drüben“ in Niederschelderhütte besucht.
Eröffnet wurde dieser am 1. Mai 1913 – und zwar im ev. Vereinshaus an der Gustavstraße. Noch bis 1965 sollte dies der Standort bleiben.
Pastor Otto Schmalgemeyer und die örtliche ev. Gemeinschaft hatten die Notwendigkeit und Chance gesehen, im dem gerade gebauten Vereinshaus eine „Kleinkinderschule“ zu eröffnen, so Keßler in seinen Aufzeichnungen. Zur Betreuung der Jungen und Mädchen stellte man Schwestern ein. Einige Namen sind noch bekannt und Bilder aus jener Zeit befinden sich in einem Archiv, beispielsweise das von Schwester Frieda Rätz, die von 1928 bis 1930 tätig war.
Schmalgemeyers Nachfolger, Pastor de la Roi, stieg 1919 in die Kindergartenarbeit ein und prägte sie bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1928. An seiner Seite stand seit 1923 als Geschäftsführer Frisör- und Fotografenmeister Reinhold Briese, der 1920 in Niederschelderhütte ein Geschäftshaus übernommen hatte. In der Zeit der Inflation, so Keßler, sollte der Kindergarten geschlossen werden, aber: Pastor de la Roi und Reinhold Briese führten in eigener Verantwortung und auf eigenes Risiko die Arbeit fort.

Achenbach und Briese „waren die Seele“

De la Roi verließ 1928 die Gemeinde, sein Nachfolger wurde Ernst Achenbach, später Superintendent des Kirchenkreises Siegen. Achenbach und Briese gelang es, in der Zeit des Nationalsozialismus eine geplante Übernahme des Kindergartens durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt zu verhindern. Das Presbyterium und die örtliche Ev. Gemeinschaft als Hausbesitzer unterstützten die Arbeit.
„Das sind Dinge, die sind richtig toll“, blickt Rudolf Keßler auf das Handeln der Verantwortlichen während Inflation und Nationalsozialismus zurück. Aber er hebt auch das weitere Engagement von Briese und Achenbach hervor, etwa in der Jugendarbeit. Wieder zurück zum Thema Kindergarten sagt er: „Sie waren die Seele des Ganzen.“
Reinhold Briese war 40 Jahre verantwortlicher Geschäftsführer, Superintendent Achenbach 39 Jahre Pastor in Niederschelderhütte und Gosenbach. Beide Männer hätten Verantwortung übernommen und das, ohne großes Aufhebens darum zu machen.

Kinder zu Fuß „eingesammelt“

Ehrenamtliche Hilfe durch Gemeinschaftsmitglieder und die großzügige Unterstützung der Charlottenhütte mit Brennmaterial, Geländern, Zäunen, Sand und Reparaturmaterialien war bis zum Umzug des Kindergartens im Jahre 1965 der Motor, der die Arbeit mit den Kindern ermöglichte, so Chronist Keßler in seinen Aufzeichnungen weiter.
Er selbst erinnert sich noch, wie die Bänke im Vereinsheim nach Versammlungen zusammengeschoben wurden, um wieder Platz für den Kindergartenbetrieb zu schaffen. Und „Betrieb“ ist hier das richtige Stichwort: rund 70 Kinder gab es – in nur einer Gruppe und betreut von zwei Frauen.
Auch der Weg zur Einrichtung sah entscheidend anders aus als heute, Bus oder gar Familienauto gab es natürlich nicht. Eine Helferin habe die Kinder zu Fuß „eingesammelt“. Mit dabei hatte sie ein langes Seil mit Schlaufen, an denen sich die Mini-Siegerländer festhielten – und so ging es zur Schelderhütter Gustavstraße. Die Ausstattung mit Spielzeug und sonstigem Material: karg. „Da war nicht viel da nach dem Krieg“, so Keßler.

„Tante Ruth“ war eine Institution

Der Platz im Vereinsheim war dann irgendwann nicht mehr zeitgemäß. Im Jahre 1961 übernahm die Kirchengemeinde die alte Schule an der Josefstraße und baute sie als Gemeindezentrum um. Die Anlage, so Keßler weiter, wurde durch einen Anbau des Kindergartens ergänzt. Die Kosten für das Kindergartengebäude beliefen sich auf 120.000 DM, die politische Gemeinde steuerte 10.000 DM bei. Bei der Einweihung am 28. März 1965 sagte Superintendent Achenbach: „Durch all diese Nöte durften wir in der Kindergartenarbeit die gnädige Hilfe Gotte in besonderer Weise erfahren. Dass wir nun heute aus der Enge in die Weite kommen und diesen neuen, modernen Kindergarten beziehen können, ist ein Grund tiefer Dankbarkeit und Freude.“
Mit auf dem Foto des damaligen SZ-Berichtes zur Eröffnung: die legendäre „Tante Ruth“ (Ruth Post): „Sie war eine Institution“, so Rudolf Keßler, der dankbar an die Menschen erinnert, die die Kindergartenarbeit als notwendig erkannt und sich für sie eingesetzt haben.

Die „Kinderschule“ Niederschelderhütte auf einem Foto aus dem Jahr 1949. An den Seiten stehen „Tante Ruth“ und eine Helferin. In der ersten Reihe schlägt Rudolf Keßler die Trommel.
Zu den prägenden Persönlichkeiten für den ev. Kindergarten zählten Reinhold Briese und Ernst Achenbach (hintere Reihe, v. l.).
Autor:

Nadine Buderath (Redakteurin) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Spar-Abo der Siegener Zeitung
Schnell abonnieren und bares Geld sparen!

Das Abonnement der Siegener Zeitung ist der bequemste Weg, um jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten aus Siegen, dem Siegerland, Wittgenstein, Altenkirchen und Olpe zu in kompakter Form zu lesen ‒ als gedruckte Zeitung direkt aus dem Briefkasten oder als digitale Version in Form eines E-Papers. Das E-Paper lesen Sie bequem am PC oder ganz mobil mit unserer App für Android und Apple. Schnell Abo buchen und bares Geld sparenSchnell sein lohnt sich jetzt, denn je früher Sie bestellen, desto mehr...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen