Vom Herrengut über die Lehmgruben zum Wohngebiet

Die Geschichte des Brühlhofs, des »Roten Hahn« und der Au (Teil 1)/Als die Bahn die ev. Kirchengemeinde über den Tisch zog

thor Kirchen. Wenn man die Geschichte des Brühlhofs und der Au erzählt, so ist das nicht einfach nur ein weiteres Kapitel in der Entwicklung der Ortsgemeinde Kirchen. Vielmehr ist es ein erneuter Beleg dafür, dass die Gemeinde ohne ihre Ortsteile kaum jene Bedeutung für die Region erlangt hätte, die sie heute zweifellos besitzt. Was viele Kirchener nicht mehr wissen oder vielleicht auch »verdrängt« haben: Bis 1942 gehörten der Brühlhof und die Au zu Wehbach. Erst als die Vereinigung zur Gemeinde Kirchen-Wehbach vollzogen wurde, kamen die Kirchener in den neuen Grundbesitz.

Der Brühlhof ist schon vor Jahrhunderten besiedelt gewesen. Seinen Namen verdankt er einem herrschaftlichen Hof, der bereits 1567 in einem Kaufvertrag erwähnt wird. Damals, so Henning Plate vom Kirchener Heimatverein, ging es um den Kauf der so genannten »Amtmanns Wiese« auf der linken Seite der Asdorf kurz vor der Mündung in die Sieg. Amtmann Nicolaus Wagener erwarb sie für den Landesherrn Johann Georg, der nahe des bereits bestehenden Hauses »Am Falckensteyn am hoff brühel« und dem »Thiergartten zum Gründel uf unsrer itzigen Wies vor der Kircher Hütten, allda der Asdorfbach vortheilhaft hindurchgehet« einen Fischteich anlegen wollte. Im Jahr 1667 werden in einer Zählung zwei Feuerstätten auf dem »Bruel« erwähnt.

Pfarrer musste sich Gut teilen

Der stattliche Brühlhof ging 1712 an die ev. Kirchengemeinde Kirchen, die die Unabhängigkeit von Freusburg erlangt hatte und im Ort wieder eine selbstständige Pfarrstelle einrichten konnte. Am 1. Mai zog Pfarrer Langen in das neue Pfarrhaus ein. Zur Gehaltsaufbesserung wurde ihm die Hälfte der Äcker und Wiesen zugesprochen, die zu dem Gut gehörten. Das Haus stand ungefähr an der Stelle, wo sich heute das Anwesen Bahnstraße 18 befindet. Bis 1750 wohnten mehrere ev. Pfarrer auf dem Brühlhof, die sich das Gut allerdings mit einem Nachbarn teilen mussten, der ausgerechnet katholischen Glaubens war. Und da man seinerzeit auf Ökumene nicht gerade großen Wert legte, war das Verhältnis sehr gespannt.

Die »Amtmanns Wiese« kam 1760 in den Besitz der Familie Stein, die sie wiederum 1797 an die Familie Jung verkaufte, die dort Ausschachtungsarbeiten für eine Spinnerei anordnete. 1801 übergab Johann Christian Jung die Spinnereibetriebe im Jungenthal plus jede Menge Landbesitz an seine vier Söhne. Dazu zählte neben Feldern am Buschert und Hauberg im Brühlwald auch die »Brühlleimkaule«. Der Name deutet es bereits an: Der gesamte Brühlhof weist eine Lehmschicht auf, die sich die Besitzer zu Nutze machten. Sogar die ev. Kirchengemeinde befand sich im Besitz einer eigenen Ziegelei – im Kirchenbuch sind noch alte Rechnungen vorhanden –, und auch für die Spinnerei wurden um das Jahr 1800 Ziegel im Feldbrandverfahren hergestellt. Vermutlich hat es früher hier eine ganze Reihe von Lehmgruben gegeben, die wirtschaftlich erschlossen waren.

Die Spuren kann man auch heute noch finden, wie Henning Plate als Anwohner der Bahnstraße aus eigener Erfahrung berichtet: »Macht man in seinem Garten in der Bahnstraße ein Loch, zwei Spaten tief, stößt man auf Ziegelbrocken. Gräbt man noch etwas tiefer, kommt man auf Lehm.«

460000 Ziegel für Stahlwerk

Der Wehbacher Walzwerkbesitzer Carl Stein pachtete 1855 auf dem Brühlhof eine Wiese, um dort Ziegel für ein neues Puddelstahlwerk zu brennen. Bis zum 23. November 1856 wurden etwa 460000 Ziegelsteine für die Erweiterung des Firmenkomplexes produziert. Anschließend brannte hier die Cöln-Gießener Eisenbahngesellschaft Ziegel für ihre Bauwerke – vom Tunnel bis zum Bahnhof. Das Baumaterial »vor der Haustür« wurde sicherlich auch für manche Wohnhäuser auf dem Brühlhof verwendet. Die ersten entstanden in den Jahren 1830 bis 1870 im Bereich der Bahnstraße.

Seine buchstäblich einschneidendste Veränderung erlebte der Brühlhof mit dem Bau der Eisenbahnstrecke von Betzdorf nach Siegen Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Gleise teilten fortan das Gebiet in den Ober- und den Unterbrühlhof. Die Provinzialstraße nach Siegen, heute Siegener Straße bzw. B62, war bereits 1844 fertiggestellt worden. Doch Henning Plate erinnert daran, dass es bis zur ersten Fahrt einer Dampflok am 10. Januar 1861 einigen Ärger gab, und zwar bei den Grundstücksverhandlungen: »Bei Versammlungen fielen scharfe Worte, es wurden Versprechungen gemacht und nicht eingehalten. Es floss viel Tinte und es gab Prozesse vor Gericht.«

Bahn versprach Brückenbau

Hauptsächlich war die ev. Kirchengemeinde betroffen, die beim Verkauf von der Bahngesellschaft »über den Tisch gezogen« wurde. Zahlten Privatleute damals für ein Baugrundstück auf dem Brühlhof schon 3 bis 5 Taler pro Rute, speiste man die Kirchengemeinde mit ungleich weniger ab: die Preise lagen zwischen einem und maximal zweizweidrittel Taler.

Außerdem erhielt man als eine Art »Abfindung« für die Wertminderung der Flächen eine Einmalzahlung über 50 Taler. Eigentlich hatte man seitens der Bahn auch eine Brücke vom oberen zum unteren Brühlhof zugesagt – doch daran konnte man sich nie wieder erinnern.

Krankenhaus als größtes Gebäude

In den Folgejahren entstanden immer mehr Wohnhäuser. 1905 wurde die Wasserversorgung in Betrieb genommen, zwei Jahre später der obere Teil des Brühlhofs an die Kanalisation angeschlossen. 1908 wurden die Straßen mit Rinnen versehen. 1910 entstand das bis heute größte Gebäude auf dem Brühlhof: das ev. Krankenhaus, über das bereits eine eigene Geschichte veröffentlicht wurde. Erste Pläne zum Bau hatte es schon 1905 gegeben, die Einweihung war am 25. September 1910.

Den Ort hatte man auch deshalb gewählt, weil sich die ev. Kirchengemeinde noch im Besitz des Grundstücks befand. Die Kosten betrugen 165000 Mark, erster leitender Arzt war Dr. Sonnenberg. Heute ist das verfallene Krankenhaus inmitten der Wohnhäuser ein Schandfleck und zu einem Streitobjekt zwischen Kirchengemeinde und Landesdenkmalpflege geworden. Abriss oder Erhalt? – das ist hier die Frage.

In der nächsten Folge wird über die »Boomjahre« des Brühlhofs bzw. die Entwicklung des »Roten Hahn« und der Au berichtet. Denn als ab 1920 die Fa. Jung Werkswohnungen errichten ließ, wurden freie Bauplätze langsam Mangelware.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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