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SZ-Serie: "Leben im Denkmal"
Rucksackherberge in Heinsberg ein Ort der Geselligkeit

Christoph Henrichs in der „Deele“ des Niederdeutschen Hallenhauses, das seit über 20 Jahren eine Herberge mit uriger Kellerbar, 26 Schlafplätzen und Aufenthaltsräumen unter dem Dach ist.
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  • Christoph Henrichs in der „Deele“ des Niederdeutschen Hallenhauses, das seit über 20 Jahren eine Herberge mit uriger Kellerbar, 26 Schlafplätzen und Aufenthaltsräumen unter dem Dach ist.
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yve Heinsberg. „Sie müssen unbedingt zur Rucksackherberge nach Heinsberg fahren“, sagt mir Roswitha Kirsch-Stracke vom Kreisheimatbund, als ich sie nach interessanten Häusern für die neue SZ-Serie „Leben im Denkmal“ frage. Was mir die ehemalige Vorsitzende erzählt, hört sich so spannend an, dass ich gleich einen Termin mit Christoph Henrichs vereinbare, der seit über 20 Jahren Gäste im urigen Niederdeutschen Hallenhaus am Rothaarsteig willkommen heißt.

Gebäude bereits 223 Jahre alt
Bei meiner Ankunft in Heinsberg muss ich nicht lange nach der Rucksackherberge suchen. Unverkennbar ist das große grüne Tor des klassischen Vierständerbaus. Es ist nur angelehnt, ich trete ein und stehe in der Diele („Deele“), die bis zur Decke reicht.

yve Heinsberg. „Sie müssen unbedingt zur Rucksackherberge nach Heinsberg fahren“, sagt mir Roswitha Kirsch-Stracke vom Kreisheimatbund, als ich sie nach interessanten Häusern für die neue SZ-Serie „Leben im Denkmal“ frage. Was mir die ehemalige Vorsitzende erzählt, hört sich so spannend an, dass ich gleich einen Termin mit Christoph Henrichs vereinbare, der seit über 20 Jahren Gäste im urigen Niederdeutschen Hallenhaus am Rothaarsteig willkommen heißt.

Gebäude bereits 223 Jahre alt

Bei meiner Ankunft in Heinsberg muss ich nicht lange nach der Rucksackherberge suchen. Unverkennbar ist das große grüne Tor des klassischen Vierständerbaus. Es ist nur angelehnt, ich trete ein und stehe in der Diele („Deele“), die bis zur Decke reicht. Im gusseisernen Ofen lodern Holzscheite, eine offene Empore führt in die Räume der zwei Obergeschosse. Unzählige Steine in Fischgrätmuster bilden hier den Boden des 223 Jahre alten Gebäudes, jahrzehntelang unter einer dicken Betonschicht vergraben. Als im Jahr 2000 das Hallenhaus in den Besitz von Christoph Henrichs übergeht, bringt er die uralte Handwerkstechnik zurück ans Licht.
1796 und im darauffolgenden Jahr wüten gleich zwei große Brände in Heinsberg. Auch die heutige Rucksackherberge fällt damals den Flammen zum Opfer. „Zimmermeister kamen von überall her, um die Häuser wieder aufzubauen“, erklärt Henrichs. So auch den ehemaligen Hof der Familie Klünker – in Heinsberg als Klinkes bekannt. Von 1798 an lebten hier die Menschen wieder mit ihrem Vieh und ihren Vorräten unter einem Dach. In der „Deele“, in der ich gerade stehe, lugten Kühe durch ihre Klappen, offen unter dem Dach lagerte das Heu, in angrenzenden Räumen lebten Ziegen, Schafe und Schweine. Nur der Wohnteil für die Familie war mit Lehm ausgestampft. „Bis 1965 wurde das Gebäude noch landwirtschaftlich genutzt“, so der 55-jährige Herbergsvater. Bis 2000 sei es Zweitwohnsitz für einen Mann aus dem Ruhrgebiet gewesen, „eine Etage war auch vermietet“.

Objekt seit den 1980er-Jahren unter Denkmalschutz

Er habe nie bereut, das seit den 1980er-Jahren unter Denkmalschutz stehende Objekt erworben zu haben, blickt Henrichs zurück. „Das war immer schon mein Lieblingshaus im Ort.“ Am 10. Januar 2000 steht er zum ersten Mal im Inneren und lässt die Container anrollen. 15 Tonnen Bauschutt werden abgefahren. Immer im Gespräch steht er mit dem Denkmalamt. „Das lief reibungslos. Ich wollte ja nichts kaputt renovieren, sondern erhalten.“ Mit Unterstützung der Familie saniert er nach baubiologisch ökologischen Standards. Verputzt die Innenwände mit Lehm, entscheidet sich für die Nutzung von Solarenergie, zieht Wände für Schlaf- und Badezimmer ein, verleiht dem historischen Wohnkern mit mancherlei Antiquitäten nach und nach einen unverwechselbaren Charme. Schon während der Renovierungszeit kehren die ersten Gäste ein. 600 bis zur offiziellen Eröffnung. Seither sind weit über 20.000 durch das grüne Tor getreten – mit und auch ohne Rucksack.

"Niederländer besuchen uns gerne"

Die Inbetriebnahme der Herberge sei fast zeitgleich mit der Eröffnung des Rothaarsteigs einhergegangen. Das habe direkt für gute Belegungen gesorgt. „Niederländer besuchen uns gerne, verbringen hier ihren Urlaub und fahren tagsüber zum Beispiel zum Skilaufen nach Winterberg. Doch 70 bis 80 Prozent der Gäste kommen aus den Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein.“ Ferien in der Heimat werde mehr und mehr geschätzt. Der 55-Jährige kennt Heinsberg und Umgebung wie seine Westentasche, kennt Pfade und Wege mit landschaftlich reizvollen Ausblicken, auf die er Familien, Wanderer oder Mountainbikefahrer schickt. Das hat er seit Wochen nicht mehr gemacht. Die Pandemie hat das Leben im Denkmal versiegen lassen.
Noch ist nicht abzusehen, wann sich die Kellerbar mit Ofen und freiem Blick auf altes Gemäuer wieder füllt mit Menschen, die den Abend bei einem Bier oder einem Glas Wein ausklingen lassen. „Früher waren in diesem Bereich die Schweine untergebracht“, erzählt der Herbergsvater. Damals beim Umbau habe er auch den 150 Quadratmeter großen Heuboden in zwei multifunktionale Aufenhaltsräume mit Kicker, Lese- und Spielwiese aufgeteilt. „26 Schlafplätze und vier Sanitärbereiche gibt es in der Herberge“, sagt der 55-Jährige und führt mich durch die einzelnen Zimmer für zwei bis acht Personen. Zusätzlich könne unter dem Dach ein Matratzenlager errichtet werden.

Ausreichend Platz für Familienfeste

Wieder im Erdgeschoss sitzen wir in der gemütlichen Stube an Tischen aus massivem Holz. Platz gibt es ausreichend. „Hier werden viele Familienfeste und Geburtstage gefeiert.“ Die Enttäuschung über fehlendes WLAN sei meist schnell vergessen, besonders bei der jüngeren Generation, wenn sie den ehemaligen Heuboden erblickten. Eher modern kommt nur die Küche daher, was der Funktionalität geschuldet sei. „Bei uns sind auch Selbstversorger willkommen, die sich hier ihr Essen zubereiten können. Wer das nicht möchte, kann die Verpflegung dazu buchen.“
Bei Christoph Henrichs dürfen sich nicht nur Wanderer, Schulklassen und Gruppen, die auch die komplette Herberge mieten können, sondern auch Hunde wohl fühlen. Ausschlusskriterien gibt es in der Rucksackherberge kaum. Seminare, Tagungen und Fortbildungen finden im Denkmal statt. „Hier wird gelebt, nicht nur übernachtet.“ Das ist Henrichs wichtig. Daher habe er auch einen Außenbereich zum Grillen angelegt. „Und hier ist die Sauna mit Tauchbecken“, zeigt der 55-Jährige auf die Holztür. Dann stehen wir wieder in der „Deele“, das Feuer im Ofen geht langsam aus. Ich verabschiede mich vom Herbergsvater, der nach langer Zeit wieder einen Gast im Niederdeutschen Hallenbaus begrüßen konnte.
Der zweite Teil der Serie „Leben im Denkmal“ führt zu Peter und Sebastian Mayer, die im imposanten Wasserschloss Adolfsburg in Oberhundem leben.

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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