Miraculix hätte gerne in Herkersdorf gelebt

Die Geschichte der »Vereinigten Staaten« (Teil 1)/In Offhausen blühte der Bergbau/Über allem thront der Druidenstein

thor Kirchen. Es wird wohl niemals genau geklärt werden, ob es tatsächlich die Göttin bzw. Priesterin Herka war, die einem kleinen Ort zu seinem Namen verholfen hat. Ebenso wenig steht es hundertprozentig fest, dass nicht weit entfernt derart gastfreundliche Menschen wohnten, dass ein Dorf nach seinen offenen Häusern benannt wurde. Letztendlich dürfte es den Bewohnern von Herkersdorf und Offhausen – denn um diese beiden Kirchener Ortsteile geht es natürlich – aber auch egal sein, leben sie hier doch an einem Fleck, der schon 1954 in einem Programmheft zu den Freilichtspielen am Druidenstein treffend beschrieben wurde: »In der Stille der Siegerländer Berge, hoch auf dem laufenden Höhenzug zwischen Sieg und Heller, sorglich eingebettet in einer Mulde und umgeben von herrlichen Hoch- und Niederwäldern, liegen die beiden Dörfchen Herkersdorf und Offhausen.« Bis 1969 waren die »Vereinigten Staaten« zwei selbstständige Gemeinden, dann wurden sie von Kirchen »geschluckt«.

Herkersdorf, seit jeher der »größere Bruder«, wurde 1502 erstmals urkundlich erwähnt. Ende des 16. Jahrhunderts zählte die Obrigkeit 114 Steuerzahler, wie Henning Plate vom Heimatverein nachgeschlagen hat. Bis 1820 entstanden 28 Häuser. 1741 heißt es: »Herkersdorf hat 21 Räuche, 104 Morgen Wiesen und Felder, dreieinviertel Stunden Revier. Dem Dorf vorbei fließt ein Seifen, welcher Forellen hat und dahin gehören ziemliche Erbenwaldungen und Hauberge. Die Einwohner sind Acker- und Bergleute katholischer Religion.«

Offhausen taucht namentlich zum ersten Mal 1481 in einem Schriftstück auf. Auf einer Steuerliste von 1597 werden zehn Namen genannt. 100 Jahre später wird von 20 Haushalten berichtet. Offhausen war das eigentliche Bergmannsdorf. Auf dem »Windhahn« genannten Bergzug wurde schon früh nach Erzen gegraben. Wer mit wachem Blick durch das Gelände streift, findet heute noch die Spuren zahlreicher Pingen und Erdgruben. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren allein hier neun Eisensteingruben in Betrieb, darunter z.B. »Wilhelmsglück« und »Bohlszeche«. Unter den 192 Einwohnern Offhausens im Jahr 1853 waren 73 Knappen. Es gab auch eine Schiefergrube, die u.a. das Material für die Kirche in Daaden lieferte, berichtet Pfarrer i.R. Hans Fritzsche. Als letzte Grube stellte »Caroline« 1894 den Betrieb ein. Die meisten der Offhausener Bergleute fanden in den großen Gruben der Umgebung Beschäftigung. Heute erinnert am Ortsausgang ein 1988 errichtetes Bergmannsdenkmal an die große Tradition in Offhausen. In beiden Orten wurde intensiv Landwirtschaft betrieben. Allein in Offhausen gab es 1911 48 Höfe, davon 38 mit Vieh. 1906 wurden in Herkersdorf ein Pferd, 74 Rinder und Kühe sowie 47 Schweine registriert. Über Jahrzehnte leistete man sich eigene Viehhirten. Darüber hinaus spielte und spielt die Forstwirtschaft eine große Rolle. Schon früh bildeten sich Waldinteressenten- und Haubergsgenossenschaften. Offhausen galt lange Zeit als »Ende der Welt«, so Edmund Mertens vom Heimatverein Kirchen, der als gebürtiger Offhausener (und jetzt in Herkersdorf lebend) bestens mit der Historie beider Orte vertraut ist. Diese Bezeichnung rührte daher, weil hinter Offhausen nur ein – heute zugewachsener – Kirchweg Richtung Dermbach weiterführte. Die Straße wurde erst in den 30er Jahren durch Mitglieder des freiwilligen Arbeitsdienstes gebaut.

