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Bewegende Veranstaltung in Kirchen
Stolperstein erinnert an Justus Kraemer

Markus Stinner setzte den Stolperstein vor der Villa Kraemer in Zement, unter den Blicken vieler Anwesender.
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  • Markus Stinner setzte den Stolperstein vor der Villa Kraemer in Zement, unter den Blicken vieler Anwesender.
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rai Kirchen. Ein Stolperstein erinnert an Justus Kraemer, und zwar vor seinem früheren Wohnhaus, der Villa Kraemer. 78 Jahre nach Kraemers Tod setzte Jörg Grindel am Samstag den Stein mit der Messingplatte. Groß war die Beteiligung, bewegend die Veranstaltung, bei der das Gedenken an Kraemer und die weiteren Opfer der NS-Euthanasie im Blick standen.
Wichtiger Anlass „gegen das Vergessen“Man erinnere sich an Geschichte aus einer Zeit, „derer wir uns nicht rühmen müssen“, so Hubertus Hensel, Vorsitzender des Kirchener Heimatvereins. Es sei ein wichtiger Anlass „gegen das Vergessen“, sagte Stadtbürgermeister Andreas Hundhausen. Wegen der Nazi-Verbrechen sei es ein wichtiger Anlass, den Stolperstein zu setzen und um die Erinnerung aufrecht zu erhalten.

rai Kirchen. Ein Stolperstein erinnert an Justus Kraemer, und zwar vor seinem früheren Wohnhaus, der Villa Kraemer. 78 Jahre nach Kraemers Tod setzte Jörg Grindel am Samstag den Stein mit der Messingplatte. Groß war die Beteiligung, bewegend die Veranstaltung, bei der das Gedenken an Kraemer und die weiteren Opfer der NS-Euthanasie im Blick standen.

Wichtiger Anlass „gegen das Vergessen“

Man erinnere sich an Geschichte aus einer Zeit, „derer wir uns nicht rühmen müssen“, so Hubertus Hensel, Vorsitzender des Kirchener Heimatvereins. Es sei ein wichtiger Anlass „gegen das Vergessen“, sagte Stadtbürgermeister Andreas Hundhausen. Wegen der Nazi-Verbrechen sei es ein wichtiger Anlass, den Stolperstein zu setzen und um die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Man müsse sich vor Augen führen, was geschehen sei.

Ein Stolperstein am örtlichen Krankenhaus erinnert an die Verbrechen der Nazis an den Juden. Hensel erwähnte die Nürnberger Gesetze, bei denen es „um die Reinhaltung des deutschen Blutes“ ging. Es habe die Überzeugung geherrscht, dass alle, die beispielsweise krank seien, ausgerottet werden müssten. In Berlin sei entschieden worden, was „lebensunwertes Leben“ sei. Auch in den Ghettos in Wilna (heute Vilnius) hätten die Juden die schreckliche Erfahrung machen müssen, ausgeschlossen und fremd in der eigenen Stadt zu sein, sagte der Vorsitzende und spannte den Bogen zu einem Lied, das davon erzählt. Karl-Heinz Dorka (Gesang, Gitarre) bot das Lied „Tsi darf es azoy zayn?“ (Darf das so sein?) mit Karin Hegels (Querflöte) dar. Dorka hatte das Lied übersetzt und ergänzt: „Das ist die Strophe für Justus Kraemer.“ Darin wird dessen Schicksal erzählt (die SZ berichtete).

Diese Strophe spiegele in allen Belangen die Verfolgung derer, die nicht gesund seien, so Hensel. Allein von 1940 bis 1941 seien 70 000 Menschen mit Behinderung umgebracht worden. Sie seien als „Parasiten am deutschen Volkskörper“ bezeichnet worden, und als „Ballastexistenzen“, die man aus dem Weg räumen müsse. Junge Menschen seien zwangssterilisiert worden: „Solche Eingriffe wurden auch im evangelischen Krankenhaus auf dem Brühlhof vorgenommen.“

Spätestens im August 1941 habe jeder gewusst, was das „Euthanasie-Programm“ war, nachdem Clemens August Graf von Galen, Bischof in Münster, die Krankenmorde anprangert hatte.
Zufällig war Dr. Johannes Pfeifer vom Heimatverein auf das Schicksal Kraemers aufmerksam geworden. Kraemer sei nicht der einzige aus der Region, der hier infrage komme. Anhand von Recherchen von Hanns Göbel erzählte Hensel von weiteren Menschen, die das Schicksal mit Kraemer teilten.

Noch heute Diskriminierungen ausgesetzt

Jörg Grindel setzte den Stolperstein, der an Kraemer und sein Schicksal erinnert. Grindel stammt aus Kirchen und lebt im Wohnheim der Lebenshilfe in Steckenstein. Markus Stinner vom städtischen Bauhof brachte den Stein in Zement. Anne Weller und Susanne Schmidt, die Urenkelinnen von Gerbereibesitzer Otto Kraemer, Justus’ Vater, legten weiße Rosen nieder.

Sehr viele Menschen mit einer geistigen Behinderung seien im Dritten Reich auf grausame Weise umgebracht worden, weil ihr Leben als „lebensunwert“ galt, sagte Bettina Grothe vom Vorstand der Lebenshilfe im Kreis Altenkirchen. Auch danach sei das Bewusstsein, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung ein wertvoller Teil der Gesellschaft sind, zunächst nicht vorhanden gewesen.
1962 sei die Lebenshilfe von engagierten Eltern gegründet worden. „Wir danken allen, die daran mitgewirkt haben, dass auch hier, stellvertretend für alle Menschen mit Behinderung, die Opfer des Euthanasie-Programms der Nazis wurden, ein Stolperstein gesetzt wurde“, sagte sie und wurde deutlich: „Auch heute noch werden Menschen mit geistiger Behinderung, manchmal hinter vorgehaltener Hand, manchmal auch offen, Diskriminierungen ausgesetzt.“

Mit Verweis auf „braunes Gedankengut“ hofft der Vorsitzender Hensel, dass diejenigen, die sich in „ideologischen Verstrickungen“ befänden, erinnern. Stolpersteine seien wichtig, und man könne nicht genug setzen. Es sei das Stolpern und Nachdenken: „Was passiert im Jetzt und Heute, was ist damals passiert?“ Im Anschluss hielt Dr. Pfeifer im Rathaus einen Vortrag mit dem Titel „Ein Stolperstein vor der Villa Kraemer“.

Autor:

Rainer Schmitt (Freier Mitarbeiter) aus Betzdorf

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