Tüchtige Bruchstein-Maurer für Kirchenbau gesucht

Die Gotteshäuser in Kirchen (Teil 2)/4000 Gläubige bei der Einweihung der kath. Kirche/Glocken wurden nicht eingeschmolzen

thor Kirchen. War in der vergangenen Woche von manchen Reibereien zwischen der evangelischen und der katholischen Gemeinde die Rede, so soll heute zu Beginn über ein frühes Zeichen der Ökumene berichtet werden. Zur Zeit des Simultaneums besaß die Kirche zwei Glocken. Die größere war auf den Ton F abgestimmt, die kleinere (Gis) war allerdings zersprungen und unbrauchbar. Schon um 1880 bemühte man sich um neue Glocken, doch erst 1896, einige Jahre nach Ende des Simultaneums, konnte zur Tat bzw. zum Kauf geschritten werden. Der Kirchener Walter Siebel machte eine Schenkung von 6000 Mark zur »Beschaffung eines würdigen Geläuts« für die ev. Kirche. Bestellt wurden drei Glocken bei der Fa. Rincker in Sinn. Als sie schließlich installiert wurden, achtete man darauf, dass sie zusammen mit den Glocken der kath. Kirche für ein harmonisches und selten schönes Klangbild in Kirchen sorgten.

Auch später waren die Schicksale der Glocken miteinander verknüpft. 1942 wurden sie im Rahmen der damaligen »Materialbeschaffungsmaßnahmen« für den Krieg beschlagnahmt. Damals sagte ein unbekannter Kirchener: »Wenn wir die Glocken nicht mehr hören dürfen, werden wir bald die Kanonen und Sirenen hören!« Der Mann behielt Recht. Doch zum Einschmelzen der Glocken kam es nicht. 1948 wurden sie auf einem Lagerplatz in Thüringen entdeckt und ein Jahr später wieder nach Kirchen gebracht.

Aber nicht nur bei den Glocken und beim Kirchbau selbst waren Kirchener Bürger spendabel. Als 1896 eine neue Orgel für die ev. Kirche bestellt wurde, zeigte sich Mathilde Jung äußerst gönnerhaft. Die Kirchenerin, die in Wiesbaden lebte, beglich die Rechnung über 9164 Mark. Die frühere Simultankirche hatte 1810 ihre erste Orgel erhalten, gefertigt von dem Orgelbauer Johann Christian Rötzel zu Olpe bei Eckenhagen. Sie kostete 1773 Taler. Als 1958 bei der Renovierung der ev. Kirche die jüngste Orgel aufgestellt wurde, musste man schon 46800 DM zahlen. In der »Residenzstadt« Freusburg existierte freilich schon Anfang des 18. Jahrhunderts eine Orgel.

Nun aber zur kath. Kirche: Henning Plate vom Kirchener Heimatverein hat wieder einmal Interessantes gefunden. So stand in der Betzdorfer Zeitung anno 1888: »...weiter finden noch zehn bis zwölf tüchtige Bruchstein-Maurer dauernde Beschäftigung gegen hohen Lohn auf dem Neubau der Kirche in Kirchen. Meldungen auf der Baustelle.« Der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus war unter den Katholiken in Kirchen Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker geworden, und das nicht nur wegen der Raumnot in der Simultankirche. 1866 gab es im Kirchspiel Kirchen (ohne Mudersbach) 4411 katholische Einwohner. Denen standen lediglich 1487 Protestanten gegenüber. Die Freusburger Katholiken gingen zu jener Zeit übrigens noch in Niederfischbach zur Kirche, erst 1921 konnten die kürzeren Wege nach Kirchen angetreten werden. Die von Heinrich IV. erbaute Kapelle in Freusburg blieb den evangelischen Christen vorbehalten.

