Selbst Carl Stein musste 2 Pfennige Wegezoll bezahlen

Die Geschichte von Kircherhütte, Grindel, Rußloch und »Gerberei«/»Börnches«-Schüler wollten nicht in Kirchen zum Unterricht gehen

thor Kirchen. Wer heute nach Kirchen kommt bzw. die Gemeinde verlassen will, der hat ziemlich leichtes Spiel. Und das nicht nur, weil der Ort dank der B62 und anderer Straßen bestens »erschlossen« ist. Es ist im 21. Jahrhundert unvorstellbar, dass sich im Rußloch plötzlich vor einem Autofahrer ein Schlagbaum senkt und der Reisende von freundlichen Staatsdienern aufgefordert wird, etwas Wegezoll zu entrichten. Der moderne Kirchener würde an einen Aprilscherz denken und die Straßensperre – im besten Fall – einfach nur ignorieren.

Stein wollte Pauschale zahlen

Dabei ist es gar nicht mal so lange her, dass auf der Kircherhütte das Durchkommen mit einem erzwungenen Stopp verbunden war. Noch vor 180 Jahren versperrte hier ein Schlagbaum den Weg ins Oberbergische. Jedes Passieren kostete 2 Pfennige – ohne Ware. Diese »Maut« musste auch der zu seiner Zeit höchst einflussreiche Kirchener Industrielle Carl Stein entrichten, wenn er hoch zu Ross auf seinem Weg nach Gerlingen war, wo eine seiner Hütten stand. Stein musste sich jedesmal der gleichen Prozedur unterziehen: Vom Pferd steigen, den weiten Mantel öffnen, die Börse ziehen und zwei Pfennige suchen. Das alles wurde ihm irgend wann zu dumm, sodass er beim Amtmann in Altenkirchen die Zahlung einer Pauschale beantragte, um das umständliche Zahl-Verfahren zu umgehen. Allerdings ließ sich die Obrigkeit nicht durch den prominenten Namen einschüchtern. Carl Stein wurde geraten, doch künftig das Geld immer passend in der Hand zu halten, schließlich sei die Höhe des Zolls immer gleich. Es gab freilich auch andere Möglichkeiten: Unter der Hand wurden in Kirchen die Routen von Schleichwegen ausgetauscht, um den Schlagbaum in Kircherhütte zu umgehen.

Die Kircherhütte war die Verlängerung des Jungenthals. Bereits 1667 wird ein Haus mit Feuerstätte »uff der Hütten« beschrieben. Die Bezeichnung, so Henning Plate vom Kirchener Heimatverein, stammt wohl von einem Eisenhammer der aber schon um 1750 stillgelegt war. Um 1830 standen auf der Kircherhütte sechs Häuser, 40 Jahre später acht.

1857 erwarb der Amts- und Gerichtsschreiber Johannes Hüsch ein Haus auf der Kircherhütte und eröffnete ein Geschäft mit angeschlossener Gaststätte. Diese wurde zum Treffpunkt für viele Fuhrleute, die hier Rast machten, bevor sie durch die Furt der Asdorf ihren Weg zu alten Poststraße nach Wissen fortsetzten. Die Postlinie Kirchen-Olpe war bereits 1830 eingeweiht worden. Nach dem Tod von Johannes Hüsch übernahm Sohn Christian 1896 das Geschäft, zu dem nun auch eine Bäckerei gehörte. 1922 heiratete Bäckermeister Josef Himmrich aus Katzenbach in die Familie Hüsch ein und führte den Laden weiter. 1961 trat Sohn Josef in die geschäftlichen Fußstapfen. Das Haus Himmrich ist eines der wenigen, das den Umbruch bis heute überstanden hat. Allein auf der Kircherhütte wurden der neuen L280 elf Häuser »geopfert«, auch das des in ganz Kirchen bekannten Friseurmeisters Willi Bähner, genannt »Wibä«, der ab 1932 einen Salon betrieb.

»Bimmel« war gut zu hören

Im Drei-Kaiser-Jahr 1888 wurde die Bahnlinie Kirchen-Freudenberg durch das Asdorftal eröffnet, 1901 erhielt der Fa. Jung einen eigenen Bahnanschluss von der Kircherhütte aus. Pfarrer i.R. Hans Fritzsche weist darauf hin, dass die Bahn zwischen Kirchen und Niederfischbach eigentlich nur als »Bimmel« bekannt war, musste doch die Lokführer aufgrund der zahlreichen unbeschrankten Bahnübergänge ständig Warnsignale geben. Am 28. Mai 1983 wurde der Personenverkehr auf der einstmals blühenden Bahnstrecke eingestellt. Mittlerweile haben die Radfahrer die Trasse erobert.

Von der Kircherhütte gelangte man über die Asdorfbrücke und einen Feldweg ins Rußloch. Hier stand schon im Mittelalter ein Bauernhof. Bereits 1428 wurden »Felder zum Rußloch« als Lehen der Grafen von Sayn im Besitz der Familie Bender genannt. 1667 wird – wie schon auf der Kircherhütte – ein Haus mit Feuerstätte erwähnt. Der Hof im Rußloch besaß einen hervorragenden Ruf als einziger Rotgerber weit und breit. Weil es in der Familie aber wegen Abwanderungen keine Nachfolger mehr gab, wurde der Betrieb eingestellt. Der Hof verfiel, die Felder und Weiden wuchsen zu.

