Musik untrennbar mit dem Namen Bovenderd verbunden

Von der Jungenthaler Kapelle zum Musikverein (Teil 1)/»Knüppelmusik« und Zither-Gruppe

thor Kirchen. »Überall wo gefeiert wird, da ist auch die Musik dabei«, formuliert Henning Plate vom Heimatverein ein ungeschriebenes »Gesetz«. Und – wie in so vielen Dingen – macht gerade hier Kirchen keine Ausnahme, wird in der Sieggemeinde doch gerne und vor allem oft ein kleineres oder größeres Fest auf die Beine gestellt. Schon in frühen Zeiten war ein Umzug in Kirchen ohne musikalische Begleitung unvorstellbar. Dabei kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die ersten Kapellen durch militärische Einflüsse entstanden.

Die ersten Berichte über eine organisierte Musikgruppe in Kirchen stammen aus dem Jahr 1895. Damals gründete sich eine Jungenthaler Kapelle, was vermuten lässt, dass die meisten Mitglieder bei der Lokomotivfabrik beschäftigt waren. Der erste Kapellmeister und Dirigent hieß Schwanengel war ein ehemaliger Militärmusiker und arbeitete am Amtsgericht. Die Musiker spielten in der so genannten »Kavallerie«-Besetzung, das heißt ohne Holzblasinstrumente. Schon damals war ein Mitglied jener Familie dabei, die später untrennbar mit der Kirchener Musikgeschichte verbunden bleiben sollte: Wilhelm Bovenderd. Noch vor dem Ersten Weltkrieg ertönte in Kirchen auch die erste »Knüppelmusik«. Der Kriegerverein hatte eigene Musikanten, die beim jährlichen Kriegerfest mit Trommeln und Flöten für die Marschmusik sorgten – eine frühe Form des Spielmannszüge. Nur sehr wenig weiß man noch über den Zitherverein »Edelweiß«. Um 1902 hatte der Verein immerhin 28 Mitglieder, Dirigent war G.H. Günther, und als 1. Vorsitzender fungierte Emil Krahl.

Während des Krieges war es zunächst einmal vorbei mit dem öffentlichen Musizieren. 1919 wurde die Jungenthaler Kapelle von Johann Schauer neu formiert, so dass das Volksfest von 1921 auf dem Kirmesfeld wieder die passende musikalische Begleitung hatte. Er war es auch, der in Offhausen die Kapelle Schauer ins Leben rief. Zu dieser Zeit war es übrigens alles andere als selbstverständlich, ein Instrument zu beherrschen. An den Schulen – mit Ausnahme der Gymnasien – wurde lediglich Gesang unterrichtet. Pfarrer i.R. Hans Fritzsche erzählt, dass früher die wohlhabenden Kirchener Familien ihre Töchter zum Klavierunterricht schickten: »Das gehörte zum guten Ton.« In einem Haus gegenüber von »Lang´s Ecke« habe in den 20er Jahren eine blinde Klavierlehrerin namens Dörr gewohnt.

1923 nannte sich die Jungenthaler Kapelle in Kirchener Feuerwehrkapelle um und wurde von Robert Jung aus Niederfischbach geführt. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Vielleicht erhoffte man sich mit dem neuen Namen auch neue Sponsoren, war das Feuerwehrwesen damals doch überaus populär.

Mit Beginn der Nazi-Diktatur war auch für organisierte Musikgruppen das bisher gekannte freie Wirken vorbei. Auffällig ist, dass in Kirchen neben der offiziellen Kapelle der »Partei-Organisation« die alte Feuerwehrkapelle offenbar weiter bestehen durfte. Als sie Anfang der 40er Jahre von Ernst Bovenderd übernommen wurde, trug sie allerdings den Namen Kirchener Musikkapelle. Bovenderd lebte für und mit der Musik. So gehörte er in jungen Jahren nicht nur gemeinsam mit seinen Brüdern der Feuerwehrkapelle an, sondern war auch Mitglied der Mandolinengruppe der »Fahrenden Gesellen«.

Nach dem Krieg wurde die Kirchener Musikkapelle von den Alliierten aufgelöst. Es sollte bis 1952 dauern, bis sich die Kirchener Musiker wieder formierten. Dabei ging die Initiative von einigen Arbeitskollegen der Fa. Jung aus. Am 25. Januar 1952 traf man sich in der Gaststätte »Zum Goldenen Engel« an der Siegener Straße und gründete den Musikverein »Bovenderd« Kirchen. Die acht Gründungsmitglieder Paul Baldus, Willi Bitzer, Ferdinand Brenner, Hermann Denter, Richard Kohles, Walter Röttgen und Ernst Bovenderd legten in ihrer Satzung fest: »Höchstes Ziel des Vereins ist es, kulturell wertvolle Musik in breiteste Schichten des Volkes, insbesondere der Jugend zu tragen sowie Förderung der Geselligkeit durch gemeinschaftliche Unterhaltung.«

Dank einer regen Vereins- und vor allem intensiven Nachwuchsarbeit erhielt der Musikverein regen Zuspruch. Schon Mitte 1953 wurden 42 Aktive gezählt. Stolz präsentierten die Musiker beim Schützenfest 1956 ihre neuen grünen Uniformen. Henning Plate: »Die Kapelle Bovenderd wurde zu einem festen Begriff für Kirchen, die auf keiner Festlichkeit mehr fehlen durfte.« Oft gab es Konzerte auf der »Sigambria« oder bei Heikaus.

Als Ernst Bovenderd 1972 starb, trat der bis dahin als Flügelhornist wirkende Paul Baldus ein schweres Erbe an. Doch auch er prägte den Verein nachhaltig bis zu seinem Ausscheiden Mitte der 90er Jahre. Heute ist Baldus Ehrendirigent, genauso wie Willi Stahl zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde. Er hatte 1980 die Leitung des Vereins an Ottomar Jung übergeben, nachdem er selbst das Amt von Ernst Bovenderd übernommen hatte. Als der Verein 2002 sein 50-jähriges Bestehen feierte, trennte man sich allerdings im Titel vom Namen Bovenderd. Es gibt nur noch den Musikverein Kirchen 1952 e.V. Immerhin hat der Verein seit einigen Jahren einen echten Bürgermeister in seinen Reihen: Im Gegensatz zum Rathaus gibt Wolfgang Müller hier nicht die Flötentöne an, sondern spielt brav die Tuba. In der nächsten Folge geht die musikalische Reise weiter in die Ortsteile, außerdem wird über den Posaunenchor berichtet.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen