Nachfrage nach gefiedertem Freund wird immer größer
"Ich wollt‘ ich hätt‘ ein Huhn"

Neu-Hühnerhalter sind die Kinder der Familie Krüttgen aus Gerlingen.
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yve Olpe. Es gackert im Stall von Martina Lösekann. „Das ist Gerda, sie ist immer spät dran“, erzählt die Möllmickerin. „Sie legt ihr Ei meist zur Mittagszeit.“ Dann stellt mir die 56-Jährige Madame und Rosalie vor. Seit Ende Oktober lebt das gefiederte Trio in Möllmicke. „Mein Sohn ist ausgezogen und meine Tochter die meiste Zeit bei ihrem Freund.“ Nur für ihren Mann Stefan zu kochen, reiche ihr nicht. „Ich bin schon eine Glucke“, lacht die 56-Jährige. Und was passe da besser als Seite an Seite mit Hennen zu leben. Die Naturheilpraktikerin ist ganz vernarrt in ihre Tiere. Nicht nur, weil ihr die frischen Eier nie ausgehen.

Hühnerliebe scheint anzustecken. „Die Nachfrage steigt kontinuierlich“, bestätigt Björn Simon, der in Reichshof Vögel unterschiedlichster Art züchtet. Zu seinen Kunden zählen auch viele aus dem Kreis Olpe. Und seit Ausbruch der Pandemie habe er deutlich mehr Hühner verkauft.

Auf das Huhn ist auch Familie Krüttgen aus Gerlingen gekommen. „Wir haben uns überlegt, was wir Sinnvolles in der Krise tun könnten“, so Thomas Krüttgen. Mit Blick auf das Spielhaus im Garten fiel die Entscheidung – mittlerweile zu klein für die Kinder, aber groß genug für die neuen Mitbewohner. „Wir haben drei Kinder und nun auch drei Hühner“, freut sich der Gerlinger. Erna gehört der sechsjährigen Luisa, die Zwillinge Ben und Mika tauften ihre Haustiere Lotta und Frau Stettner. „Am Anfang waren sie noch recht scheu, wenn wir jetzt in den Garten gehen, kommen sie sofort, wenn wir sie rufen.“

Barbara Gloth möchte ihre Hühner nicht missen.
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Der „Chef“ im Stall sei Ben, „er wurde schon früh ,gebrieft‘“, sagt Thomas Krüttgen. Von seinem Opa, der 30 Hühner halte. Beim Besuch der SZ marschiert Ben wie selbstverständlich in das kunterbunte Gehege, nimmt Lotta auf den Arm und zeigt sie mir stolz. Es regnet unaufhörlich, da bleibt das andere Federvieh lieber im Trockenen.

Tiere bevorzugen warme, beleuchtete Hütte

Weder Brahma, Sperber, Sussex, Seidenhuhn oder Grünleger wagen sich ins Freie, als ich auf der SZ-Hühner-Tour bei Familie Gloth in Drolshagen einkehre. Nur Dackel Piefke „wollt‘ er wär‘ ein Huhn“ und flitzt schwanzwedelnd durch die offene Klappe im Stall. Selbst das frische „Buffet“, das Barbara Gloth im Auslauf kredenzt hat, besitzt keinerlei Anziehungskraft. Bei diesem Wetter bevorzugen die Tiere die warme, beleuchtete Hütte. Fast fertig ist die neue, in hellblau gehaltene Unterkunft für die 14 Hennen und den Hahn. Der sei wichtig. „Er sorgt für Frieden und Ordnung unter den Hühnern.“ Der Gockel arbeite nicht nur als Streitschlichter, sondern warne die Gruppe auch vor Eindringlingen, so die Drolshagenerin. Ihre Familie hält nicht erst seit gestern Federvieh. „Es ist eine Frage der Einstellung. Wir möchten gesund leben.“

Barbara Gloth und ihre Tochter Nina erinnern sich noch gut an die Anfänge der Hühnerhaltung. „Während meines Studiums war ich in Zuchtbetrieben und Schlachthöfen“, so Nina Gloth, die heute als Tierärztin in Neu-Listernohl arbeitet. „Das waren mitunter chaotische Zustände, ich habe kein Fleisch und keine Eier mehr gegessen.“ Und im Sinne der Selbstversorgung seien Rinder oder Schafe nicht so einfach zu halten, sagt Barbara Gloth. „Also haben wir uns Hühner angeschafft. Sie sind klein, ruhig und bereit, fast alles zu essen.“ Neben einer Futtermischung, die alle notwendigen Nährstoffe enthalten, kommen geeignete Küchenreste und Körner – Roggen, Weizen, Mais und Gerste – „auf den Tisch“. Hühnerhaltung, so Barbara Gloth, müsse beim Veterinäramt angemeldet werden. „Die jährliche Impfung gegen die Newcastle-Krankheit darf nicht vergessen werden.“ Ihre Hühner möchte die Drolshagenerin jedenfalls nicht missen. „Jedes Huhn ist anders, es bereitet mir Freude, sie zu beobachten.“

