Omnibusunternehmerin mit Leib und Seele

Martha Becker:

Niederfischbacher Linienbusunternehmen August Becker feiert 75-jähriges Bestehen

ruth Niederfischbach. Es begann alles mit dem legendären »Blauen Heinrich«, ein umgebauter Lastwagen, ein Horch, der wegen des »H« als Firmenzeichen auf der Motorhaube und seines blauen Anstrichs bald schon den Spitznamen »Blauer Heinrich« bekam. Zahlreiche Geschichten und Anekdoten ranken sich um diesen Bus. Fakt ist, dass das Omnibusunternehmen August Becker in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feierte.

Das Werk weitergeführt

Von vielen Schicksalsschlägen gebeutelt und mit der Kraft und dem Willen einer »Aufbaugeneration« hat sich die Firma August Becker immer wieder »berappelt«. Durchhaltevermögen hat dabei immer wieder die Schwiegertochter des Firmengründers bewiesen: Martha Becker leitet seit 29 Jahren das Familienunternehmen. 1973, nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, der im Alter von nur 44 Jahren gestorben ist, stand sie vor der Wahl: aufgeben und als Hausfrau ihre damals vier minderjährigen Kinder durchbringen oder das Werk ihres Vaters und Mannes weiterführen. Wie bekannt ist, entschloss sie sich für die schwierigere Aufgabe und führte das Unternehmen allein weiter. Mit Erfolg. Obwohl sie nie den Busführerschein gemacht hat, lief der Betrieb gut – jetzt schon seit einem dreiviertel Jahrhundert.

Marktlücke erkannt

Erfindungsreichtum und ein Gespür für die richtige Marktlücke waren die »Väter« des Erfolges des Niederfischbacher Unternehmers August Becker. In den Anfangszeiten beförderte Becker die Arbeiter zu ihren Arbeitsplätzen an den Gruben, die Bewohner der Außengemeinden zu den sonntäglichen Gottesdiensten. In den dreißiger Jahren ging es mit der wachsenden Wirtschaft auch bei Becker steil aufwärts. Der Omnibusbetrieb wurde um einen Reisedienst erweitert. Sport- und Kulturvereine nahmen die Dienste August Beckers dankbar an.

Während des Zweiten Weltkriegs litt auch das Niederfischbacher Unternehmen unter den knapper werdenden Mitteln. Der Staat zog die besten Busse zur Personenbeförderung ein, der Treibstoff wurde immer teurer und knapper. Kurzerhand rüstete August Becker seine Busse auf Holzvergaser um, die er auf einen Anhänger montierte. Zwar war es ein mühsames Geschäft, den Vergaser am Leben zu halten, und das eine oder andere Mal musste während der Fahrt »gestocht« werden, doch dafür war Becker weiter im Geschäft.

Auf Diesel umgestellt

Nach dem Krieg gehörte August Becker zu den ersten, die die Busse von Benzin auf Dieselkraftstoff umstellten. Benziner waren damals die Regel. Seine Busse kaufte der Unternehmer damals nur als Chassis. Die Aufbauten und das Innenleben der Busse ließ er nach seinen Vorstellungen anfertigen. Damit konnte er die Kosten im Griff behalten und dennoch seine Busse individuell gestalteten. 1960 wurde die Beckersche Privatlinie Niederfischbach- Betzdorf von der Bundesbahn übernommen.

Im Mai 1972 starb August Becker 85-jährig. Der mittlerweile stark expandierte Betrieb ging an seinen Sohn Richard über, der wie schon erwähnt, nur acht Monate nach seinem Vater 44-jährig starb.

Heute fahren acht Busse für das Busunternehmen Becker im Linienverkehr ––vorwiegend im Auftrag der Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd. Ein Bus ist für den Busverkehr Rhein-Sieg im Einsatz, er bedient die Strecke Niederfischbach – Betzdorf ––Dillenburg. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens organisierte Martha Becker eine Fahrt in die Schweiz. Ihr jüngster Sohn Lars steuerte den Bus nach Savoyen, wo die rund 50 Fahrgäste in den bekannten Bernina-Express umstiegen und nach Posciavo gebracht wurden. Von dort aus ging es wieder mit dem Bus über St. Moritz und dem Lage Maggiore zurück nach Niederfischbach. Ganz bewusst hat das Unternehmen auf größere Aktivitäten zu seinem Jubiläum verzichtet und dafür einen ansehnlichen Betrag zur Anschaffung des Kindernotzarztwagens gespendet.

Für Martha Becker ist das Geschäft im Laufe der Jahre nicht leichter geworden. Immer mehr Auflagen, immer teuerer werdender Kraftstoff bereiten der Unternehmerin Sorgen. »Früher war’s leichter ein Busunternehmen zu führen«, meint sie rückblickend ––trotz der vier Kinder, die sie durchbringen musste. Im Januar sind es dreißig Jahre, seit sie das Unternehmen allein führt. Zurzeit überlegt sie, ob es überhaupt noch Sinn macht, die Firma am Lars Becker zu übergeben. Der Rettungssanitäter ist stets zur Stelle, wenn Not am Mann ist – in jeder Hinsicht. Soweit es seine Zeit zulässt, springt er für erkrankte Fahrer ein und fährt schon mal »Linie«.

Neues Standbein gesucht

Ein neues Standbein könnten die Ausflüge werden. So wie der in die Schweiz. Martha Becker will weitere Ausflugsfahrten anbieten und sehen, wie sie bei den Kunden ankommen. Ganz aufhören will sie nicht. Auch wenn Lars das Geschäft übernimmt. »So ganz wird sie nie aus dem Betrieb aussteigen«, meint Lars. Er muss es wissen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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