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Opfer der NS-„Euthanasie“
Stolperstein erinnert an Justus Kraemer aus Kirchen

Ein Stolperstein erinnert an ein Opfer des nationalsozialistischen Regimes.
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  • Ein Stolperstein erinnert an ein Opfer des nationalsozialistischen Regimes.
  • Foto: Wikipedia (Axel Mauruszat)
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nb Kirchen. Keine Tafel, kein Schild weist auf dem Gräberfeld in Haar bei München auf die Menschen hin, die hier beerdigt sind. Einer von ihnen bekommt nun seinen Namen zurück und damit ein Stück Würde. Ein „Stolperstein“ wird zukünftig an prominenter Stelle an ihn und sein Schicksal während der nationalsozialistischen Herrschaft erinnern: Justus Kraemer. Am 21. Juni 1896 wurde Justus Kraemer in Kirchen geboren, gestorben ist er am 28. Juli 1943 in der bayerischen Heilanstalt Eglfing-Haar – ein Opfer der „wilden Euthanasie“ der Nationalsozialisten, in deren Augen Justus Kraemer „als „unwertes Leben“ galt. Auf die Spur von Justus Kraemer begab sich Dr. Johannes Pfeifer vom Kirchener Heimatverein, der bereits im 36.

nb Kirchen. Keine Tafel, kein Schild weist auf dem Gräberfeld in Haar bei München auf die Menschen hin, die hier beerdigt sind. Einer von ihnen bekommt nun seinen Namen zurück und damit ein Stück Würde. Ein „Stolperstein“ wird zukünftig an prominenter Stelle an ihn und sein Schicksal während der nationalsozialistischen Herrschaft erinnern: Justus Kraemer. Am 21. Juni 1896 wurde Justus Kraemer in Kirchen geboren, gestorben ist er am 28. Juli 1943 in der bayerischen Heilanstalt Eglfing-Haar – ein Opfer der „wilden Euthanasie“ der Nationalsozialisten, in deren Augen Justus Kraemer „als „unwertes Leben“ galt. Auf die Spur von Justus Kraemer begab sich Dr. Johannes Pfeifer vom Kirchener Heimatverein, der bereits im 36. „Heimatblatt“, erschienen 2020, die Anregung für die Stolpersteinverlegung gab. Am Samstag, 31. Juli, ist es soweit, dann erfolgt die Verlegung des Steins.

Ur-Enkel gab Anstoß

Pfeifer und Hubertus Hensel, 1. Vorsitzender des Heimatvereins, berichteten jetzt von den Nachforschungen und vom Leben Justus Kraemers. Den Anstoß zur Recherche gab eine Anfrage von Martin Kraemer, einem Ur-Enkel von Otto Kraemer, der zur eigenen Familienhistorie forschte.
Otto Kraemer, Gerbereibesitzer und Bruder des einstigen Bürgermeister Heinrich Kraemer, hatte aus seiner ersten Ehe mit Adele Nemnich drei Söhne, aus seiner zweiten Ehe mit Elisabeth Wellhäuser vier Kinder, darunter Justus.

„Ein menschenverachtendes System.
Hubertus Hensel
Vorsitzender Heimatverein

Es waren Todesdatum und -Ort von Justus Kraemer – mitten im Krieg in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar –, die Johannes Pfeifer aufmerksam werden ließen. Gefunden hatte der Heimatforscher die Angaben im Standesamt Kirchen. Weitere Recherchen führten dann zur Anstalt Eglfing-Haar, heute das „kbo-Isar-Amper-Klinikum“, das auch ein Psychatriemuseum betreibt. Das Klinikum wiederum leitete die Anfrage ans Archiv des Bezirks Oberbayern weiter. Krankenakten von Justus Kraemer gab es nicht, doch in Einträgen in „Zu- und Abgangsbuch“ und Leichenschauheft fanden sich Hinweise zu seinem letzten Lebensabschnitt. Aber zunächst zurück nach Kirchen. Nach dem Tod seines Vaters hatte Justus unter der Vormundschaft seines Halbbruders Hermann Kraemer gestanden. Dessen Schwägerin schrieb in einer späteren Übersicht über die Familie über Justus, er sei „anders als seine Geschwister, irgendwo war er nicht ganz normal“. Aber: Der Junge besuchte sogar das Gymnasium und zeigte eine besondere Begabung für Sprachen. „Es war ein tragisches Leben“, schließt die Chronistin.

Autismus als Schizophrenie abgestempelt

In Eglfing-Haar war für den Kirchener die Diagnose Schizophrenie verzeichnet. Pfeifer, selbst Mediziner, vermutet eine mögliche Inselbegabung und damit eine mögliche Sonderform des Autismus.
Vielleicht, so Hubertus Hensel, wäre aus dem Jungen ja vielleicht mal ein Übersetzer geworden, aber dessen Schicksal zeige, dass auch eine einflussreiche Familie wie die Kraemers ihre Angehörigen nicht vor der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten bewahren konnte. Längere Zeit vor deren Machtergreifung, im Juli 1931, war Justus in die Heil- und Pflegeanstalt Hausen im Rheinland eingewiesen worden. 1943 sollte die Anstalt dann als Ausweichkrankenhaus genutzt werden, die Menschen aus der Anstalt wurden nach Eglfing-Haar „verlegt“.

Tod im Hungerhaus 

Vermutlich, so die Informationen des Archivs, sei Justus Kraemer schon geschwächt dort angekommen. Untergebracht wurde er in einem sogenannten Hungerhaus. Ein Speiseplan, den Pfeifer einsehen konnte, listet die damaligen kargen Rationen auf, die zynisch unter „Sonderkost“ firmierten.
Die Verlegung in ein „Hungerhaus“, so das Archiv weiter, weise auf eine Tötungsabsicht oder zumindest auf die Billigung des Todes der Patienten hin. Justus Kraemer sei deshalb als Opfer der „Euthanasie“ anzusehen. Der Kirchener starb nur wenige Wochen nach der Verlegung. Als Todesursache wurde Bronchopneumonie, Lungenentzündung, angegeben. Sein Vormund Hermann erfuhr über das Amtsgericht vom Tode seines Halbbruders – über die Verlegung nach Bayern war er gar nicht informiert worden. Begraben ist Justus Kraemer auf einem anonymen Gräberfeld der Heil- und Pflegeanstalt.
Dass Schicksale wie seines unter den Teppich gekehrt würden, das könne nicht sein, so die Männer vom Heimatverein. „Man muss die Menschen daran erinnern, was der Nationalsozialismus war: ein menschenverachtendes System“, so Hensel. Und genau das soll auch der Stolperstein tun. erinnern, aufrütteln, mahnen.

Gedenkstunde

Der Stolperstein wird am Samstag, 31. Juli, vor der Villa Kraemer verlegt. Beginn ist um 16 Uhr. Eingebettet ist die Verlegung in eine Gedenkstunde, in der unter anderem Bürgermeister Andreas Hundhausen und Rita Hartmann von der „Lebenshilfe“ sprechen werden. Zudem wird Dr. Johannes Pfeifer anschließend im Ratssaal einen Vortrag halten (es gelten die aktuellen Hygieneregeln).

Ein Stolperstein erinnert an ein Opfer des nationalsozialistischen Regimes.
Der Kirchener Justus Kraemer als Kind. Im Alter von 47 Jahren starb er in einer Heil- und Pflegeanstalt bei München. In seiner Heimat wird künftig ein sogenannter Stolperstein an sein Schicksal erinnern.
Autor:

Nadine Buderath (Redakteurin) aus Betzdorf

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