Zwei Turnbrüder mussten für ihr Hobby ins Zuchthaus

Die Geschichte der Kirchener Sportvereine (Teil 1)/Staat sah revolutionäre Umtriebe /Schon früh gab es den ersten »Triathlon« entlang der Sieg

thor Kirchen. Was da im Jahre 1821 in Kirchen passierte, würde – auf die heutige Zeit übertragen – bedeuten, dass Bürgermeister Wolfgang Müller die Vorsitzenden des VfL Kirchen und des TuS Freusburg wegen »staatsgefährdender Umtriebe« ins Gefängnis schicken würde. Unvorstellbar? Nun, damals nicht. Der preußische Staat hielt die von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn ins Leben gerufene Turnbewegung für gefährlich und verbot jegliche Art der Leibesertüchtigung – mit drakonischen Strafen bei Missachtung. Das bekamen auch zwei Kirchener Turnfreunde zu spüren: Gymnasiallehrer Christian Sartorius und sein Direktor Dr. Heinrich Snell. Ein Gericht steckte sie für ihr Hobby ins Zuchthaus nach Siegburg. Nach zwei Jahren gelang ihnen allerdings auf höchst spektakuläre Weise die Flucht.

Für Henning Plate vom Heimatverein müsste diese Geschichte eigentlich verfilmt werden: »In den frühen Abendstunden des 2. August 1823 erschienen zwei Männer vor dem Tor des Zuchthauses. Mit ihren Pässen wiesen sie sich als Regierungsbeamte auf Inspektionsreise aus. Da der Direktor des Zuchthauses abwesend war, ging ein Oberaufseher mit. Während der Aufseher mit einem Besucher in den nördlichen Trakt schritt, schlich sich der andere in die südlich gelegenen Räume und öffnete mit einem Nachschlüssel die Tür zur Zelle Nr.27. Hier wickelte er sich ein 20 Meter langes, starkes Seil von den Hüften ab, welches er unter der Kleidung versteckt hatte. Dann fand er sich wieder im Direktorzimmer ein. Snell und Sartorius, die beiden Insassen der Zelle Nr.27, hatten als geübte Turner keine Probleme, sich in dieser Nacht abzuseilen und aus Siegburg zu entkommen.«

Mit dem Schiff geflohen

Während Snell über Köln und Düsseldorf nach Holland floh, wurde Sartorius in einer geschlossenen Kutsche nach Kirchen gebracht, wo er sich sofort mit seiner Jugendfreundin Minna Stein verlobte. Anschließend floh auch er nach Holland. Beide Kirchener schifften sich auf der »Echo« ein – Kurs Südamerika. Während Snell sich später in Batavia (Niederl. Indien) niederließ, holte Sartorius seine Braut nach und arbeitete später in den Stein´schen Silbergruben in Mexiko. Die »Regierungsbeamten« aber blieben unauffindbar. Die Kirchener Turner hielten dicht, trotz Fahndungen und vieler Verhöre und Verhaftungen.

Es war also Anfang des 19. Jahrhunderts noch nichts mit dem Motto »Frisch, fromm, fröhlich, frei«. Dabei waren die Ideen von Jahn in Kirchen auf fruchtbaren Boden gestoßen. Die Söhne der Familien Stein und Jung waren die ersten, die – von auswärtigen Universitäten kommend – mit dem Turnen begannen. Um 1815 ließ Schichtmeister Johann Daniel Stein auf eigene Kosten »Auf dem Sand« einen Turnplatz herrichten, der schnell zum Treffpunkt der Jugend wurde, auch wenn es keine Geräte gab und man sich auf Freiübungen und Läufe beschränken musste. Ganze Burschenschaften aus dem Siegerland, dem Westerwald und vom Rhein trafen sich hier zu Wettkämpfen. Unter den Gästen war auch der große Dichter Ernst Moritz Arndt, damals Professor der Geschichte in Bonn. Er wohnte im Haus »Sartorius Erbe« an der Hauptstraße.

Dann schritt Vater Staat ein, und auch in Kirchen war zunächst eine Pause ratsam. Erst um 1850 wurden neue Versuche unternommen, das Turnen wieder gesellschaftsfähig zu machen – wieder vom Nachwuchs einiger betuchter Familien. Der Turnplatz war auf dem Struthof bei Bauer Stangier, der dort eine Gastwirtschaft betrieb. Diesmal gab es schon Reck und Barren, und trotzdem wollte die Sache nicht so recht in Schwung kommen.

