SZ

Brachbacher Ehrenamtler sind besorgt
Steigende Keimbelastung im Trinkwasser

Als diese Aufnahme in einem der Brachbacher Wasserstollen entstanden ist, war von dem dramatischen Waldsterben noch nichts zu sehen. Mittlerweile aber wirken sich massive
Forstarbeiten und zunehmende Erosion auch auf das Trinkwasser aus.
  • Als diese Aufnahme in einem der Brachbacher Wasserstollen entstanden ist, war von dem dramatischen Waldsterben noch nichts zu sehen. Mittlerweile aber wirken sich massive
    Forstarbeiten und zunehmende Erosion auch auf das Trinkwasser aus.
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

damo Brachbach. Der Waldboden ist der größte Süßwasserspeicher Deutschlands, und zugleich dient er als gewaltiger Filter – allerdings nur, wenn der Wald auch gesund ist. Aber genau da liegt das Problem: Borkenkäfer und Dürre haben gewütet und großflächig öde Brachflächen hinterlassen. Und das trifft nicht nur die Forstwirtschaft bis ins Mark: Auch der Wasserverein Brachbach bekommt die Auswirkungen des flächendeckenden Waldsterbens deutlich zu spüren.

Um das zu verstehen, muss man sich den Weg vergegenwärtigen, den das Regenwasser in einem...

damo Brachbach. Der Waldboden ist der größte Süßwasserspeicher Deutschlands, und zugleich dient er als gewaltiger Filter – allerdings nur, wenn der Wald auch gesund ist. Aber genau da liegt das Problem: Borkenkäfer und Dürre haben gewütet und großflächig öde Brachflächen hinterlassen. Und das trifft nicht nur die Forstwirtschaft bis ins Mark: Auch der Wasserverein Brachbach bekommt die Auswirkungen des flächendeckenden Waldsterbens deutlich zu spüren.

Um das zu verstehen, muss man sich den Weg vergegenwärtigen, den das Regenwasser in einem gesunden Wald nimmt: Es bleibt an den Nadeln und Blättern der Bäume hängen, rinnt an den Stämmen hinab, versickert langsam in der Humusschicht des Waldbodens, sucht sich im Zeitlupentempo seinen Weg durch Spalten und Klüfte im Gestein, bevor es irgendwann von der Decke eines alten Stollens tropft und von dort in den Hochbehälter fließt. Auf diesem langem Weg bleiben Schwebstoffe und Keime zurück – das Ergebnis ist sauberes Trinkwasser.

"Brauchen im Normalfall nicht zu chloren"

Exakt dieses Wasser kennen die Brachbacher – es ist kein Zufall, dass weite Teile der Bevölkerung beim Gedanken an gechlortes Talsperrenwasser verächtlich die Nase rümpfen. „Wir brauchen im Normalfall nicht zu chloren“, erklärt Edwin Mees, der Geschäftsführer des Wasservereins. „Und wenn wir doch mal wegen eines Wasserrohrbruchs Chlor zugeben müssen, dann klingelt bei mir sofort das Telefon und ich werde gefragt: ,Sind wir jetzt ein Schwimmbad?’“, erzählt Mees.

Solche Anrufe hat er zuletzt wieder bekommen – denn in den letzten Wochen mussten die ehrenamtlichen Wasserwerker wiederholt Chlor zugeben. Grund war diesmal aber kein Wasserrohrbruch: „Das lag an den Waldarbeiten“, sagt Mees.

Erhöhte Keimbelastung im Februar

Erstmals ist im Februar eine erhöhte Keimbelastung im Brachbacher Wasser bemerkt worden. „Wir haben bei einer Routinemessung choliforme Keime nachgewiesen“, sagt Mees. Seitdem wird alle zwei Wochen gemessen, und schnell hat sich herausgestellt, dass insbesondere das Wasser des Breimehl-Stollens spürbar von der gewohnten Qualität abgewichen ist.

Der Verein hat sofort reagiert, das Gesundheitsamt und die Wasserbehörde der SGD informiert und den Breimehl-Stollen für einige Wochen aus der Nutzung genommen. Das ließ sich bewerkstelligen, weil der Hochbehälter Langgrube nach den Niederschlägen und der Schneeschmelze der vergangenen Monate gut gefüllt war: Von dort wurde das Wasser in den zweiten Hochbehälter des Vereins in den Karpaten gepumpt.

"Wüten wie die Vandalen"

Aber das kann keine Dauerlösung sein – und es steht zu befürchten, dass die aktuellen Probleme keine Ausnahmeerscheinung sind. Mees führt das verunreinigte Wasser auf zwei Faktoren zurück: auf die Waldarbeiten und die Erosionsgefahr auf den Borkenkäfer-Brachflächen.

Was die Forstarbeiten angeht, steuert Vorstandsmitglied Arno Reitz einige Kritikpunkte bei: „Die wüten mit dem Harvester wie die Vandalen“, gibt er die Eindrücke wieder, die er zuletzt bei vielen Fällarbeiten fremder Betriebe im Brachbacher Wasserschutzgebiet gewonnen hat: „Man hat den Eindruck, dass die überhaupt nicht wissen, dass sie in einem Wasserschutzgebiet arbeiten.“ Oftmals werde Astwerk achtlos in die alten Pingen gekippt, und die Harvester würden bis an den Rand der Pingen rangieren.
Gerade das sind aber besonders sensible Bereiche: Durch alte Schächte in den Pingen kann das Wasser vergleichsweise schnell in die Wasserstollen fließen, sagt Mees. Er berichtet auch von Harvestern, die im Bach im Wernsbergtal gereinigt worden seien.

Entkeimungsanlagen werden angeschafft

Aber nicht nur die Waldarbeiten – die ja irgendwann beendet sein werden – bereiten dem Wasserverein Sorgen: Auch die Erosion auf den Brachflächen sei problematisch, ergänzt Mees. „Bei starkem Regen bilden sich Sturzbäche, und das Wasser kann nicht mehr langsam versickern.“ Das habe sich zuletzt schon zu einer deutlichen Trübung des Wassers in den Hochbehältern geführt.

Grund genug für den Verein, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Und weil dauerndes Chloren nicht gewollt ist, sollen jetzt zwei Entkeimungsanlagen angeschafft werden. Sie arbeiten mit UV-Strahlen: Das Wasser wird, bevor es ins Leitungsnetz eingespeist, kurz mit UV-Licht behandelt. „Das tötet die Keime ab“, erklärt Mees.

Die beiden Geräte kosten rund 20 000 Euro – für den Verein ist das eine Menge Geld. Daher hat sich der Vorstand an die Gemeinde gewendet und um einen Zuschuss gebeten. Und den hat der Rat mit Verweis auf die wichtige Aufgabe des Vereins einstimmig gewährt– wohl wissend, dass damit nicht alle Probleme gelöst sind: „Man sieht einfach an unserem Wald deutlich, dass der Klimawandel auch bei uns angekommen ist“, sagt Ortsbürgermeister Steffen Kappes.

Keine Auffälligkeiten in Mudersbach und Birken

Der Großteil der Haushalte im AK-Land bezieht sein Wasser aus den Talsperren des Aggerverbands – und dieses Wasser ist grundsätzlich gechlort. „Das müssen wir, bevor wir das Wasser auf die relative lange Reise schicken“, heißt es aus der Pressestelle des Verbands. Aber es gibt neben dem Brachbacher Wasserverein noch einige andere örtliche Versorger, insbesondere an der Landesgrenze. So beziehen auch die Mudersbacher Haushalte ihre Trinkwasser aus den Stollen im Ort.

Grund genug für die SZ, auch dort nachzufragen: Spürt auch der Wasserverein Mudersbach die Veränderungen im Wald? „Wir haben diese Probleme nicht“, sagt Vorsitzender Thomas Wolff und liefert direkt die Erklärung mit: In den Mudersbacher Hochbehältern werden schon seit geraumer Zeit UV- und Ultrafiltrationsanlagen eingesetzt. „Außerdem sind bei uns nicht ganz so viele Waldflächen gerodet worden wie auf Brachbacher Seite“, ergänzt Wolff.

Auch auf der anderen Siegseite, beim Wasserbeschaffungsverband Birken, haben die Tests bislang noch keinerlei Auffälligkeiten gezeigt. „Wir kontrollieren regelmäßig und haben nichts feststellen können“, sagt Vorsitzender Johannes Steiner. Aber er teilt die Sorge seiner Brachbacher Kollegen sehr wohl: „Ich stimme dieser Einschätzung voll zu. Der Fichtenwald war bislang immer ein guter Wasserfilter. Die Zukunft wird zeigen, ob wir auch Probleme bekommen.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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