SZ

Was Frauen über sich ergehen lassen müssen
Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe

Die Geburt eines Kindes sollte eigentlich – bei allen Schmerzen – ein wahrhaft wunderbares Ereignis sein. Doch in manchen Kliniken, so die Erfahrung der Hebamme, werden die Frauen respektlos behandelt und zum Beispiel Kaiserschnitte eingeleitet, die medizinisch gar nicht notwendig wären.
  • Die Geburt eines Kindes sollte eigentlich – bei allen Schmerzen – ein wahrhaft wunderbares Ereignis sein. Doch in manchen Kliniken, so die Erfahrung der Hebamme, werden die Frauen respektlos behandelt und zum Beispiel Kaiserschnitte eingeleitet, die medizinisch gar nicht notwendig wären.
  • Foto: Pixabay (Symbolfoto)
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

thor Kirchen. Es sind die Dornen an einer Rose, die davon künden, dass es zwischen Liebe und Schmerz oft eine Gratwanderung ist. Und zu keinem anderen Zeitpunkt verläuft die Trennlinie so unscharf wie am Beginn eines jeden Lebens. Wobei hier nur Frauen mitreden können: Denn in einem Kreißsaal müssen Liebe und Schmerz mitunter keine Gegensätze sein.
Wenn nun aber heute vor den Türen vieler Krankenhäuser und Entbindungsstationen Rosen liegen, dann wird damit nicht an diesen „natürlichen“ Schmerz erinnert. Am 25. November findet weltweit die „Roses Revolution“ statt – es ist der Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Und in diesem Fall haben Schmerz und Gewalt rein gar nichts miteinander zu tun.

thor Kirchen. Es sind die Dornen an einer Rose, die davon künden, dass es zwischen Liebe und Schmerz oft eine Gratwanderung ist. Und zu keinem anderen Zeitpunkt verläuft die Trennlinie so unscharf wie am Beginn eines jeden Lebens. Wobei hier nur Frauen mitreden können: Denn in einem Kreißsaal müssen Liebe und Schmerz mitunter keine Gegensätze sein.
Wenn nun aber heute vor den Türen vieler Krankenhäuser und Entbindungsstationen Rosen liegen, dann wird damit nicht an diesen „natürlichen“ Schmerz erinnert. Am 25. November findet weltweit die „Roses Revolution“ statt – es ist der Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Und in diesem Fall haben Schmerz und Gewalt rein gar nichts miteinander zu tun.

Traumatische Ausbildung zur Hebamme

Auch Lara (Name geändert) wird heute Rosen niederlegen, nicht als Mutter, sondern als Hebamme. Die junge Frau aus der Verbandsgemeinde Kirchen hat in ihrer Ausbildung an einem großen Klinikum außerhalb des Siegerlands Erfahrungen gemacht, die einen erschüttern, die sprachlos machen. Und wütend. Lara selbst spricht von den „drei schlimmsten Jahren meines Leben“. Trotzdem hat sie durchgehalten, weil sie sich eigentlich keinen schöneren Beruf vorstellen kann. Dafür aber habe sie einen hohen Preis bezahlt.

Hebamme macht Müttern Mut

Wenn die 22-Jährige, die mittlerweile an einer Hochschule Hebammen-Wissenschaften studiert, via SZ einen kleinen Einblick in die Geschehnisse geben will, dann hat das nichts damit zu tun, dass ein ganzer Berufsstand in Misskredit gezogen werden soll. Vielmehr möchte Lara allen werdenden Müttern sagen: „Seid mutig, seid stark und selbstbewusst – es ist euer Körper, eure Geburt, euer Kind.“ Parallel dazu fordert sie von Hebammen, Ärzten und Pflegekräften mehr Sensibilität ein.
Lara hat nach eigenen Angaben in der Ausbildung null Empathie erlebt. Einiges Beispiele: Nach einem sechswöchigen Schulblock folgte für sie der erste Einsatz im Kreißsaal – und die damals 19-Jährige wurde direkt mit zwei Totgeburten konfrontiert. Ohne praktische und vor allem emotionale Vorbereitung auf solch eine Situation. „Für jeden Feuerwehrmann gibt es nach einem Einsatz die Möglichkeit, Seelsorge in Anspruch zu nehmen, für uns gab es nichts.“

