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Zwei Niederfischbacher beklagen sich
Ohne Maske ein Mensch zweiter Klasse?

thor Niederfischbach. Das Stück Papier im DIN-A4-Format hat die beste Zeit schon länger hinter sich: Mehrfach gefaltet, ist es an einigen Stellen eingerissen und zerknittert. Spuren des häufigen Gebrauchs, denn Waldemar Schmidt hat es in den vergangenen Monaten unzählige Male aus seinem Portemonnaie geholt. Es ist ein Attest, ausgestellt am 28. Juli 2020 in einer Siegener Hausarztpraxis. Die Botschaft: Der 61-Jährige ist aufgrund seines gesundheitlichen Zustands nicht in der Lage, eine Atemschutzmaske zu tragen. Waldemar Schmidt ist also weder Betrüger noch Simulant – doch genau so fühlt er sich. Schlimmer noch: Er sieht sich als Schwerbehinderter in der Pandemie diskriminiert und ausgegrenzt.

thor Niederfischbach. Das Stück Papier im DIN-A4-Format hat die beste Zeit schon länger hinter sich: Mehrfach gefaltet, ist es an einigen Stellen eingerissen und zerknittert. Spuren des häufigen Gebrauchs, denn Waldemar Schmidt hat es in den vergangenen Monaten unzählige Male aus seinem Portemonnaie geholt. Es ist ein Attest, ausgestellt am 28. Juli 2020 in einer Siegener Hausarztpraxis. Die Botschaft: Der 61-Jährige ist aufgrund seines gesundheitlichen Zustands nicht in der Lage, eine Atemschutzmaske zu tragen. Waldemar Schmidt ist also weder Betrüger noch Simulant – doch genau so fühlt er sich. Schlimmer noch: Er sieht sich als Schwerbehinderter in der Pandemie diskriminiert und ausgegrenzt.

"Grundrechte mit Füßen getreten"

Gemeinsam mit Jürgen Mockenhaupt, Versichertenältester der Knappschaft in Niederfischbach und zudem Mitglied im Ortsgemeinderat, wagt Schmidt nun den Gang an die Öffentlichkeit. Zum einen, um seinem Ärger Luft zu machen, viel mehr aber noch, einen Appell an Mitbürger und Einzelhändler zu richten, differenziert zu urteilen. „In vielen Fällen werden momentan die Grundrechte von schwerkranken Menschen mit Füßen getreten“, sagt Mockenhaupt, dessen Frau und Tochter (Tourette-Syndrom) ebenfalls von der Maskenpflicht befreit sind.

Bei Waldemar Schmidt ist es so, dass sein Lungenvolumen extrem begrenzt ist, schon das Atmen ohne Maske fällt ihm schwer. Er hatte sich zunächst eines der Gesichtsvisiere besorgt, die inzwischen wegen Unwirksamkeit nicht mehr zulässig sind. Danach hatte sich der gebürtige Kreuztaler Masken in Kindergrößen besorgt, damit die Nase frei blieb. Im ersten Lockdown sei das mehr oder weniger toleriert worden, doch nach dem Sommer habe sich die Situation deutlich verschärft.

Hausverbot bei Edeka

Besonders seine Erlebnisse im heimischen Edeka-Markt haben Schmidt sehr mitgenommen. Jahrelang sei er dort ein treuer Kunde gewesen, zuletzt sei das Verständnis für seine Situationen gegen null tendiert. Nach einem „Streitgespräch“, wie er es nennt, sei ihm schließlich Hausverbot erteilt worden. Ähnliche Erfahrungen habe er in einem Discounter in Niederfischbach und in einem Baumarkt in Betzdorf gemacht.

