»Tag und Nacht überwacht Carl Stein die Produktion«

Vom Blechwalzwerk zur Friedrichshütte (Teil 1)/Mit rund 12000 Talern den Grundstein gelegt/Veränderter Markt erforderte stets neue Investitionen

thor Kirchen. Als Carl Daniel Stein 1803 in Kirchen das Licht der Welt erblickte, da lag seine berufliche Karriere fast schon greifbar neben ihm in der Wiege. War der Herr Vater – Johann Daniel Stein mit Namen – doch als Hüttenschulze ein bedeutender Industrieller in der Region. Nichts lag also später näher, als ein eigenes Werk zu gründen. Dass daraus einmal ein Arbeitsplatz für Generationen von Wehbachern werden sollte, konnte Stein junior (als Kirchener!) damals allerdings noch nicht ahnen. Zunächst ging er bei seinem Vater in die kaufmännische Lehre, kümmerte sich aber auch um die Landwirtschaft. Ohnehin aus einer begüterten Familie stammend, heiratete Carl Stein 1831 Christine Siebel aus Freudenberg, die ebenfalls »von Haus aus« – als Tochter des Stahlschmieds und Kaufmanns Thomas Siebel – nicht gerade arm war. So war zumindest finanziell der Grundstock für eine Firmengründung gelegt. Dabei erfolgte der Start als Unternehmer zunächst mit der Eröffnung eines Eisenwarengeschäfts in Kirchen.

1838 kaufte Stein die Parzelle Nr. 232 »In den Weiden« von der Kirchener Familie Jung. An diesem Standort soll vorher eine Lohmühle gestanden haben, was bedeuten würde, dass sich dieser Platz schon immer dafür eignete, die Wasserkraft der Asdorf zu nutzen. Ein Jahr später erhielt er von der Bezirksregierung in Koblenz die Konzession zur Errichtung eines Blechwalzwerks mit angeschlossener Röhren- und Ofenrohrschmiede. Das erste Gebäude entstand auf Höhe der heutigen Zufahrtsstraße zum Industriegebiet. Carl Stein schrieb damals in sein Hauptbuch: »Die Anlage hat einschließlich des Grunderwerbs 12420 Thaler gekostet.« Parallel dazu ließ Stein gemeinsam mit seinem Vater zwischen 1939 und 1841 die Eisenhütte in Steeg bei Gerlingen (1871 an Krupp verkauft) errichten.

Ein großes unternehmerisches Risiko war das Wehbacher Werk nicht. Otto Wellnitz vom Heimatverein erinnert daran, dass es großen Bedarf an gewalzten Blechen gab. Zuvor wurden die Bleche nur gehämmert (»gedengelt«). Nach Angaben des früheren SZ-Redakteurs Horst G. Koch, der die Geschichte des Werks im Buch »Feuer und Eisen« festhielt, wurden die Walzen aus Wetter/Ruhr bezogen.

Eigene Schlafkammer im Büro

Doch auch bei Carl Stein galt der alte Spruch: Aller Anfang ist schwer. Horst G. Koch schreibt: »Schmiedemeister Kroh kann am 22. November 1839 die Achse zwischen Wasserrad und Walze binden. Die ersten Walzversuche verlaufen jedoch unbefriedigend. Tag und Nacht überwacht nun Carl Stein die Produktion, die noch durch Wassermangel erschwert wird. In einem Nebenraum seines Büros lässt er sich sogar eine Schlafkammer einrichten, um immer gegenwärtig zu sein, wenn neue Schwierigkeiten auftreten.«

Um 1850 beschäftigte das Blechwalzwerk »bei vollem Wasser Tag und Nacht« erst 14 Menschen. Die Verwaltung bestand gerade mal aus einem Buchhalter und zwei Lehrlingen. Die Jahresproduktion lag bei 300 Tonnen Eisenblech. Noch war Wehbach nicht zum Mekka für viele Arbeitssuchende geworden. Bis 1858 bezog das Werk sein Rohmaterial von Siegener Puddelwerken. Um unabhängiger zu werden, entschloss sich Stein 1859 zum Bau eines eigenen Puddelwerks. Für den Bau, so Henning Plate, wurde auf dem Brühlhof extra eine Ziegelei eingerichtet, die 500000 Ziegel für den Bau des neuen Werks lieferte. 1858 hatte auch die erste Dampfmaschine ihren Einzug in Wehbach gehalten. 1868 folgte die mit 100 PS ausgestattete zweite Maschine. Um diese Zeit wurden bereits 120 Arbeiter beschäftigt, die jährlich 300000 Zentner an Waren auf ihren Weg Richtung Kirchener Bahnhof schickten. Otto Wellnitz: »Da muss ein reger Verkehr der Fuhrleute zwischen Wehbach und Kirchen auf der Kunststraße geherrscht haben. Gastwirtschaften in Wehbach mögen davon profitiert haben.« Das Blechwalzwerk profitierte natürlich auch vom allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland, bedingt durch die drei Feldzüge zwischen 1860 und 1871. Pfarrer i.R. Hans Fritzsche: »Man sagt ja, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. Das ist leider so.«

