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"Viento"-Pflegekinder im Kreis Olpe
Wie Pflegeeltern den Alltag verbringen

Dipl.-Sozialpädagogin Petra Vieregge von „Viento“ im Gespräch mit Ralph und Michaela G. (v. l.), die vor fünf Jahren ihr erstes Pflegekind aufnahmen.
  • Dipl.-Sozialpädagogin Petra Vieregge von „Viento“ im Gespräch mit Ralph und Michaela G. (v. l.), die vor fünf Jahren ihr erstes Pflegekind aufnahmen.
  • Foto: yve
  • hochgeladen von Jan Krumnow (Redakteur)

yve Olpe.  „Hier muss eine Großfamilie wohnen“, denke ich, als ich das Esszimmer von Michaela und Ralph G. betrete. Viele farbige Stühle säumen den langen Tisch. Plötzlich kehrt auch Leben ein – Leonie und Paul (Namen geändert) stürmen herein und begrüßen die Siegener Zeitung. „Wir leben hier mit zwei Kindern zusammen“, erzählt Michaela G.. „Ja, es sieht nach mehr aus.“ Das sei aber den vielen Besuchen geschuldet. „Die Nachbarskinder gehen ein und aus, hier ist immer etwas los“, lacht die 45-Jährige.
An den Wänden hängen gerahmte Fotos, zeigen Michaela und Ralph G. mit Leonie und Paul oder ihren Hund, in der Ecke steht ein gemütlicher Sessel, davor ein kleiner Tisch, auf dem sich Spiele stapeln. Das Zuhause zeugt von Familienglück.

yve Olpe.  „Hier muss eine Großfamilie wohnen“, denke ich, als ich das Esszimmer von Michaela und Ralph G. betrete. Viele farbige Stühle säumen den langen Tisch. Plötzlich kehrt auch Leben ein – Leonie und Paul (Namen geändert) stürmen herein und begrüßen die Siegener Zeitung. „Wir leben hier mit zwei Kindern zusammen“, erzählt Michaela G.. „Ja, es sieht nach mehr aus.“ Das sei aber den vielen Besuchen geschuldet. „Die Nachbarskinder gehen ein und aus, hier ist immer etwas los“, lacht die 45-Jährige.
An den Wänden hängen gerahmte Fotos, zeigen Michaela und Ralph G. mit Leonie und Paul oder ihren Hund, in der Ecke steht ein gemütlicher Sessel, davor ein kleiner Tisch, auf dem sich Spiele stapeln. Das Zuhause zeugt von Familienglück. Der Weg dorthin war für das Ehepaar aus dem Kreis Olpe nicht immer ein leichter. Die beiden sind Pflegeeltern, dazu haben sie sich ganz bewusst entschieden und ließen sich speziell für diese Tätigkeit schulen. Doch welchen Herausforderungen müssen Menschen, die Kinder in Obhut nehmen, eigentlich gewachsen sein, welche Kriterien müssen sie erfüllen und wie gestaltet sich der Umgang mit den Herkunftsfamilien?
Die SZ sprach mit Dipl.-Sozialarbeiterin Petra Vieregge vom Pflegekinderdienst „Viento“, die für die Familie G. seit dem Einzug der heute siebenjährige Leonie stetige Ansprechpartnerin ist. Zu diesem Zeitpunkt war das Mädchen zwei Jahre alt. „Das ging alles recht zügig“, erinnert sich Michaela G.. „Wir hatten mit dem Kinderwunsch abgeschlossen, ich war 40 und mein Mann 50 Jahre alt.“ Vor 18 Jahren starb ihr einziges Kind nur fünf Tage nach der Geburt. „Danach hat es einfach nicht mehr geklappt, und für eine Adoption waren wir irgendwann zu alt.“ Eine Freundin gab dann den Ausschlag. „Warum werdet ihr eigentlich keine Pflegeeltern?“

Broschüre über Viento

Die ersten Informationen über „Viento“ findet Michaela G. in einer Broschüre. Es folgen Seminare, und Petra Vieregge schaut sich das häusliche Umfeld des Paares an. „Dann waren wir von jetzt auf gleich zu dritt“, so die 45-Jährige. Sie erinnert sich genau. Leonie sei so ein kleines Geschöpf gewesen, der Tag der Übergabe „ein sehr schlimmer Moment“. Insbesondere die Oma habe sie nicht hergeben wollen. „Leonie hat sich aber gut eingelebt“, berichtet Petra Vieregge. „Sie war schnell hier zuhause“, pflichtet ihr Ralph G. bei. Doch die panische Angst vor lauten Geräuschen habe ihr zunächst keiner nehmen können, blickt die Dipl.-Sozialpädagogin zurück. „Viele Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht werden müssen, sind traumatisiert – auf verschiedenste Art.“ Entsprechend der familiären Vorgeschichten wählen die Mitarbeiter von „Viento“ (siehe Informationskasten) die Pflegeeltern aus. „Daher ist es wichtig, einen großen Pool an Interessenten zu haben.“ Es spiele überhaupt keine Rolle, ob eine Einzelperson, ein Ehepaar, der ganz klassische Vier-Personen-Haushalt oder gleichgeschlechtliche Paare ein Kind oder auch mehrere bei sich aufnähmen. Gleiches gelte für Konfession und Nationalität.
In den aktuell fünf Bereitschaftsfamilien bleiben Kinder höchstens drei Monate. Gelingt die Rückführung zur Herkunftsfamilie nicht, sucht „Viento“ geeignete Menschen, die Kinder für einen zeitlich befristeten Rahmen betreuen möchten, vorübergehend und dauerhaft, oder die für eine Spezialpflege geeignet sind. Dort leben Schutzbefohlene über acht Jahren mit einem psychisch erkrankten Elternteil.
Grundvoraussetzung, so Petra Vieregge, sei unter anderem genügend Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen, Toleranz, Verständnis und Gesundheit sowie Belastbarkeit für andere Lebensumstände. Natürlich sei die Zusammenarbeit mit den Herkunftseltern mitunter aufreibend. „Das war auch für uns ein langer Weg“, schildert Ralph G.. Verbunden mit Gerichtsverfahren und vielen Gesprächen mit dem Anwalt. Leonie darf nun bei ihren Pflegeeltern bleiben. „Das ist sehr beruhigend für sie. Jetzt sind wir auf einem guten Weg“, ergänzt seine Frau. „Trotz aller Schwierigkeiten – wir haben mit der Entscheidung für ein Pflegekind alles richtig gemacht.“ Vor zwei Jahren treffen die beiden diese Entscheidung ein zweites Mal und nehmen den neun Monate alten Paul bei sich auf. „Liebe auf den ersten Blick“, so Michaela G.. Leonie habe dadurch nochmal einen Sprung gemacht. „Sie hat ihre eigene Geschichte neu erlebt und erkannt, dass sie damit nicht alleine ist.“
„Ich bin froh, dass Paul hier so gut aufgehoben ist“, so Petra Vieregge. Besuchskontakte mit seiner Mutter gebe es derzeit nicht. „Aber sie ist dankbar, dass ihr Sohn in einem behüteten Umfeld aufwachsen darf.“ Die Dipl.-Sozialarbeiterin und das „Viento“-Team begleiten etwa 108 Pflegeeltern und 129 -kinder im Kreis Olpe. Der Bedarf ist sehr groß. „Ich vermute, dass er sich durch die Corona-Pandemie noch einmal steigert“, wirft Petra Vieregge einen eher düsteren Blick in die Zukunft. Viele Hilfen seien plötzlich weggebrochen – auch dringend erforderliche Therapien für Kinder und Erziehungsberechtigte.
„Niemand braucht Angst zu haben, dem Status einer Pflegeperson nicht gerecht zu werden.“ Zumal die Betreuung und die Beratung während des gesamten Pflegeverhältnisses gewährleistet bleiben.

Kindeswohl steht immer im Vordergrund

„Man muss offen sein“, das sei wichtig, sagt Michaela G.. Dazu gehöre auch ein Stück weit der Einlass in die Privatsphäre. „Wir können uns heute jedenfalls kein anderes Leben mehr vorstellen.“
Teils sind Rückführungen in die Herkunftsfamilie aber unumgänglich. „Hier muss immer das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen“, hält Petra Vieregge fest. Und um so älter es werde, um so mehr Mitspracherecht habe es. Adoptiert würden Kinder von Pflegepersonen relativ selten, meist stimmten die leiblichen Eltern nicht zu. Lägen gravierende Gründe vor, habe das Gericht die Möglichkeit, die Einwilligung zu ersetzen, so auch bei einer Namensänderung. Über ihre Rechte und Pflichten sind Michaela und Ralph G. dank der Hilfe auch von „Viento“ mittlerweile im Bilde. Pflegeeltern zu sein, sei schließlich ein Prozess, inklusive Höhen und Tiefen. „Doch die gibt es doch in jeder Familie“, bereut die 45-jährige Pflegemutter ihren Entschluss, einen Heimathafen für Leonie und Paul zu schaffen, in keiner Sekunde.

Kontinuierliche Begleitung Der Pflegekinderdienst „Viento“ für den Kreis Olpe wird in Kooperation zwischen dem KSD (Katholischer Sozialdienst), der Diakonie in Südwestfalen und dem Evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid/Plettenberg mit Hauptsitz in Olpe und Nebenstellen in den Kommunen Attendorn und Lennestadt betrieben. „Viento“ sucht Familien, Paare oder Einzelpersonen im Kreis Olpe, die bereit sind, Kinder oder junge Heranwachsende im Rahmen einer Familienpflege vorübergehend oder dauerhaft aufzunehmen. Damit soll erreicht werden, dass den Kindern bzw. Jugendlichen ihr gewohntes Umfeld weitgehend erhalten bleibt und ihnen weite Fahrten wie zum Beispiel zur Schule oder zum Kindergarten erspart bleiben. Auch eine weitere Teilnahme an Freizeitaktivitäten oder der Kontakterhalt zu Freunden kann auf diese Weise gewährleistet bleiben. Die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme eines Kindes, eines Jugendlichen oder eines beinträchtigten Elternteils sowie dessen Kind ist die Liebe zu jungen Menschen und die Freude, mit diesen zusammen zu leben. Bewerber werden für eine Aufnahme eines Pflegekindes qualifiziert und in Folge regelmäßig fortgebildet. „Viento“ begleitet sie und steht im kontinuierlichen Austausch mit Pflegefamilien und -personen. Umgangskontakte mit der Ursprungsfamilie werden mitgestaltet und begleitet, sofern dies erforderlich ist. Auch ein reger Austausch unter Pflegepersonen und gemeinsame Unternehmungen gehören zum Angebot. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage www.ksd-olpe.de oder bei der „Viento“-Hauptstelle in Olpe unter Tel. (02761) 83680.
Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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