»Sieg und Westerwald – die lassen mich nicht los«

Pfarrer i.R. Hans Fritzsche feiert heute seinen 90. Geburtstag/Heimatforscher aus Leidenschaft/Mitglied der Bekennenden Kirche

thor Kirchen. Wer so erzählen kann, der bewegt wahrlich die Herzen die Menschen. Nur schwer kann man sich der Leidenschaft entziehen, die hinter den Worten steckt. Gerne lässt sich der Zuhörer einnehmen und mitnehmen – mitnehmen auf eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Wenn Hans Fritzsche sein bisheriges Leben Revue passieren lässt, dann sind das nicht nur bruchstückhafte Fragmente, vielmehr wird regionale Geschichte lebendig. In seinen ersten Erinnerungen schenken ihm amerikanische Soldaten ein Stück Zwieback und seine älteren Schwestern singen die »Marseillaise«. Heute feiert der Pfarrer im Ruhestand – obwohl diese Bezeichnung so nicht stimmt – am Kirchener Baumschulweg seinen 90. Geburtstag.

»Außerordentlicher Kollege«

Der Heimatforscher aus Passion ist ein Zeitzeuge, wie es in der Region wohl keinen Zweiten gibt. Seine historischen Vorträge sind berühmt, und ohne seine Beiträge wäre die SZ-Serie »Kirchen – wie es früher einmal war« so nicht vorstellbar. Für Superintendent Eckhard Dierig ist Hans Fritzsche ein »außerordentlicher Kollege – sachlich, freundlich, loyal, für jede Arbeit Ansprechpartner, ein wirklich feiner Mensch«. Überall im Kreis werde er geschätzt, und für die Kirchengemeinde Kirchen sei er »Gold wert«, wenn es um die Archive gehe, so Dierig.

Hans Fritzsche wird am 16. Oktober 1913 in Elsass-Lothringen geboren. Die Familie ist eng mit dem Bergbau verbunden. Schon sein Großvater ist nach dem Krieg von 1870/71 dabei, als ein Bergwerk aufgeschlossen wird, und auch sein Vater ist in der Bergbau-Verwaltung tätig. Dann sind die Kämpfe vorbei, für die deutsche Familie Fritzsche beginnt eine schwere Zeit, die mit der Vertreibung ihren Höhepunkt findet. Über den Umweg Bochum kommt Hans Fritzsche Anfang der 20er Jahre nach Kirchen in die Bahnhofstraße. Dort arbeitet sein Vater als Rechnungsführer für den Bochumer Verein für Bergbau.

Es ist eine aufregende Zeit: Am Kirchener Bahnhof pulsiert das Leben, auf der Straße ist immer etwas los. In den Ferien nimmt Vater Fritzsche seinen Sohn mit zu den Gruben, wo die Bergleute direkt vor Ort entlohnt werden. Doch auch wenn ihn von dieser Zeit an die Arbeit unter Tage nie mehr richtig loslassen wird und er heute noch als Bergbau-Experte gilt, der Wunsch, in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters und Großvaters zu treten, kommt in Hans Fritzsche nie auf. Stattdessen reift in der Oberprima am Betzdorfer Gymnasium sein Entschluss, Pfarrer zu werden. »Ich war eigentlich schon immer am Religionsunterricht interessiert gewesen, und auch meine Familie hatte enge Verbindungen zur Kirche«, erzählt er. Auch persönlichen Erfahrungen durch eine Krankheit bestärkten ihn in seiner Entscheidung.

Beeinflusst wird Hans Fritzsche auch durch den damaligen Kirchener Pfarrer Semmelroth. Dieser führt ihn übrigens auch an die Heimatgeschichte heran. Im Konfirmantenunterricht erhält er die Aufgabe, die Inschrift auf einer alten Grabplatte der Familie Jung abzuschreiben. Fritzsche macht sein Abitur in jenem schicksalsreichen Jahr 1933. Noch unter dem Eindruck der aus dem Radio dröhnenden Marschmusik schließt er sich der Bekennenden Kirche an. Sein theologisches Studium wird zu einem Abenteuer. Von Bonn geht es nach Marburg, dann nach Gießen und Halle – immer dort hin, wo noch Professoren lehren.

Heimlich Examen geschrieben

Seine Examensarbeit muss Hans Fritzsche heimlich schreiben: in einem abgelegenen Haus in Freusburg. Doch er wird verraten, die Gestapo wird auf ihn aufmerksam. Glücklicherweise vertraut er sein Zeugnis seinem Vater an, der es in einem Safe in Siegen versteckt. Hans Fritzsche ist schon Vikar in Saarbrücken, als man eine Hausdurchsuchung bei ihm anordnet. Gefunden wird nur ein »verbotenes« Buch, und das auch nur, weil Fritzsche es selbst als solches gekennzeichnet hat.

