Preußens späterer Kaiser bei Kirchens frühem Millionär

Fünf Familien prägten den Ruf vom »Dorf der Millionäre« (Teil 1)/Villen zeugen heute noch vom einstigen Reichtum der Herren Jung, Stein und Co.

thor Kirchen. Vergessen wir einmal für einige Zeit die aktuell schlechten Nachrichten, was die finanzielle Situation der Ortsgemeinde Kirchen angeht. Es gab eine Zeit, da waren »Fehlbetrag«, »Verbandsgemeindeumlage« und »Haushaltssicherungskonzept« Fremdwörter. Es war die Zeit, als sich Kirchen den Ruf als »Dorf der Millionäre« und »Perle an der Sieg« erwarb. Verantwortlich dafür war eine Handvoll betuchter Familien, die Kirchen nicht nur gesellschaftlich, sondern auch optisch – durch den Bau zahlreicher prächtiger Villen – einen gewissen Glanz verliehen.

Das machte schon frühzeitig Eindruck. Henning Plate vom Heimatverein hat in einem historischen Reisebericht nachgeschlagen. Da heißt es: »Die Aussicht von den bequemen Wegen und hohen, ernsten Buchen-Gängen bietet einen raschen Wechsel von wilder Hochwaldromantik und lieblicher Thal-Idylle, aus welchen sich vorzüglich die Häuser von Kirchen gegenüber, wie ebenso viel freundliche Villen niedlich hervorthun.« Woanders wurde noch mehr geschwärmt: »Mit seinen beiden Kirchen, den hübschen, vielfach villenartigen Häusern, die von schönen Gartenanlagen umringt sind ... bietet der Ort dem Auge einen solch malerischen Anblick, dass es schwerfällt, sich den Eindrücken zu entziehen.«

Mit einem Webstuhl fing es an

Für diese Eindrücke sorgte auch die Familie Jung: Der »Stammvater« der Dynastie war Schul- und Kirchmeister Tielmann Jung (1702-1763), Sohn der Burgschulzen Heinrich Jung zu Freusburg. Er bezog ein Haus an der Hauptstraße 48 im Oberdorf, das noch heute steht. Sein Sohn Johann Christian lieh sich Geld und kaufte damit seinen ersten Webstuhl. Die Tücher wurden auf den umliegenden Märkten angeboten. Seine Frau verkaufte »nebenbei« noch Lebkuchen. Es waren die Anfänge der Baumwollspinnerei, welche die Söhne von Johann Christian Jung zur größten in der Grafschaft Sayn ausbauten. 1801 war die neue Fabrik im Siegtal im Bereich der Asdorfmündung eröffnet worden.

Schon früh wurde der Name Jung in Kirchen unsterblich, denn bereits 1797 hatte der Freiherr von Hardenberg verfügt, dass das Land am Endlauf der Asdorf »Jungenthal« genannt werden soll – noch heute ein Begriff. An der Mündung erbauten 1818 die Brüder Johann Gerlach Lorenz und Christoph Ernst Jung das »Haus Jungenthal«. Und hier empfing man ein Jahr später höchst prominenten Besuch: Am 1. September 1819 war Preußenprinz Wilhelm, der später als Kaiser Wilhelm I. in die Geschichte einging, in Kirchen bei den Jungs zu Gast. Doch mit der Spinnerei ließ sich immer weniger Geld verdienen. Hinzu kam, dass die Familie Jung im amerikanischen Bürgerkrieg finanziell die Südstaaten unterstützte, weil dort die Baumwolllieferanten ansässig waren. Bekanntlich siegte jedoch der Norden.

Firma mit Weltruf gegründet

So blieb es Arnold Jung überlassen, die Tradition des erfolgreichen Unternehmertums in der Familie fortzusetzen. Er gründete 1885 in den leeren Werkshallen der Spinnerei eine Lokomotivfabrik, und mit den Loks wurde nicht nur der Name Jung, sondern auch Kirchen weltbekannt. Die Fabrik wurde später von Paul Hintze übernommen, der eine Tochter von Arnold Jung geheiratet hatte. Er war als Brückenbauingenieur in Kirchen »hängen geblieben«. Es muss ein beeindruckendes Bild gewesen sein, wenn man Pfarrer i.R. Hans Fritzsche erzählten hört, wie die Hundertschaften, die in der Fabrik beschäftigt waren, morgens und abends durch die Bahnhofstraße zogen.