Auf der anderen Seite, gegenüber der Gaststätte Himmrich, gelangte man von der Kircherhütte hinauf zum Ortsteil Grindel. Ein Befehl der Sayner Grafen von 1467 lautete, dass »uf dem Gründel die Hawbergk (Hauberg) gut gerichtet werden«. Das könnte nach Meinung von Henning Plate die älteste Erwähnung des Grindels sein. Laut Pfarrer Fritzsche bedeutet der Name etwa »Sperre« oder »Schlagbaum« und stammt vermutlich aus der Zeit der fränkischen Besiedlung. Es soll ein altes germanisches Wort für Pfahl oder Balken gewesen sein,

Grafen hatten Tiergarten anlegen lassen

Eintragungen über den Grindel gibt es in alten Kirchenbüchern aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im Jahr 1790 ging es um den »Ankauf eines im herrschaftlichen Tiergarten zu Gründel gelegenen, dem Jäger Dietrich gehörenden Feldes«. In der Tat war der größte Teil des Grindels früher offenbar ein Wildgehege der Sayner Grafen, schließlich lag die Freusburg nicht weit entfernt Um 1800 tauchte ein Kirchenhof auf dem Grindel auf, 1820 zählte man neun Gebäude, ein kleiner Weiler war entstanden. 1822 gehörten 50 Morgen Felder zum Grundbesitz der Gebrüder Jung. Schon zu dieser Zeit wurde der Hof nicht mehr nur von einem Bauern bewirtschaftet. In einem Vertrag von 1854 ist nachzulesen, dass »1/10 Antheil der gemeinschaftlichen Hofraithe des Weilers Gründel« verkauft werden. Mit Hofraithe wurde das unmittelbar um das Haus gelegene Gartenland bezeichnet. Der Mittelpunkt des Weilers dürfte die heute noch sprudelnde Quelle gewesen sein: das »Börnchen«.

Da die Ortsteile Jungenthal, Riegel, Kircherhütte, Brühlhof und Grindel früher bekanntlich zur selbstständigen Gemeinde Wehbach gehörten, hätten die Schulkinder vom Grindel eigentlich auch in Wehbach unterrichtet werden sollen. Da man den Kindern allerdings den weiten Weg ersparen wollte, besuchten die Mädchen und Jungen zusammen mit ihren andere Alterskameraden aus besagten Ortsteilen die Schule in Kirchen. Anfang des 20. Jahrhunderts fassten die Wehbacher Ratsherren aber den Entschluss, auf dem Grindel eine eigene Schule zu bauen. Die neue Volksschule wurde am 3. Januar 1904 feierlich im Beisein von Oberschulinspektor Pfarrer Merkelbach eingeweiht. Bereits am nächsten Tag folgten hier 39 Mädchen und 33 Jungen dem Unterricht. 1900/11 wurden ein zweiter Klassenraum und eine Lehrerwohnung angebaut. Zwischen 1900 und 1930 fand auf dem Grindel ohnehin eine rege Bautätigkeit statt.

Nachdem die »Börnches-Schule«, wie sie nun genannt wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg, wieder geöffnet wurde, folgte 1947 die Angliederung an die Kirchener Schule. Heftiger Protest und sogar ein Streik der »Wehbacher« waren die Folge. Es half nichts. Als 1966 in Kirchen ev. und kath. Mittelpunktschulen eingerichtet wurden, kam das Aus für die kleine Schule.

Hülsen für Granaten hergestellt

Doch zurück ins Tal: Hinter Kircherhütte und einer Biegung der Asdorf stieß man auf die »Gerberei«. Dort rauchten ab 1875 die Schornsteine der Lederfabrik von Otto Kraemer. Später kamen auch einige Wohnhäuser hinzu. 1899 wurde auf der »Gerberei« eine Leder- und Treibriemenfabrik eröffnet. In der Lederfabrik wurden in reiner Eichenlohe Sohlleder hergestellt. Während hier das Geschäft dank der militärischen Nachfrage (»Knobelbecher« der Soldaten) lief, musste die Leder- und Treibriemenfabrik 1923 schließen. Die Firma Jung kaufte die Gebäude und verpachtete sie an die »Sieg-Rheinische Maschinenfabrik«. Diese stellte zunächst Hülsen für Artilleriegranaten her, später Schrauben und Nägel. Die Lederfabrik Otto Kraemer musste in der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre ihre Tore schließen. 1935 stieg die Familie Schumacher aus Waldbröl ein und führte den Betrieb bis 1989 weiter.

Um 1950 waren auf dem Hof der »Sieg-Rheinischen Maschinen- und Lokomotivfabrik« einige Tennisplätze angelegt worden. 1979 wurden die leer stehenden und verfallenden Hallen von der Gemeinde Kirchen aufgekauft. Ein Teil des Geländes wurde zum Bau der Umgehungsstraße benötigt. Auf dem anderen Teil befindet sich heute eine Tankstelle bzw. die Einfahrt zum Supermarkt im Rußloch.

Diese Ortsteile zeichneten sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts auch durch ein reges Vereinsleben aus. So hatte der Sportverein Brühlhof lange Jahre auf der Kircherhütte einen Sportplatz. Auch der Schützenverein »Tell« hatte hier seinen Schießstand. Den Sportschützen Grindel ist es übrigens zu verdanken, dass eine alte Fronleichnamsprozession wieder ins Leben gerufen wurde. Sie führten im vergangenen Jahr erstmals wieder ein Böllerschießen durch.

Am Ende bleibt festzuhalten: Kaum ein Kirchener Bereich hat sein Gesicht so gewandelt wie das Jungenthal und die Kircherhütte. Ob zum Positiven, darüber darf wie immer gestritten werden.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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