Doch dann ist der Krieg da. Statt eines Haftbefehls erhält Fritzsche den Einberufungsbescheid. Eingesetzt wird er an der Westfront. Als Pfarrer und Soldat erlebt er erstmals echte Gewissenskonflikte. »Es ist wohl niemand ohne Schuld geblieben«, meint er rückblickend. Im Bombenhagel erfährt Hans Fritzsche aber auch, »wie nahe Gott sein kann«. Während er überlebt, sterben auf den Schlachtfeldern 16 Kameraden aus seinem Abiturjahrgang. 1944 lernte Hans Fritzsche in Antwerpen bei einem Französisch-Kurs seine Frau Elisabeth kennen, die dort für den Nachrichtendienst arbeitet. Geheiratet wird vor einem Kriegsgericht.

Nach Kriegsende verliert sich das Paar aus den Augen. Hans Fritzsche kommt in ein berüchtigtes Kriegsgefangenenlager der Amerikaner in die Nähe von Bad Kreuznach. Als er im Juli 1945 entlassen wird, führt in sein Weg nach Hause – nach Kirchen. Seine Frau wähnt er zu diesem Zeitpunkt in ihrem Heimatort in Thüringen, uns so bricht er gen Osten auf, nicht ahnend, dass sie gerade in die Gegenrichtung unterwegs ist. Nur mit Glück kehrt Fritzsche aus Thüringen zurück, das gerade von der Roten Armee besetzt wird.

»Es war überall schön«

Sofort beginnt Hans Fritzsche wieder mit seiner Arbeit im Kirchendienst, zunächst als Synodalvikar beim Superintendenten in Freusburg. Seine erste eigene Pfarrstelle erhält er in Friedewald, wo er von 1947 bis 1951 wirkt. Anschließend ist für viele Jahre Freusburg seine Arbeitsstätte. Hier, in der ev. Kirchengemeinde Freusburg-Niederfischbach, sorgt er dafür, dass sich das zarte Pflänzchen der Ökumene gut entfalten kann. 1969 zieht es ihn schließlich nach Flammersfeld, wo er bis zu seiner Pensionierung 1980 bleibt.

Nie stand für ihn außer Frage, dass er nach Eintritt in den Ruhestand wieder an die Sieg zurückkehren würde. Ob es ihm irgendwo besonders gefallen hat? »Es war überall schön«, sagt Fritzsche und erinnert daran, dass er stets an geschichtsträchtigen Orten weilte. Für ihn entstand in all den Jahren eine tiefe Verbindung zur Region und den Menschen: »Sieg und Westerwald – die lassen mich nicht los. Man ist so verwurzelt. So lange ich kann, will ich auch nicht weg.«

Als er aus dem aktiven Pfarrdienst ausgeschieden sei, habe er zunächst einen regelrechten »Rentnerschock« erlitten, berichtet Fritzsche. Dann aber habe er angefangen, Kirchenarchive zu ordnen und dafür auch noch eine spezielle Ausbildung absolviert. Bis heute hat der Kirchener 25 Kirchenarchive geordnet, bis Köln und in die Eifel ist sein Wissen gefragt. »Seit dieser Zeit fühle ich mich richtig gesund.« Zuletzt hat er das Archiv der Zivilgemeinde Freusburg auf Vordermann gebracht. Darüber hinaus beschäftigt er sich noch mit der frühen Auswanderung von Westerwäldern in die USA. Dort erlebt die Ahnenforschung derzeit einen großen Boom, und so ist Fritzsche für viele interessierte Amerikaner ein Ansprechpartner. Auch an einer Ausgabe über rund 120 Predigten von Wichern arbeitet er mit. Wie schon erwähnt: Das Wort Ruhestand kommt einem im Zusammenhang mit seiner Person nur schwer über die Lippen. Er selbst will nicht klagen: »Für mich ist das gut, so bleibt der Geist frisch und wird trainiert.«

Blick zurück in großer Dankbarkeit

Am heutigen Tag blickt Hans Fritzsche in großer Dankbarkeit zurück. »Ich habe wunderbare Fügungen erlebt, vor allem in der Nazi-Zeit und im Krieg.« Dass er sich im hohen Alter noch an so viele Einzelheiten erinnern kann, empfindet er als großes Geschenk Gottes. Manchmal, so erzählt er, müsse er selbst staunen, »dass es noch so gut geht«.

Sein größter Wunsch zum Geburtstag ist folgerichtig, dass ihm seine Gesundheit – so Gott will – noch einige Jahre erhalten bleibt. Der »90.« sorgt auch für eine Premiere: Erstmals kommen seine weit verstreut lebenden fünf Kinder mit ihren Familien (darunter neun Enkel) in Kirchen zusammen, um den Geburtstag ihres Vaters zu feiern. Normalerweise trifft man sich »in der Mitte« bei der in Calw im Schwarzwald lebenden Tochter. Dorthin sollte er eigentlich schon längst umgezogen sein. Doch, und das ist die Meinung vieler Kirchener und Freusburger: So lange eine alte Eiche mit festem Wurzelwerk in der Heimaterde steht, sollte man sie auch nicht verpflanzen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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