Martina Lösekann redet sogar mit ihrem Trio. Mit der grauen Gerda, die nach ihrem verstorbenen Schwager Gerd benannt ist, mit Rosalie aus dem Märchen Aschenbrödel – „ich bin ein großer Eulen-Fan“ – und mit Madame, „weil sie sich genau so verhält“. „Hühner empfinden Empathie.“ Von wegen dummes Huhn, sie seien schlauer als gedacht. „Das Halten der Tiere erinnert mich irgendwie an frühere Zeiten.“ Das Treiben im Gehege helfe ihr, runterzukommen. „Beim Stallsäubern schalte ich Musik ein. Mozart oder Schubert, dann werden die drei ganz aufmerksam.“ Rosalie und Madame scheinen vom Regen völlig unbeeindruckt zu sein. Die Federn klatschnass, beobachten sich mich mit ihren Knopfaugen neugierig, scharren munter im aufgeweichten Boden. Nur Gerda legt ihr Mittags-Ei.

Selbstversorgung im eigenen Garten

Martina Lösekann „serviert“ einen Zwischensnack. Meist sind es Bio-Produkte. Das bietet sich an, „ich arbeite zeitweise im Bioladen“. Fast wie im Schlaraffenland picken ihre Hühner Quinoa, gekochten Reis, Nudeln, Quark, verschiedene Körner, Obst und Gemüse, dazu täglich frisches Wasser. „Manchmal koche ich ihnen Möhren mit Zwiebeln und Knoblauch, das soll gegen Hühnerschnupfen helfen.“ Ins frische Streu kommen Eukalyptustropfen. „Das ist gut für das Stallklima.“

Die Möllmickerin hat ihre Hühner bei Hermann Tönismeyer gekauft, der bei Rietberg eine Geflügelzucht betreibt und seine Rassehühner regelmäßig bei den Raiffeisen-Märkten in Olpe und Rothemühle anbietet. „Im vergangenen Jahr haben wir extrem viele Kunden hinzugewonnen“, so Tönismeyer. Es seien insbesondere Familien, die Selbstversorgung im eigenen Garten für sich entdeckten.

Bewusst essen, wissen, wo Lebensmittel wie Fleisch und Eier herkommen – das ist auch für Pia und Christian Heß aus dem Drolshagener Dorf Berlinghausen Grundvoraussetzung für einen gesunden Lebensstil und ein gutes Gewissen. „Weiderind kaufen wir nur noch regional“, so Christian Heß. Auf Eier aus dem eigenen Stall möchte das Ehepaar nicht noch einmal verzichten. Zu oft habe es Negativ-Schlagzeilen um Geflügel gegeben. „Zwischenzeitlich waren wir ohne Hühner, der Platz war einfach nicht mehr ausreichend. Aber jeder Tag ohne Ei ist doch ein verlorener Tag“, weiß der Berlinghausener Jetzt leben Küken Pieps, Süßsauer, Hartgekocht, Lilli, Erna Schabulski und Henriette auf 18 Quadratmetern – „unsere Dinos“.

Bis zu zwölf Jahre alt

Wie Tyrannosaurus Rex machten sie sich über besonders schmackhaftes Futter her. „Vor der Hühnerhaltung sollte man sich gut informieren, nicht einfach machen.“ Christian und Pia Heß halten Rassehühner, unter anderem Deutsches Reichshuhn und Araucana. „Die können bis zu zwölf Jahre alt werden und locker acht Jahre legen.“ Wieder andere entscheiden sich, „ausrangierten“ Hühnern aus Legebatterien ein Bilderbuch-Leben zu schenken.

Der Trend geht jedenfalls zum Huhn, das für die Halter, die ich treffen durfte, mehr als ein Nutztier ist. Pia und Christian Heß verabschieden mich mit frischen Eiern – weiß, braun, grün und gesprenkelt. Und bei der Kostprobe am nächsten Morgen muss ich gleich an die „Comedian Harmonists“ denken – „Ich wollt‘ ich hätt‘ ein Huhn“.

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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