Keine Unterstützung für Schülerinnen

Überhaupt seien die Hebammen-Schülerinnen in diesem Klinikum mehr als einmal ins kalte Wasser geworfen worden. Weder bei der ersten Blutabnahme (im ersten Lehrjahr) noch beim ersten Legen eines Blasenkatheters habe es Unterstützung gegeben. Oft, so berichtet Lara, hätten die Schülerinnen die Schwangerenambulanz ganz alleine geleitet, auch Geburten seien ohne Arzt oder examinierte Hebamme betreut worden. Für sie u. a. eine Folge fehlender Richtlinien: Erst in diesem Jahr sei endlich eine Praxisanleitung, wie es sie in der Pflege schon lange gebe, im neuen Hebammengesetz verankert worden.

Werdende Mütter respektlos behandelt

Doch es war eben nicht nur der Umgang mit den Auszubildenden, der Lara so erschüttert hat. Die Frauen seien teilweise zutiefst respekt- und würdelos behandelt worden. Werdende Mütter in Vollnarkose seien beleidigt, Kaiserschnitte ohne Indikation angeordnet worden, weil der Oberarzt nachts durchschlafen wollte, Frauen ohne Betäubung genäht worden. Und auch Rassismus sei in dieser Klinik ein großes Thema gewesen.
Lara hat das alles mehr an eine Fabrik als an eine Geburtshilfe erinnert: „Es war Arbeiten wie am Fließband.“ Zeit und Geld seien die wichtigsten Faktoren gewesen. Dementsprechend abgestumpft sei das Personal gewesen. „Das Verhalten gegenüber den Frauen wird auch gar nicht mehr als schlimm wahrgenommen.“ Auch die Gebärenden selbst könnten das, was mit ihnen geschieht, überhaupt nicht einordnen: „Sie lassen alles mit sich machen, auch weil ihnen die Aufklärung fehlt“, sagt Lara. Und so werde oft genug dieser wunderbare Moment der Geburt von Gewalt dominiert.

"Roses Revolution"

Letztlich hat die junge Frau aus dem AK-Land durchgehalten, weil sie bei einer freien Hebamme ganz andere Erfahrungen sammeln konnte. „Sie hat mir gezeigt, wie wunderschön unser Beruf sein kann.“ Lara hat sehr genaue Vorstellungen, was ihren weiteren Werdegang angeht – und zwar die Arbeit in einer Geburtshilfe mit überschaubarer Grüße und familiärer Atmosphäre. „Ich würde niemals wieder in einem großen Haus arbeiten.“ Aber es müsse sich etwas ändern. Genau deshalb beteiligt sich Lara an „Roses Revolution“ – damit die Blüte wieder über die Dorne triumphiert.

„Revolution“ 2011 ins Leben gerufen Die „Roses Revolution“ ist eine friedliche Aktion gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe. Sie wurde 2011 nach einer Idee der Geburtsaktivistin Jesusa Ricoy ins Leben gerufen. Jede Rose steht als Symbol für das Leid der Betroffenen, für ihre Geschichte und ihre Verletzlichkeit. „Roses Revolution“ verfolgt das Ziel, den betroffenen Frauen, Müttern, Familien und Geburtshelferinnen eine Stimme zu geben: für eine menschenwürdige und sichere Geburtshilfe. Jedes Jahr am 25. November sind Betroffene deshalb dazu aufgerufen, symbolisch eine rosafarbene Rose an den Ort niederzulegen, an dem sie Gewalt erfahren mussten, und über ihre Erfahrungen zu berichten. Der Aktionstag findet 2021 zum neunten Mal statt und erfährt Berichten zufolge wachsende Resonanz: Seit dem Start 2011 in Spanien machen immer mehr Menschen auf Missstände in der Geburtshilfe aufmerksam. So zählte das Organisationsteam in Deutschland 2014 noch 50, im Jahr 2017 schon knapp 200 Rosenniederlegungen in mehr als 25 Prozent der geburtshilflichen Einrichtungen.
Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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