Den Höhepunkt erlebte der 61-Jährige nach eigenen Angaben dann in einem Einkaufsmarkt in Niederschelderhütte. Dort sei er von einem weiteren Kunden, der sich als Intensivpfleger vorgestellt habe, lautstark beschimpft worden – auch nachdem er den Angestellten sein Attest gezeigt habe und diese keine Probleme gesehen hätten. „Wir werden behandelt, als wären wir der letzte Dreck.“ Dabei vermeide er in Geschäften ganz bewusst die Nähe zu Menschen, sagt Schmidt mit Verweis auf den Eigenschutz: „Denn wenn ich mich mit Corona anstecke, dann war’s das.“

Aggressionen gegen Behinderte

Auch Jürgen Mockenhaupt hat ähnliche Erfahrungen gemacht, u. a. in einem Tierfuttergeschäft in Siegen. Dort seien seine Frau und Tochter so behandelt worden, dass er als 54-jähriger Mann mit Tränen in den Augen den Laden verlassen habe. „Die Menschen werden immer unzufriedener, und sie werden immer ängstlicher“, hat der Niederfischbacher beobachtet. Es könne aber nicht sein, dass diese Angst in Aggressionen gegenüber Behinderten münde. „Darüber macht sich die Gesellschaft keine Gedanken.“ Und auch vonseiten der Ämter gebe es wenig Unterstützung, meint Mockenhaupt.

Was das Verhalten der Verantwortlichen des Edeka-Markts angeht, hat der Versichertenälteste eine eigene Meinung: Die Niederfischbacher Geschäftsleute würden stets dafür werben, lokal einzukaufen. Genau das habe Waldemar Schmidt auch immer beherzigt. Insofern sollte man auch mehr Rücksicht erwarten dürfen. Mockenhaupt: „Auch so kann man die Einkaufskraft vor Ort kaputt machen.“

Britta Zöller, Inhaberin des Edeka-Markts, sprach gegenüber der SZ von einem schwierigen Abwägungsprozess. Sie trage die Verantwortung für über 50 Mitarbeiter: „Wir müssen auch uns und unsere Kunden schützen.“ Inzwischen würden die Mitarbeiter auch hinter den Plexiglas-Trennwänden noch Masken tragen. Zöller bestätigte, dass man im Fall Schmidt das Hausrecht wahrgenommen habe. Gleichzeitig aber habe man ihm auch angeboten, den Lieferservice des Marktes in Anspruch zu nehmen.

Keine Probleme in Celle

Waldemar Schmidt aber möchte sich nicht beliefern lassen. Er sei Gott sei Dank noch mobil, wolle daher weder in seiner Wohnung noch in Niederfischbach eingepfercht sein. Dass es auch anders geht, habe er vor Weihnachten beim Besuch eines Freundes in Celle erfahren. Dort habe es beim Einkaufen keinerlei Probleme gegeben, weder vonseiten des Personals noch der anderen Kunden.

Die beiden Niederfischbacher sind sich darüber im Klaren, dass mit Attesten auch eine Menge Schindluder getrieben wird und Fälschungen reihenweise aus dem Internet heruntergeladen werden. Deshalb könne man aber nicht auch die tatsächlich Kranken unter Generalverdacht stellen. Schmidt könnte sich in diesem Zusammenhang sogar eine Art Plakette vorstellen, mit denen eine legale Maskenbefreiung sichtbar werde. Mockenhaupt lehnt das ab: „Wir sind nicht ja nicht Menschen zweiter Klasse.“ Wenn es Zweifel gebe, könne auch jederzeit das jeweilige Ordnungsamt hinzugezogen werden.

Appell: Mehr Respekt

Schmidt hat sich zwischenzeitlich mit seinen Problemen auch an Ortsbürgermeister Dominik Schuh und Bürgermeister Maik Köhler gewandt. Die Edeka-Zentrale hat von ihm ein Schreiben erhalten, in dem er sich jede Werbung im Briefkasten verbittet. Auch Mockenhaupt will seine Verbindungen spielen lassen und Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler kontaktieren. Doch beide wissen auch, dass Politik allein nicht helfen kann. Der Appell an die Öffentlichkeit müsse daher lauten: Mehr Respekt und Verständnis für Schwerkranke aufbringen – auch wenn der erste Blick auf unbedeckte Münder und Nasen schwer fällt.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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