Panzer konnten die Dampflokomotiven nicht ersetzen

Eine Firmengeschichte wie ein Roman (Teil 4)/1959 war das Ende der »Dampfrösser« gekommen/1993 schlossen sich die Werkstore

thor Kirchen. Der Zweite Weltkrieg hatte der Fa. Jung zunächst eine zuvor nie gekannte Produktionsrate beschert, die Belegschaft war einschließlich der Zwangsarbeiter auf rund 2000 Mann gestiegen – und dann, im Frühjahr 1945, brach alles zusammen. Im Werk im Jungenthal waren 25 Prozent aller Betriebseinrichtungen zerstört, doch die härtesten Einschnitte standen noch bevor. Die Franzosen als Besatzungsmacht ließen Betriebsmittel im Wert von 15 Mill. Mark entfernen, dabei u.a. rund 300 zum damaligen Zeitpunkt hoch moderne Werkzeugmaschinen. Außerdem durfte Jung keinerlei Reparaturen an Dampflokomotiven durchführen. Jegliche Entwicklungsarbeiten und Neubauten waren untersagt. Während dieses Verbot in den anderen Besatzungszonen 1948 aufgehoben wurde, galt es für Jung noch bis 1949 – ein denkbar schlechter Start für einen Neubeginn im Vergleich zur Konkurrenz.

Konkurrenz hatte Vorsprung

Als weiterer Nachteil sollte sich die zunehmende Nachfrage nach Diesel-Loks erweisen. Auf diesem Feld hatten andere Firmen einen deutlichen Vorsprung. Alle Hoffnungen ruhten auf dem Neubauprogramm der Bundesbahn, das im Jahr 1949 begann. Ein Jahr später erhielten die Kirchener einen Auftrag über die Lieferung der ersten Dampfloks der neuen Baureihe 23. Auch die Kontakte ins Ausland wurden schnell wieder aufgebaut. Im Spätsommer 1951 orderte die Finnische Staatsbahn 20 schwere Dampfloks. Weitere »Reiseziele« waren u.a. Griechenland, Jugoslawien, Angola, Jordanien und die Türkei. Da die Loks oft in Einzelteilen verschickt wurden, war es üblich, dass Monteure von Jung mitfuhren, um den Aufbau vor Ort zu leiten.

Doch das Zeitalter der Dampflokomotiven neigte sich unwiderruflich seinem Ende entgegen. Mit der Auslieferung der letzten Lok der Baureihe 23 an die Bundesbahn im Dezember 1958 war ein großes Kapitel in Kirchen vorbei. 73 Jahre lang hatten Dampfloks den Namen Jung in alle Welt getragen. Die »23105« steht heute im Deutschen Verkehrsmuseum in Nürnberg.

Auch wenn sich die Geschäftsführung alle Mühe gab, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten: Der Zug der Moderne hatte Tempo aufgenommen, und bei Jung konnte man nur mühsam folgen. Gemeint waren die neuen Diesel- und E-Lokomotiven. Anfang der 50er Jahre war eine Diesel-Gelenklok der Baureihe V29 konstruiert worden, es folgten Aufträge für die Baureihe V60 und später die V100. Bei den Exporten von Diesel-Loks in den 50er Jahren fällt besonders eine Lieferung von 44 Loks nach Ägypten auf. Eine »Krönung« auf dem Gebiet der Eigenentwicklungen im Diesellokomotivbau stellte 1967 die Übergabe von zehn 2000 PS starken Loks an die Griechischen Staatsbahnen dar. Diese Co`Co`-dieselelektrische Lok wurde mit einer elektrischen Ausrüstung von Siemens gebaut. Bei den elektrischen Zugmaschinen stach besonders die Bo´-Bo´-elektrische Zweikraftlokomotive hervor. Sie war für den schweren Rangier- und Güterzugdienst ausgelegt.

In den 60er Jahren gewann die Produktion von Werkzeugmaschinen, die bereits 1949 ins »Programm« aufgenommen worden waren, zunehmend an Bedeutung. Bei der Fa. Jung beschäftigte man sich in erster Linie mit so genannten Vertikal-Drehmaschinen (Karussell), die für die Bearbeitung von schweren und sperrigen Werkstücken konstruiert war. Mit immer neuen Typen war man Jahr für Jahr auf den Messen präsent. Wie es die großen Lokomotiven vorgemacht hatten, so gingen auch die Werkzeugmaschinen in alle Welt. Ein weiteres Standbein der Fa. Jung war der Apparate-, Behälter- und Anlagenbau sowie der allgemeine Maschinenbau. Schon nach dem Ersten Weltkrieg, als das Geschäft mit den Lokomotiven fast zum Erliegen gekommen war, hatte der Behälterbau einen großen Teil der Arbeitsplätze gesichert. Das Unternehmen lieferte alles: von der Rohrleitung bis zur kompletten Abwasseranlage.

