Vom Bauerndorf zum bedeutenden Industriestandort

Carl Daniel Stein weckte den Ort aus dem »Dornröschen-Schlaf«/Gemarkung reichte bis zur Freusburger Mühle/1942 »Zwangsvereinigung« mit Kirchen

thor Kirchen. Wer heute als Nicht-Wehbacher von Wehbach spricht, der meint nichts Anderes als den kleinen Kirchener Ortsteil zwischen Buchenhof und – maximal – Jung-Jungenthal. Nur allzu selbstverständlich lässt der Autofahrer Wehbach links liegen, wenn er sich auf dem Weg Richtung Autobahn befindet. Wehbach – geografisch im Schatten von Brühlkopf und Molzberg, politisch in dem der »Großgemeinde« Kirchen. Das Verhältnis der beiden Nachbarn ist mit dem von Mudersbach und Brachbach vergleichbar: eigentlich eng – »untrennbar« wäre sicherlich übertrieben – miteinander verbunden, trotzdem voller Rivalitäten.

Dabei sollte jeder wissen, dass Wehbach früher eine beachtliche Größe besaß. Otto Wellnitz vom Kirchener Heimatverein hat eine alte Karte aus dem Archiv der Katasteramts nachgezeichnet, die den genauen Grenzverlauf Ende des 19. Jahrhunderts darstellt. Das Gebiet der Gemeinde Wehbach begann nördlich am Buchenhof und reichte bis zur Mündung der Asdorf. Riegel, Grindel, Kircherhütte, Jungenthal und Brühlhof gehörten genau so dazu wie fast die gesamte Au bis zur Freusburger Mühle. Über die genannten Ortsbezirke ist im Rahmen der Serie bereits berichtet worden. Viele Themen, die in den nächsten Wochen in den Mittelpunkt rücken, können heute in einem ersten Überblick nur gestreift werden.

Niederes Adelsgeschlecht »von Wehbach«

Wann genau die Geschichte Wehbachs begann, kann wie bei den meisten anderen Dörfern nicht gesagt werden. Fest steht, dass es Anfang des 15. Jahrhunderts ein niederes Adelsgeschlecht »von Wehbach« gab, die einen von ihrem Landesherrn zu Lehen gegebenen Hof bewirtschafteten. Der verstorbene Heimatforscher Werner Stinner zitiert in seinem Buch über Kirchen eine Urkunde von 1466: »Graf Gerhard von Sayn belehnte den Bastard Gonderd zu Sayn mit Haus und Hof zu Wehbach.« 1471/72 wird auch eine »Huyt zoe Vehbach« erwähnt, wobei es sich eventuell um die Kircherhütte handeln könnte. Schon sehr früh existierte auch im Rußloch ein Hof. Der Name könnte sich von einem dort befindlichen Röstofen ableiten lassen.

Von einer dichten Besiedlung konnte man zu dieser Zeit wahrlich noch nicht sprechen. Vereinzelte Höfe prägten das Landschaftsbild. Im heutigen Ortskern gab es nur zwei Gebäude, jeweils eines rechts und links der Asdorf. Einen weiteren »Schwerpunkt« bildete Niederasdorf. Werner Stinner berichtet, dass es 1597 gerade einmal sechs Steuerzahler in Wehbach gab: »Jakob der hofmann, Gerhardt der hofmann, Christgl Schmitt, Heintz Hammerschmidt, Hermann Fischer und Joh. Fischer Eid.« 1667 bestand »Wehebach« aus fünf Häusern, in »Ahstorf« wurden fünf Feuerstätten gezählt.

In alten Schriften werden die frühen Wehbacher als »Bauersleute katholischer Religion« bezeichnet. Die Landwirtschaft bestimmte das tägliche Leben, eher im »Nebenerwerb« ging man der Arbeit als Bergmann nach. Viele Schürflöcher und Gruben rund um den Ort zeugen von dieser Vergangenheit. Um 1800 ist noch von zwei Höfen in herrschaftlichem Besitz in Wehbach die Rede. Das frühere Hofgut des Adelsgeschlechts ging 1822 in den Besitz der Familie Jung über. Dazu gehörten ein Wohnhaus, eine Scheune, ein Garten, 14 Morgen Ackerland, 8 Morgen Wiese, 108 Ruthen Obstbäume, 187 Ruthen Hauberg und 288 Ruthen Wälder. Folgende Handwerker waren ansässig: ein Schmied, zwei Schuhmacher, ein Schneider, zwei Leineweber und ein Schreiner.