Der Name wurde »mitgenommen«

Am 12. Juli 1886 lag der Kostenvoranschlag über 95000 Mark für den Neubau auf dem Tisch. Zählte man die 20000 Mark »Abfindung« der ev. Gemeinde hinzu, so hatte die kath. Gemeinde über 71000 Mark im Baufond. Als Bauplatz wurde ein freies Grundstück unterhalb des Friedhofs gefunden. Am 13. September 1887 erfolgte die Grundsteinlegung der St.-Michael-Kirche – den Namen hatte man »mitgenommen«. Vorher musste allerdings noch ein Gemeindeweg (die heutige Kirchstraße) verlegt werden.

Mit dem Grundstein wurde eine Urkunde eingemauert. Die deutsche Übersetzung lautet: »Im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit – Im Jahr des Herrn 1887, als der Oberhirte Leo XIII. das Steuer der Kirche innehatte, als Wilhelm I. deutscher Kaiser und König von Preußen war und als Michael Felix Korum den Bischöflichen Thron von Trier zierte, begann man, dieses Gotteshaus zu Ehren des seligen Erzengels Michael zu bauen. Es wurde geplant von dem Architekten C. Pickel und gebaut von dem Maurermeister A. Harte, beide aus Düsseldorf. Zu dieser Zeit übte Pfarrer Wenzeslaus Maximini die Seelsorge in Kirchen aus. Dieser Grundstein wurde am 13. September dieses Jahres feierlich gesegnet und eingemauert. Gott, der Gütige und Gewaltige, wolle dieses Werk segnen und alle Tage beschützen.«

Am 16. Juli 1889 war es dann nach zweijähriger Bauzeit endlich soweit. In einer eindrucksvollen Prozession zog die Gemeinde in die neue, im neugotischen Stil erbaute Kirche ein. Rund 4000 Gläubige hatten sich zu diesem Anlass in der Kirche (und wahrscheinlich noch davor) eingefunden, die »wohl mit Recht die schönste Kirche weit und breit genannt werden kann«, wie die Betzdorfer Zeitung schrieb.

Am 18. Juni 1844 wurde eine weitere Urkunde in der Kirche eingemauert. Der Anlass diesmal war die Aufstellung eines neuen Hochaltars. Darin heißt es: »Diesen Altar errichten wir in schwerer Kriegszeit Gott dem Herrn. In Rußland weichen unsere Heere vor der furchtbaren Übermacht der Feinde. In Italien tobt der Kampf vor der Toren der Ewigen Stadt, und wir bangen um das Schicksal des Heiligen Vaters Pius XII.. In der Heimat aber heulen die Sirenen bei Tag und Nacht, und die Luft erdröhnt von den Geschwadern feindlicher Flugzeuge.«

Hochaltar überstand Fliegerangriffe

Als 1945 größere Fliegerangriffe auf Kirchen erfolgten – am 19. Februar und in der Nacht auf Karsamstag – werden beide Kirchen beschädigt. Die Fenster gingen zu Bruch, auch Dach und Mauerwerk wurden beschädigt. Wie durch ein Wunder blieb der Hochaltar in der kath. Kirche beide Male unversehrt, auch wenn das Gotteshaus selbst fast in Staub und Schutt erstickte. Aber die Menschen ließen sich nicht unterkriegen. Viele fleißige Hände reinigten die Kirche, und so konnte schon am Weißen Sonntag wieder eine Messe gefeiert werden. Bei dem Angriff am 19. Februar entstanden auch auf dem Friedhof drei große Bombentrichter. Dazu muss man wissen, dass bis 1780 Personen von höherem Stand in der Kirche selbst beerdigt wurden. In der ev. Kirche befinden sich noch zwei Grabtafeln. Die eine erinnert an die 1576 verstorbene Gattin des Pfarrers und Magisters Leopold Optichtyus, die andere an Dorothea Kessel, »ein edles und züchtiges Mädchen«. Diese Tafel ließ Heinrich IV. erstellen. Mit den Bestattungen in der Kirche hörte man aber nicht nur wegen »gefährlicher Ausdünstungen« auf. Pfarrer i.R. Hans Fritzsche: »Wenn während eines Gottesdienstes mit Gepolter ein Sarg zusammen brach, dann war das nicht so schön.«

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate/Hans Fritzsche

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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