Vom Arbeitsdienst wurde in dieser Zeit auch oberhalb von Offhausen ein Blockhütten-Lager erstellt. Von hier aus rückten die Trupps zu Rodungen, Wegebau und Bachregulierungen aus. 1936 wurde hier von der HJ eine so genannte »Bannführerschule« eingerichtet. Nach dem Krieg verfielen die Hütten immer mehr, bis sie irgendwann fast komplett abgerissen wurden. Heute ist nur noch ein Wohnhaus aus dem alten Komplex erhalten. In Offhausen gibt es heute noch zwei alte Backhäuser, die allerdings nicht mehr genutzt werden können. Mitte der 30er Jahre brachte in einem der »Backeser« eine Sinti-Frau einen gesunden Jungen zur Welt, der auf den Namen Siegfried im Imhäuser Bach getauft wurde. Die Technik hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug gehalten. Nach den ersten Wasserleitungen (1904) gab es 1908 eine Fernsprechleitung in Offhausen, fünf Jahre später gab es in Herkersdorf elektrisches Licht.

»Dem Berg die Spitze abgebrochen«

Doch Millionen Jahre zuvor, im Erdzeitalter des Jung-Tertiär, entstand das »Aushängeschild« – nicht nur für Herkersdorf, sondern eine ganze Region. Die Rede ist natürlich vom Druidenstein, jenem markanten Basaltkegel, der zum Hausberg der Herkersdorfer geworden ist, die ihn fast liebevoll »Köppel« nennen. »Die Offhausener haben den Druidenstein immer den Herkersdorfern überlassen«, betont Edmund Mertens und stellt damit die »Besitzrechte« klar. Früher war der Kegel erheblich größer, wie auch Zeichnungen des ev. Pfarrers Johann Peter Christian Sturm aus dem Jahre 1741 beweisen. Nach Angaben des Pfarrers haben während des 30-jährigen Krieges marodierende Truppen den weithin sichtbaren Druidenstein als Orientierungspunkt benutzt. Deshalb sei von den Bewohnern »dem Berg die Spitze abgebrochen worden«. Vieles deutet darauf hin, dass der »Köppel« früher eine heidnische Kultstätte war. Allein schon aus diesem Grund – als eine Art christlicher Gegenpol – wurde in Kirchen die Luther-Kirche errichtet. Pfarrer Fritzsche hat jüngst noch seinen Enkeln bei einem Besuch erzählt, dass hier einst Asterix, Obelix und Miraculix durch die Wälder gestreift sind. Sicherlich hätte sich der Druide der Gallier in Herkersdorf sehr wohl gefühlt.

Wie dem auch sei: Schon 1810 war es in Kirchen Brauch, am Himmelfahrtstag zum Druidenstein zu ziehen, wo ein wahres Volksfest gefeiert wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts schien das »letzte Stündchen« für den Druidenstein geschlagen zu haben. Aus einem Alsdorfer Gemeinderatsprotokoll von 1855 geht hervor, dass man den Basalt für den Bau der Landstraße Betzdorf-Neunkirchen verwenden wollte. An der Westseite des Felsens waren bereits Steine herausgebrochen worden, als einige Kirchener Gewerke die Notbremse zogen. Sie kauften 1869 kurzerhand das gesamte Gelände und sperrten die Abfahrtswege. Pfarrer Fritzsche weiß zu berichten, dass Basalt aus Herkersdorf sogar zum Bau der Kaimauern im Hamburger Hafen verwendet wurde.

Kirchen blieb beim Bezahlen allein

Nach dem Ersten Weltkrieg war der »Köppel« erneut in Gefahr, als ein Straßenbauunternehmen den Berg kaufen und abtragen wollte. Aufgrund der rasenden Geldentwertung konnten sich die Herkersdorfer allerdings nicht zu einem Verkauf durchringen. 1919 erhielt der Druidenstein das von Wilhelm Utsch aus Dermbach gefertigte Missionskreuz. Und noch einmal sorgte der Berg für Schlagzeilen. Pfingsten 1979 schlug ein Blitz ein und löste an der Nord-Ost-Seite tonnenschwere Gesteinsbrocken aus dem Fels. Dann ging es um die Sicherung und die Finanzierung. »Jeder machte mit dem Druidenstein Werbung, nur beim Bezahlen wollte keiner ran«, so Edmund Mertens, der damit auch die Betzdorfer Nachbarn meint. Die Kosten blieben bei der Gemeinde Kirchen hängen. 1981 erhielt der »Köppel« ein Korsett aus sechs Stahlbetonbalken, auch ein neues Kreuz wurde errichtet.

In der nächsten Folge der SZ-Serie soll vom Otto-Turm, den Druiden-Festspielen und dem Kirchbau die Rede sein. Dann wird Edmund Mertens nicht nur von der Theater-Tradition erzählen, sondern ebenfalls davon, dass es einst auch die »Veruneinigten Staaten« von Herkersdorf/Offhausen gab.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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