Zehenspitzen und ein wacher Blick

Wirtschaftliche Kooperation zwischen Krapkowice und Altenkirchen angestrebt

damo Kirchen. Albert Macha weiß, wofür er seine Zehenspitzen hat. Obwohl er nicht allzu groß gewachsen ist, entgeht ihm nämlich nichts. Hier reckt er sich, dort späht er jemandem über die Schulter. Er schaut genau hin, und wenn man ihn ein paar Minuten beobachtet, dann wundert man sich: Wieso hat dieser freundliche Mann bloß so ein ausgeprägtes Interesse an den Arbeitsabläufen bei der Firma Halbe? Nun sollen sich Journalisten nicht bloß wundern, sondern erklären. Also: Das Interesse dürfte an Machas Biographie liegen. Er ist gelernter Elektro-Ingenieur, und bis Januar dieses Jahres war er beruflich damit beschäftigt, in der Industrie Automatisierungsprozesse voranzutreiben. Und dann wurde er zum Landrat des Kreises Krapkowice gewählt.

Krapkowice ist der Partnerkreis des AK-Kreises, und nachdem sich die Schulen munter gegenseitig besuchen und auch die Jugendgruppen Kontakte knüpfen, soll jetzt die wirtschaftliche Kooperation vorangetrieben werden. Das erklärte Landrat Dr. Alfred Beth am Rande der gestrigen Firmenbesichtigung der Firma Halbe in Kirchen.

Dass beide Landräte dieses Bestreben haben, liegt auf der Hand. Denn nicht nur in Deutschland werden wirtschaftliche Wachstumsimpulse händeringend gesucht, sondern auch in Polen. Der Landkreis Krapkowice hat derzeit eine Arbeitslosenquote von knapp 14 Prozent; damit steht er zwar für polnische Verhältnisse noch gut da, aber Zufriedenheit kann sich in einer Verwaltung naturgemäß nicht breitmachen, wenn jeder siebte potenzielle Arbeitnehmer keine Arbeit nehmen kann.

Für Dr. Beth heißt das Stichwort »Kontaktbörse«. So sollen Firmen einander kennen lernen und – Zauberwort der »New Economy« – Synergieeffekte nutzen. Wie das praktisch aussehen kann? Darauf antwortete Ewa-Maria Pilat, Direktorin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Krapkowice. »Es ergänzt sich gut«, sagte sie im Gespräch mit der SZ. Damit meinte sie vor allem: Während in Deutschland die Unternehmer das Klagelied auf die hohen Lohnkosten im Chor singen, ist Arbeit in Polen viel billiger. »Bei uns können Personal-Dienstleistungen viel preisgünstiger erbracht werden«, sagte Pilat. Denkbar wäre in ihren Augen, dass deutsche Unternehmen einzelne Produktionsbereiche nach Polen verlegen oder Produktionsaufträge an das Nachbarland vergeben.

Na fein, wird sich ein deutscher Arbeitsamtsmitarbeiter jetzt denken: Dann sinkt in Polen die Arbeitslosenquote, aber hier steigt sie. Dass das in manchen Fällen aber zu einfach gedacht ist, verdeutlichte der Pressesprecher des AK-Kreises, Berno Neuhoff, anhand eines Beispiels: »Wir haben heute Morgen ein Unternehmen besichtigt, das ein spezielles Produkt unter enorm hohen Herstellungskosten produzieren muss und damit kaum dem Wettbewerb standhalten kann. Würde dieses Produkt aber wegfallen, würde das die ganze Firma treffen. So kann es auch für die deutsche Belegschaft Arbeitsplatzsicherung sein, wenn einzelne Produktionsaufträge vergeben werden.«

Damit nicht genug: Weitere Vorteile einer Kooperation sehen Pilat und Macha übereinstimmend darin, dass der Kreis Krapkowice infrastrukturell gut ausgestattet sei – so liegt der Kreis nur 250 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt und wird über die A4 perfekt angeschlossen. Dass in der Region viele Menschen zweisprachig aufwachsen, könne die Wirtschaftsbeziehungen nur erleichtern, meinte Pilat.

Zuerst sei geplant gewesen, die angedachte Kontaktbörse lediglich für die beiden Partnerkreise einzurichten; wie Dr. Beth befindet, ist diese Basis aber zu klein. Da die Idee einer Kontaktbörse mittlerweile laut Dr. Beth auch Wirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage überzeugt hat, könnten die Partner bald Rheinland-Pfalz und Oppeln heißen. Dr. Beth sieht es als Ziel, im kommenden Jahr die Kontaktbörse einzurichten.

Und damit man dann nicht bei Null anfangen muss, werden jetzt schon Kontakte geknüpft. Die Delegation aus Polen hält sich noch einige Tage im AK-Land auf – und Macha wird sich bestimmt noch oft auf seine Zehenspitzen stellen und mit aufmerksamen Blick Eindrücke sammeln.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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