Insgesamt sechs Generationen der Familie Jung lebten im »Haus Jungenthal«. Am 8. April 1981 wurde das stattliche Gebäude abgerissen, weil es den Ausbauarbeiten für die neue L280 weichen musste. Das Ende der Jung´schen Fabrik kam 1993.

Arnold Jung ließ für seine beiden Töchter zwei prächtige Villen bauen, umgeben von schönen Parks: auf dem Riegel die »Villa Hintze« (erbaut 1909-11), und auf dem Brühlhof die »Villa Ederhoff« (erbaut Anfang der 20er Jahre). Ein weiteres Junghaus steht heute noch an der Hauptstraße 26. 1859 erbaut, residierten hier die Geschwister Ernst und Mathilde Jung. Auch hier war das Gebäude in einen prächtigen Garten mit exotischen Gewächsen und Zierhölzern eingebettet. 1909 ging das Anwesen in den Besitz von Otto Stein über. Nach 1950 wurde es einige Jahre als kath. Kindergarten genutzt, heute befindet es sich wieder in privater Hand.

So spannt sich der Bogen zur Familie Stein: Erstmals tauchte das Geschlecht – urkundlich erwähnt – in der Person des Schneidermeisters Johann Engel Stein auf, der Ende des 17. Jahrhunderts von Friedewald nach Kirchen kam. Seine Nachfahren waren von einem »erstaunlichen Unternehmergeist« beseelt, wie Pfarrer Fritzsche treffend anmerkt. Sie traten als Gerichtsschöffen in Erscheinung, betätigten sich im Berg- und Hüttenwesen, unterhielten Gaststätten und betrieben zahlreiche andere Geschäfte, sodass sie es zu Ansehen und Reichtum brachten. Doch nicht immer hielt es Familienmitglieder in Kirchen: Bergmeister Ludwig Stein wanderte 1825 zusammen mit 17 Bergleuten aus dem Siegerland nach Mexiko aus, um dort sein Glück zu versuchen.

Der spendable »Ochsenmillionär«

Das Stammhaus der Steins stand an der Ecke Hauptstraße/Brunnenstraße. Nach seinem Abriss befand sich dort das oben erwähnte Haus der Geschwister Jung. Ein weiteres frühes Haus der Familie war dort, wo sich heute der Lebensmittelmarkt neben der ev. Kirche angesiedelt hat. Um 1900 wohnte hier Bergassessor Alfred Stein (1858-1924) – in Kirchen nur als »Ochsenmillionär« bekannt, galt seine »heimliche Liebe« doch der Landwirtschaft. Er war es auch, der der Gemeinde einfach so 200000 Mark schenkte. Heutzutage wären das umgerechnet etwa 2 Mill. Euro (womit wir wieder bei den Tränen von Bürgermeister Müller wären, siehe jüngster Haushaltsbericht). Alfred Stein hatte aber auch von der großen Armut auf dem Westerwald gehört. So kamen auch die Gemeinden Weyerbusch und Flammersfeld in den unverhofften Genuss von 120000 Mark.

Stein im »Otto-Turm« verewigt

Über dem Haus des »Ochsenmillionärs«, an der Hauptstraße 21, erstrahlt heute wieder die Villa des Otto Stein in alter Herrlichkeit. Otto Stein wurde am 16. Juli 1854 als zweiter Sohn des königlichen Kommerzienrats und Grubenbesitzers Theodor Stein geboren. Nach dem Studium an der Bergakademie trat er ins elterliche Unternehmen ein. Er heiratete Anna Dorothea Jung und zog in das Haus an der Hauptstraße ein. Otto Stein galt als kunst- und naturliebender Mensch. Er bleibt für immer im »Otto-Turm« verewigt, den er 1908 auf seine Kosten für die Bevölkerung errichten ließ.

Wechselvoll ist auch die Geschichte einer weiteren Stein´schen Villa. Sie stand in der ehemaligen Gartenstraße oberhalb der Lindenstraße. Erbaut wurde sie von Carl Stein (1803-1871), dem Gründer der Wehbacher Friedrichshütte. Hier wohnten sein Sohn Julius sowie dessen Schwester, Frau Bergmann, die spätere Frau von Morstein. Später wurde die Villa als Direktorenhaus genutzt, und 1894 an den Direktor des Fischbacherwerks verkauft. Anschließend war Gerbereibesitzer und Lederfabrikant Karl Siebel Eigentümer, ehe es als »Parteihaus« in Kirchen bekannt wurde. Nach dem Krieg war hier die kath. Volksschule untergebracht. 1968 wurde der Prachtbau, nicht nur für Henning Plate unverständlich, wegen des Neubaus einer modernen Schule abgerissen.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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