Schon 1860 eigene Krankenkasse

Ob Carl Stein eine ausgeprägte soziale Ader hatte, kann heute nicht mehr beurteilt werden. Fest steht aber, dass bereits 1860 eine Betriebskrankenkasse eingeführt wurde. Und auch der Wohnungsbau, meint Willi Stahl, könne durchaus als soziale Errungenschaft angesehen werden, auch wenn die Bindung der Arbeiter an das Werk sicherlich die entscheidende Rolle gespielt habe. Am 8. Januar 1871 verstarb Carl Stein an den Folgen eines Blasenleidens in seinem Haus an der Kirchener Hauptstraße. Kurz vor seinem Tod hatte er noch für ein Berliner Adressbuch formuliert: »Wehbach, 30 Meilen nordöstlich Altenkirchen mit 100 Einwohnern, Carl Stein, Eisenblechwalzwerk. Gründer und Inhaber Carl Stein.«

Sohn Julius trat nach dem Tod seines Vaters in die geschäftlichen Fußstapfen. 1876 verfügte das Werk über zwei Dampfmaschinen, die jeweils zwei Feinblechgerüste antreiben, eine Dampfmaschine mit einem Blechwalzgerüst für Schweißofenmaterial, eine Walzenstraße zum Auswalzen von Rohschienen, vier Puddelöfen, zwei Schweißöfen und einen Dampfhammer. Inzwischen war allerdings das Thomasverfahren zum Einsatz gekommen, und die Lage der Puddelwerke verschlechterte sich zusehends. 1889 wurde das Werk in Wehbach wieder abgerissen und ein Neubau über dem ebenfalls neuen Bahnanschluss bezogen. Per Bahn bezog man fortan Thomasflusseisen aus dem Ruhrgebiet.

In der Zwischenzeit hatte Julius Stein zwei »tüchtige junge Fachleute« (Wellnitz) eingestellt: Theodor Gohr als technischen Leiter und Ernst Schramm, zuständig für den kaufmännischen Bereich. Als stiller Teilhaber trat Dr. Felix Rauschenbusch in das Unternehmen ein. Julius Stein kam dies gerade recht, hatte er doch 1892 seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt – wohl auf Betreiben seiner aus Stettin stammenden Gattin. Der Sohn des Firmengründers zog sich immer weiter aus dem Betrieb zurück, 1896 wurde Blechwalzwerk in eine GmbH umgewandelt. Zu den Mitunterzeichnern der Urkunde gehörte neben Gohr und Schramm auch P.F. Wagner als Prokurist, vermutlich ein Sohn des Sekretärs von Carl Stein. Willi Stahl weist darauf hin, dass trotz allem der Name der Familie bis zur Schließung des Werks bzw. der Hütte nie verloren ging. Er sollte im »Eisenhandel Stein« weiterleben.

Fusion mit Herdorfer Friedrichshütte

Die neue Geschäftsführung traf sofort eine wichtige Entscheidung. Um konkurrenzfähig zu bleiben und stets das richtige Material zur Verfügung zu haben, wurde 1898 ein eigenes Stahlwerk mit zwei 15-Tonnen-Siemens-Martin-Öfen gebaut. Die Leitung wurde einem jungen Ingenieur aus Bochum mit Namen Heinrich Klostermann übergeben, von dem noch zu lesen sein wird. Zu dieser Zeit war die Identifikation der Wehbacher mit ihrem Werk bereits enorm, doch die schier übermächtige Konkurrenz aus dem Ruhrgebiet setzte den heimischen Betrieben stark zu. So kam es am 1. Mai 1900 zu einem bemerkenswerten Ereignis: Das Wehbacher Walzwerk ging in einer von beiden Seiten angestrebten Fusion in die Friedrichshütte AG aus Herdorf über. Fortan firmierte man unter dem Namen »Bergbau- und Hütten Aktiengesellschaft Friedrichshütte, Abt. Carl Stein, Wehbach«.

Otto Wellnitz: »Die Herdorfer Erzgruben lieferten den Eisenstein für den dortigen Hochofenbetrieb. Das dort gewonnene Stahl- und Spiegeleisen kam per Bahn nach Wehbach und wurde hier zu Rohstahl und dann zu Platinen und Blechen aller Art verarbeitet.« Die Familie Stein sollte keine Rolle mehr in der weiteren Geschichte spielen, dafür eine Familie Schneider...

Fotos: Heimatverein Kirchen/Otto Wellnitz

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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