Panzerteile mochte sie nicht zeichnen

Irmhild Gregoreck hat »Nachkriegsgeschichte der Psychiatrie« hinter sich / Begehrte Gedichte

goeb Kirchen. Das Gebetbuch und die Brille, die ihr gehörte, hat er ihr nie geschickt. Das war damals, vor vielen Jahren, als Irmhild Gregoreck einen Verlobten in der Schweiz hatte. »Mir war nicht bewusst, was Liebe war«, merkt die heute in Alsdorf wohnende Dame leise an. Sie wollte nicht mehr, und seine Familie machte auch Druck wegen ihrer Krankheit. Da zerbrach die zarte Bande.

»Ich war wie gelähmt«

Sie reiste zu ihrem Bruder nach Bonn. »Tu sie doch mal in die Klinik«, riet die Schwägerin. Doch der Bruder hielt nichts von der Idee. »Ich war wie gelähmt«, erinnert sich die heute 60-Jährige, von der Eberhard Köhler, der Leiter der Tagesstätte für psychisch Kranke in Kirchen, sagt, sie habe die ganze Nachkriegsgeschichte der deutschen Psychiatrie miterlebt. Wohl an die 40 Klinik-Aufenthalte hat die gelernte Technische Zeichnerin hinter sich.

Sie erinnert sich an viele unschöne Dinge: Tabletten und andere Medikamente, an vergitterte Zellen ohne Tisch und Stuhl, an das Eingepferchtsein auf engstem Raum mit anderen Patienten, an erbärmliche hygienische Zustände – und an das Schlimmste: den Mangel an Engeln in Menschengestalt, Menschen, die zuhören können und verstehen.

Mit sich selbst ist sie wenig zimperlich: »Ich bin ein harter Brocken, ich habe viele Leute belastet.« Damit meint sie nicht etwa ihr Auftreten. Im Gegenteil, Irmhild Gregoreck ist eine aufmerksame und konzentrierte Gesprächspartnerin mit viel Verständnis für die Zwischentöne. Denn die machen die Musik. Nein, es ist ihr unangenehm, dass sie, die in ihrem Leben mehr ehrenamtlich als amtlich gearbeitet hat, Kosten verursacht hat. »Wenn die Leute nur mit mir geredet hätten, wie hier in Kirchen. Das ist ein Segen.« Mit vier Jahren flüchtete das Mädchen mit seiner Tante und den Großeltern aus Niederschlesien in einem Viehwaggon. Über ein Dorf in Niedersachsen kam sie als Achtjährige nach Altenkirchen und später nach Alsdorf. Nach dem Besuch der Mädchen-Realschule in Betzdorf lernte Irmhild Technische Zeichnerin bei der Fa. Jung im Normenbüro. Teile für Panzer habe sie zeichnen müssen, sagt sie und fühlt noch nach all den Jahren Widerwillen. »Ich konnte das nicht.«

Richtige Probleme bekam sie als 17-Jährige nach einem Streit mit den Eltern. Nicht mehr zur Toilette gehen konnte sie, und nicht mehr schlafen. Sie erwähnt die Aufnahme des Großvaters in das Alsdorfer Haus und die Nächte in »ihrem« Zimmer, in dem Fern gesehen wurde. Sie brauchte Ruhe und fand keine. »Ab da hat sich alles nur noch um meine Krankheit gedreht.«

Heute besucht die Alsdorferin werktags die Tagesstätte und kann sich nichts Besseres vorstellen. Ihr Wunsch ist einfach. Sie möchte hier bleiben, »bis ich ins Altenheim gehe«. Eberhard Köhler wär’s nur recht. In der schönen Villa in der Kirchener Ortsmitte herrscht eine gute, heilsame Atmosphäre. »Es ist die tolle Gemeinschaft hier«, schwärmt Frau Gregoreck. Und nicht nur ihrer Meinung nach wohnen der Gemeinschaft die stärksten Heilkräfte inne. Sie ärgert sich über das Bild, das in der Öffentlichkeit von psychisch Kranken Menschen herrscht. »Wir sind keine Verbrecher!« Da kennt sie kein Pardon. »Für uns ist sie eine Philosophin«, befindet der Leiter über die belesene Dame, ein bekennender Anselm Grün-Fan übrigens. »Ach, ich bin nur ein weiser Tor«, entgegnet sie süffisant.

Zahlreiche Gedichte hat sie verfasst im Laufe der Jahre. Auch die sprachen in ihr, wie die Stimmen, die sie manchmal, an den Tagen, wo es ihr nicht so gut geht, hört. »Aber die Gedichte sprachen mit einer Stimme, die mir angenehm war.« Einige hat sie in der Zeitschrift »Türen – Wege ins Licht« (Herausgeber Caritasverband Betzdorf) veröffentlicht, und auch die Telefon-Seelsorge Siegen verlangte des öfteren nach aktueller Lyrik aus der Feder Irmhild Gregorecks.

Viel Kraft schenkt ihr der Glaube an Gott. »Erst in der Betzdorfer Gegend habe ich den Glauben richtig erfassen können«, befindet sie. Ein Kranken-Kommunionschälchen zu Hause erlaubt ihr die tägliche Kommunion. Zwei Jahre hat Irmhild Gregoreck nun schon keine psychiatrische Klinik mehr betreten. Und sie hat sich fest vorgenommen, keine mehr von innen zu sehen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen