Vom kleinen Bastler zum Unternehmer mit Weltruf

Walter Hebel: Pionier der modernen Zeichenplatte/Talent beim Malen von Schmetterlingen entdeckt/1954 kam der »große Wurf«

thor Kirchen. Es soll die große Schrotthalde im Schatten der Friedrichshütte gewesen sein, die den Wehbacher Jungs gegenüber ihren Kirchener Kameraden früher einen gewissen Vorteil verschaffte. Der bizarre Berg weckte die Entdeckerfreuden der männlichen Jugend. Sie baute sich aus dem Abfall der Hütte ihre ersten Fahrräder – zum Neid der Kirchener. Auch der junge Walter Hebel, der 1899 in dem Hüttendorf zur Welt gekommen war, blickte stets fasziniert Richtung Halde, wie er Jahrzehnte später in einem Gespräch mit dem früheren Redaktionsleiter der Siegener Zeitung für den Kreis Altenkirchen, Horst G. Koch, berichtete: »Was kann man daraus machen?« fragte sich der junge Hebel, ohne direkt an ein Fahrrad zu denken. Eine rote, runde Blechscheibe hatte es ihm angetan. Daraus entwickelte der kleine Walter ein Signal mit Lichtern, »das man mit einem Seilzug betätigen konnte«.

Was auf den ersten Blick als unbedeutende Randnotiz erscheint, ist doch viel, viel mehr, verrät dieses Erlebnis des jungen Walter Hebel doch Entscheidendes über seine Persönlichkeit. Hier versteckt sich ein erster Hinweis auf den kreativen Geist, der den jungen Wehbacher trotz zahlreicher Rückschläge zu großem beruflichen Erfolg führen sollte. Er baute ein Unternehmen auf, das rund um den Globus bekannt wurde. Noch im vergangenen Jahr sprach Kirchens Bürgermeister Wolfgang Müller von der »mittelständischen Firma mit dem weltweiten Ruf«, auch wenn der Name »nur« noch als Werksbezeichnung dient.

Walter Hebel, dessen Familie eigentlich aus Winnersbach stammt, wuchs in Wehbach bei einer Tante auf. Als er acht Jahre alt war, starb seine Mutter, zehn Jahre später auch der Vater. Schon damals zeigte er großes Geschick bei Bastelarbeiten und interessierte sich für alle technischen Neuerungen. Unter seinem Bett lag immer das Reißbrett. »Aber es war umständlich, es immer wieder hervorzuholen«, meinte Hebel, der sich daher entschloss, »erst einmal eine Zeichenmaschine zu bauen, die alles, was man zum Zeichnen braucht, auf einen Griff hat.« Sein Talent war zunächst seinem Onkel Robert aufgefallen, als er eine ganze Schmetterlingssammlung naturgetreu abgebildet hatte. Durch ihn kam er 1913 zur Lokomotivfabrik Arnold Jung, wo er eine Lehre als technischer Zeichner begann. Bei der Arbeit in der Lichtpauserei lernte Hebel auch das Fotografieren kennen, das sein ganz Leben lang sein großes Hobby bleiben sollte.

»Industrie-Putzpomade« entwickelt

1918 wurde Hebel als Soldat eingezogen und geriet kurz darauf in Flandern in Gefangenschaft. Als er 1919 nach Wehbach zurückkehrte, stellte ihn die Fa. Jung wieder als Hilfskonstrukteur ein. Doch zufrieden war der junge Tüftler nicht, ihn verlangte es nach Unabhängigkeit. Dabei kam er gemeinsam mit einem Freund zunächst auf etwas abenteuerliche Ideen. Aus Grafit, Schmier- und Mandelöl wurde eine »HB-Industrie-Putzpomade« entwickelt. Über das Versenden von kleinen Proben kam man allerdings nicht hinaus.

Nach weiteren Misserfolgen konzentrierte sich Hebel schließlich wieder ganz auf ein kleinformatiges Zeichengerät. Noch 1919 entstand ein erstes Gebrauchsmuster für den legendären »Spar-Schnell-Reißblock«, das Patent wurde am 6. September 1921 angemeldet. Es handelte sich um eine DIN-A4-Platte, die aus einem vierfach gelochten Zeichenblock bestand, der auf eine Unterlage aus steifer Pappe gespannt war. Die Aufspannschiene diente zugleich als Führung für eine kleine Reißschiene mit verschiebbarem Zeichenkopf. Walter Hebel kündigte bei der Fa. Jung und zog nach Berlin, wo auf Vermittlung des Kirchener Lehrers Baerwolff die Fa. Zeiss mit der Vertrieb der neuen Erfindung begann.

Was folgten, waren turbulente Jahre für Walter Hebel und sein Produkt – Inflation und Weltwirtschaftskrise ließen das Unternehmen scheitern. 1924 kehrte Hebel nach Wehbach zurück. Dort richtete er eine neue Werkstatt in der leer stehenden Wohnung der Ziegelei Morgenschweis ein. Dann kam es zur Zusammenarbeit mit dem Kaufmann Carl Quierbach aus Betzdorf. Die Produktion wurde auf die »Sigambria« verlegt. Doch auch diese Episode ging unrühmlich zu Ende: Quierbach unterschlug 150000 Reichsmark, wurde verurteilt und inhaftiert.

Aber selbst durch diese »Affäre« ließ sich Hebel nicht beeinflussen. Es wurde weiterhin Bürobedarf verkauft, wenn auch eher »nebenbei«. 1927 stieg er wieder bei der Fa. Jung ein, und im gleichen Jahr heiratete er Johanna Kehl aus der Brunnenstraße in Kirchen. Bis 1934 wohnte das Paar im kleinen Häuschen des ehemaligen Kutschers und Gärtners Wilhelm Kehl. Hier wurde auch 1932 – nach kurzer Arbeitslosigkeit – die eigentliche Fa. Hebel gegründet, ein Einzelhandelsgeschäft für Schreibwaren, Büro- und Zeichenbedarf. Bereits ein Jahr später konnten die Hebels ein neues Ladenlokal in der Schulstraße 13 bei Schneidermeister Bernhard Geil anmieten. Dort arbeitete Walter Hebel unermüdlich an der Weiterentwicklung der Zeichenplatte und übernahm 1936 Fabrikation und Vertrieb in Eigenregie. Aus der Zeichenplatte wurde eine Kleinformat-Zeichenmaschine.

Inzwischen war man mit dem Geschäft in die Brückenstraße 12 umgezogen. Dort blieb die Familie Hebel auch nicht lange, 1937 kaufte man das Haus Brückenstraße 4 und eröffnete dort nach einem großzügigen Umbau ein neues Geschäft mit angeschlossener Werkstatt. So hatte die junge Firma 1938 bereits neun Mitarbeiter. Das Geschäft florierte.

Von den Franzosen inhaftiert

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Walter Hebel seine Parteizugehörigkeit zum Verhängnis. Als Mitglied der NSDAP war er für ein Jahr Gemeindebürgermeister gewesen, anschließend Jungvolkführer sowie Zellen- und Amtsleiter. Zudem hatte er zum 1. Mai 1933 rund 20000 Hakenkreuz-Fähnchen gefertigt und verkauft. Alles Gründe für die Franzosen, ihn am 29. Juli 1945 verhaften zu lassen. Erst 1947 kehrte Hebel aus einem Lager nach Kirchen zurück. Mit der Währungsreform 1948 setzte er zum Neuanfang an.

Mit dem Fahrrad nach Siegen

Henning Plate und Werner Panthel vom Heimatverein erinnern sich, dass jedes Schulkind aus Kirchen irgendwann einmal bei Hebels eingekauft hat – oder aber bei Deckus. Hebel war evangelisch, Decku katholisch, und so habe auch das Elternhaus einen gewissen Einfluss ausgeübt. Wenn ein bestimmter Artikel einmal nicht vorrätig war, dann habe sich Walter Hebel auf sein Fahrrad gesetzt und sei bis Siegen zur Fa. Gethmann gefahren, um für Nachschub zu sorgen, erzählt Plate.

1954 kam dann der ganz »große Wurf«: Nach einer Grundidee von Sohn Ulrich Hebel (geb. 1929) wurde eine neue Zeichenplatte zum Patent angemeldet. Wurden im ersten Jahr 5000 Stück verkauft, steigerte sich diese Zahl bis 1968 auf 92000. Hebel-Produkte waren fortan weltweit gefragt. Für seine Verdienste erhielt Hebel 1962 die Rudolf-Diesel-Medaille des Deutschen Erfinderverbands. 1965 wurde der Fabrikneubau an der Katzenbacher Straße bezogen, wo man alle Abteilungen unter einem Dach vereinte. Die Zahl der Beschäftigten stieg auf rund 120. Kurz vor dem goldenen Firmenjubiläum starb Walter Hebel im Juni 1982 mit 82 Jahren. Für Henning Plate bleibt er als ein Mann im Gedächtnis, »der nie aufgegeben und immer an seine Ideen geglaubt hat, trotz aller Rückschläge«.

Herausgeber der »Weihnachtspost«

Dem Unternehmer, der in einem tiefen christlichen Glauben relativ zurückgezogen gelebt hatte, widmete Pfarrer i.R. Hans Fritzsche im Heimatjahrbuch des Kreises von 1983 einen Nachruf, in dem er ihn einen »liebenswerten, seiner Kirchener Heimat treu verbundenen Freund« nannte. Plate weist darauf hin, dass Hebel auch der Herausgeber der einst so beliebten »Weihnachtspost aus Kirchen« (1951 bis 1963) war, heute eine gesuchte Rarität. 1952 schrieb Hebel: »War das ein herrlicher Sonntag! Wie kann man nur so verliebt sein in die Heimat? Ja, ist sie nicht wie die gütige Hand Gottes, in der man sich froh und geborgen fühlen darf?«

Nach dem Tod des Vaters wurde das Unternehmen von Ulrich Hebel geführt. Bereits 1975 war die Fa. Rotring zu 50 Prozent bei Hebel eingestiegen. 1998 gab Ulrich Hebel die Geschäftsführung an Norbert Müller und Hermann Stühn ab, und im Juli 2001 schließlich wurde das Familienunternehmen an die Maul GmbH aus Bad König verkauft. Doch die Odenwälder waren schlau genug, den Namen Hebel nicht komplett aufzugeben. Die Produktionsstätte an der Katzenbacher Straße (und die »Filiale« bei Jung-Jungenthal) hören immer noch auf den Namen des Gründers.

Fotos: Heimatverein Kirchen/SZ-Archiv

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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