Bergepanzer-Prototyp entwickelt

Im Jahr 1959 setzte eine Entwicklung ein, die zwar über viele Jahre hinweg Millionen in die Firmenkasse spülte, letztlich aber auch entscheidend zum Untergang der Firma beitrug: Bereits in den 30er Jahren war Jung in die Panzerfertigung eingebunden worden. Mit dem Abschied von den Dampfloks sahen die Verantwortlichen hier einen neuen Schwerpunkt. Ab 1959 war Jung an der Konstruktion und dem Bau von Prototypen und Vorserienfahrzeugen des Kampfpanzers »Leopard« beteiligt. 1963 vergab das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung einen Auftrag zur Entwicklung eines Bergepanzers mit der Vorgabe, die Baugruppen des »Leopard« weitgehend zu übernehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Bundeswehr nur mit amerikanischen Bergepanzern ausgerüstet. Die Kirchener trieben die Arbeiten für den Bau eines solchen Panzers gemeinsam mit Porsche voran und erprobten auch die ersten Prototypen.

Jung lieferte später die komplette Bergeeinrichtung, das Wannengehäuse sowie Laufwerksteile. Die Bundeswehr erhielt 1966 mit dem Bergepanzer »Standard« ein damals hoch modernes Fahrzeug, das auch für Räumdienste eingesetzt werden konnte und über die gleiche Beweglichkeit eines »Leopard« verfügte. Der Panzerbau sollte immer wichtiger werden. Dabei war der Fertigungsbereich auf dem Werksgelände »top secret«, wie Werner Panthel vom Heimatverein (und selbst viele Jahre bei Jung beschäftigt) berichtet: »Da kam man nur mit Passierschein rein. Alle Mitarbeiter wurden vereidigt.«

Kurzarbeit Mitte der 70er

Noch Anfang der 70er Jahre bot das Werk im Jungenthal rund 1400 Menschen eine Arbeit. Was folgte, war ein massiver Stellenabbau. Einige Jahre später tauchten dann die ersten Negativ-Schlagzeilen auf, als es hieß: »Jung führt Kurzarbeit ein«. Zum »starken Mann« avancierte der 1976 von den Banken eingesetzte Geschäftsführer Hans Fries. Der Konkursverwalter stand fast schon vor den Toren, doch ein neuer Kredit sicherte noch einmal die Existenz. Nachdem die Familie Hintze aus der Geschäftsleitung ausgeschieden war, erfolgte später – 1981 – die Umbenennung von »Arn. Jung Lokomotivfabrik« in »Jung-Jungenthal«.

Mitte 1992 spitzte sich die Situation dramatisch zu – die Auftragslage im Rüstungsgeschäft war katastrophal. Erste Gerüchte von einer Schließung des Betriebs machten die Runde, die rund 300 verbliebenen Beschäftigten fürchteten um ihre Arbeitsplätze. Politiker und Gewerkschafter schalteten sich sein – vergebens. Im Mittelpunkt der Kritik: Hans Fries, der damals, so der Vorwurf, jegliche Gesprächsbereitschaft vermissen ließ. Am 30. September 1993 kam nach mehr als 100 Jahren Industriegeschichte das Aus für das Werk im Jungenthal.

Heute, zehn Jahre danach, ist immerhin zum Teil wieder Leben in die alten Hallen eingekehrt. Viele Kirchener denken allerdings nach wie vor mit Wehmut an jene Zeit zurück, als die Fabrik Arbeit für Generationen bot und ganze »Karawanen« vom Bahnhof aus ihre Arbeitsstellen ansteuerten. Kaum zu glauben: Eduard Panthel, der Vater von Werner Panthel, arbeitete fast 57 Jahre lang, von 1897 bis 1954, im Jungenthal. Und auch seine drei Söhne folgten ihm ins Werk: als Kaufmann, Werkzeugmacher und Dreher. Jahrzehnte später noch ist bei vielen »Ehemaligen« der Stolz in der Stimme zu vernehmen, wenn sie von ihrer Zeit bei Jung sprechen. So erinnert Werner Panthel an die »hoch qualifizierte« Ausbildung, die man bei der Firma genossen habe: »Ohne einen vernünftigen Abschluss haben die keinen rausgelassen.«

Auch wenn es zuletzt die Panzer waren – der Name Jung wird auf immer und ewig mit den Lokomotiven verbunden bleiben. Insgesamt 14285 Stück wurden in Kirchen gefertigt. Noch heute sind viele historische Dampfloks von Jung im Einsatz, wie z.B. die »Spreewald« in Bruchhausen-Vilsen.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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