»Vom regen Eifer beseelt«

Es sollte dennoch klappen: Am 15. August 1883 gründeten 17 junge Männer – Frauen blieben »natürlich« außen vor – den Kirchener Turnverein. Ihr Wahlspruch »vom regen Eifer beseelt und unermüdlich tätig« traf zunächst ins Schwarze, wie Henning Plate anmerkt, denn anfangs mussten viele Schwierigkeiten überwunden werden. So wurde allein bis 1889 fünfmal das Vereinslokal gewechselt. Von »Langs Ecke« aus ging es über das Haus Ippach (später Heikaus) und den »Saynischen Hof« in den Saal das Gastwirts Heinrich Wurm zurück in die Bahnhofstraße, den Harr´schen Saal. Im Winter war allerdings kein Training möglich. Die ersten Gauturnfeste fanden bereits 1890 und 1897 in Kirchen statt. Der Geografie und nicht politischen Grenzen folgend, gehörte man zu jener Zeit noch zum Turngau Siegerland.

Um 1890 kam der Wunsch nach einer eigenen Turnhalle auf. Fabrikant Ernst Jung legte mit 50 Mark einen kleinen finanziellen Grundstock. Das Vorhaben trat in den Hintergrund, als in der Gemeinde immer mehr Saalbauten entstanden. Dafür suchte man nun einen eigenen Sportplatz. 1907 begann der Turnverein mit dem Bau eines solchen Platzes auf der »Sigambria«. Hier sollte anschließend bis in die 30er Jahre das sportliche Zentrum von Kirchen sein. Es wurde geturnt, gerudert, gefochten und Faustball gespielt. Ende der 20er Jahre kam der Verein dann doch noch zu seiner Turnhalle – er übernahm die ehemalige Reithalle der Familie Rauschenbusch, die heutige Jahnhalle.

Was ebenfalls nicht fehlen durfte, war ein eigener Spielmannszug. Erster Stabträger war Anfang des 20. Jahrhunderts Eduard Panthel, der Vater von Werner Panthel vom Heimatverein. Allerdings konnte sich die Musik-Abteilung innerhalb des Turnvereins nie so recht durchsetzen. »Es war ein Auf und Ab«, meint Panthel. Zwar wurde der Spielmannszug nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründet, das endgültige kam dann Mitte der 60er Jahre.

Ein Ereignis von überregionaler Bedeutung war das 8. Gauturnfest des Siegerland-Turngaus, das am 20. und 21. Juni 1908 im Rahmen des Stiftungsfestes zum 25-jährigen Bestehen des Turnvereins in Kirchen ausgerichtet wurde. Die Sportler, die aus einem Gebiet zwischen Laasphe und Hamm anreisten, maßen ihre Kräfte im Sechskampf an Reck, Barren und Pferd, im Stabhochsprung, Stemmen und Laufen sowie im Musterriegenturnen. Dem Festausschuss gehörten übrigens sämtliche Honoratioren von Kirchen an. Nicht nur dieses Fest sorgte dafür, dass das Turnen bzw. der Sport allgemein in Kirchen immer populärer wurde. Der Aufschwung war auch eng mit der Person Gustav Strunk verbunden, der 1907 den Verein als Vorsitzender übernommen hatte und ihn über 28 Jahre lang führte. Zahlreiche Erfolge heimsten die Kirchener bei Gau- und Bezirksturnfesten ein. Immer mehr Abteilungen entstanden. Schnell entwickelte sich an der Sieg eine Faustball-Hochburg: 1920 und 1922 wurden die Kirchener Westfalenmeister, 1927 und 1928 Südwestfalenmeister.

Und wer heutzutage glaubt, Triathlon sei ein sehr junger Sport, entstanden auf Hawaii, der irrt gewaltig. Bereits in den 20er Jahren gab es die so genannte »Siegstaffel«. Gestartet wurde am Fuß der Freusburg, Ziel war die frühere Badeanstalt »Äuchen« in Betzdorf. Zu einem Team gehörten Schwimmer, Radfahrer und Läufer. Dreimal, von 1932 bis 1934, konnte der Kirchener Turnverein die Staffel gewinnen.

In der nächsten Woche wird u.a. über eine Sportart berichtet, die noch in der Jugend von Pfarrer i.R. Hans Fritzsche als überaus vulgär galt, am Gymnasium sogar verboten war und dessen Anhänger Eduard Panthel als »Rölpeser« bezeichnete. Dennoch führte das Interesse zur Gründung eines eigenen Vereins. Die Rede ist – natürlich – vom Fußball. Die Freunde des runden Leders gründeten extra den Sportverein »Borussia 1907« Kirchen.

Fotos: Heimatverein Kirchen/Henning Plate

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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