1817 Provinzialstraße gebaut

1820 umfasste Wehbach etwa 15 Häuser. »Sie standen im Bereich der heutigen Gilsbachstraße, also rechts der Asdorf, und in der heutigen Ortsmitte an der Einmündung des Wehbachs, welcher dem Ort seinen Namen gab, links der Asdorf. Um diese Zeit muss die Einwohnerzahl noch weit unter 100 gelegen haben«, so Henning Plate vom Heimatverein. Einen ersten Aufschwung erlebte der Ort ab 1817 durch den Bau der Provinzialstraße, auch »Kunststraße« genannt, von Kirchen nach Fischbacherhütte. Dabei handelte es sich laut Otto Wellnitz um eine Art »Arbeitslosen-Beschäftigungsprogramm« der Preußen. Die neue Regierung war es auch, die die Koblenz-Olper-Straße bauen ließ, die noch heute unter diesem Namen Wehbachs Hauptverkehrsader ist.

Als das entscheidende Jahr für Wehbach gilt 1839. Pflegte der Ort bis dato noch eine Art »Dornröschenschlaf«, wurde er damals durch Carl Daniel Stein »wach geküsst«, wie der ehemalige Ortsvorsteher Willi Stahl betont. Der Kirchener Fabrikant errichtete »In den Weiden« ein Blechwalzwerk, aus dem später die Friedrichshütte hervorging. Bei der Standortwahl hatte die Wasserkraft der Asdorf die wichtigste Rolle gespielt. Zunächst allerdings waren noch die umliegenden Gruben die wichtigsten Arbeitgeber für die Wehbacher. 1852 hatte das Walzwerk erst 14 Mitarbeiter. Doch bereits 1869 waren in dem nun »schwunghaft betriebenen Puddel- und Walzwerk zu Wehbach« 120 Arbeiter beschäftigt. Jährlich wurden 300000 Zentner »per Achse« zum Kirchener Bahnhof transportiert.

Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Wehbach eine außerordentliche Blüte. Neben dem Stahl- und Walzwerk entstanden u.a. Gerbereien und Ziegeleien. Mit dem Bau der Bahnlinie von Kirchen nach Freudenberg zwischen 1886 und 1888 wurde die positive Entwicklung noch beschleunigt. Und mit den Betrieben kamen auch die Menschen. Wehbach entwickelte sich immer mehr zu einem Industriestandort, der Menschen aus der gesamten Region anlockte. Von »katholischen Bauern« konnte nicht mehr die Rede sein: »Aus dem Daadener Raum kamen viele Evangelische nach Wehbach«, betont Pfarrer i.R. Hans Fritzsche und erinnert an die »Ranzenmänner« aus Weitefeld, die sich zu Fuß mit einem Rucksack auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz an der Asdorf machten.

Die Geschäftsführung des Stahlwerks band die Arbeitnehmer an sich, indem Wohnhäuser bzw. kleinere Siedlungen gebaut wurden, zunächst an der Stein- und der Querstraße. »Die fielen sehr komfortabel aus«, weiß Willi Stahl. Wehbach wuchs und wuchs. Bereits 1823 war im Ort eine Schule eingerichtet worden. Um 1900 wohnten die Wehbacher in insgesamt 58 Häusern. Während man an der Asdorf 1919 genau 2822 Einwohner zählte, kam man zum gleichen Zeitpunkt an der Sieg in Kirchen nur auf 2569.

Politisch war Wehbach seit jeher eine selbstständige Gemeinde gewesen, obwohl hier nicht – wie in Kirchen – Bürgermeister, sondern meistens Ortsvorsteher an der Spitze des Rates standen. 38 Jahre lang, von 1881 bis 1919, hatte Heinrich Stolz (der Namensgeber für Heinrichstraße und Brücke) dieses Amt inne. Dann ereilte das Dorf Anfang 1942 ein wahrer Schicksalsschlag, der heute noch nachwirkt. In der Amtszeit von Bürgermeister Lotz wurden rund 3000 Wehbacher zu Kirchenern. Die braunen Machthaber hatten auf die »Zwangsvereinigung« bestanden.

Inititative »Weg von Kirchen«

Henning Plate: »In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es Bestrebungen mit dem Ziel, Wehbach wieder eigenständige Gemeinde werden zu lassen. ,Weg von Kirchen´ nannte sich eine Bürgerinitiative.« In der damaligen Volksschule auf dem Grindel fand eine Bürgerversammlung statt. Hier wurde betont, dass sich Wehbach mit dem im NS-Reich geschehenen Unrecht nie abfinden werde. Die Bürger von Wehbach seien bei der Zusammenlegung nicht gefragt und die Unterschriften der Ratsmitglieder erzwungen worden. Doch es blieb beim Status Quo und damit der Ortsgemeinde Kirchen-Wehbach.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate/Otto Wellnitz

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen