SZ

Künstler Ulrich Langenbach wird am Samstag 70
Im Corona-Modus: an der „Kante des Vertrauten“

Ulrich Langenbach in seinem Atelier im Kreuztaler Kulturbahnhof. Die Krise, sagte der Künstler, der am Samstag 70 Jahre alt wird, habe auch sein Arbeiten verändert, dabei aber intensiviert.
  • Ulrich Langenbach in seinem Atelier im Kreuztaler Kulturbahnhof. Die Krise, sagte der Künstler, der am Samstag 70 Jahre alt wird, habe auch sein Arbeiten verändert, dabei aber intensiviert.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Kreuztal. Auf dem Boden liegen Bilder, kleinformatige, größere, bei manchen glänzen noch die Farben. Ulrich Langenbach steht an einer Leiter – Sinnbild für einen veränderten Blickpunkt? Wie agiert ein bildender Künstler in der Corona-Krise? Hat diese Veränderung Auswirkungen auf seine Kunst? Die Brille ist noch nicht da, wo sie sonst immer unverwechselbar ist: auf der Stirn. Langenbach rückt sie zurecht, nickt nachdenklich und meint: „Das Virus will uns letztendlich stark machen. Keiner weiß, wohin das führt. Wenn wir im Nachhinein darauf schauen, dann muss es um die Intensität gehen, mit der wir über Leben und Endlichkeit nachgedacht haben.“ Die Frage dürfe nicht sein: „Wie kann es so schnell wie möglich wieder so gehen wie bisher?

pebe Kreuztal. Auf dem Boden liegen Bilder, kleinformatige, größere, bei manchen glänzen noch die Farben. Ulrich Langenbach steht an einer Leiter – Sinnbild für einen veränderten Blickpunkt? Wie agiert ein bildender Künstler in der Corona-Krise? Hat diese Veränderung Auswirkungen auf seine Kunst? Die Brille ist noch nicht da, wo sie sonst immer unverwechselbar ist: auf der Stirn. Langenbach rückt sie zurecht, nickt nachdenklich und meint: „Das Virus will uns letztendlich stark machen. Keiner weiß, wohin das führt. Wenn wir im Nachhinein darauf schauen, dann muss es um die Intensität gehen, mit der wir über Leben und Endlichkeit nachgedacht haben.“ Die Frage dürfe nicht sein: „Wie kann es so schnell wie möglich wieder so gehen wie bisher?“ Die Endlichkeit gehöre zur Schärfung der Wahrnehmung dieser Zeit und ihres Veränderungspotenzials.

Soforthilfe beantragt und bekommen

Langenbach ist von der Pandemie ebenso getroffen wie die allermeisten seiner freischaffenden Kolleginnen und Kollegen auch. Auch er habe als Künstler Soforthilfe beantragt und bekommen, berichtet er, denn „das Schlimmste ist der Abbruch aller Honorare, von der Hochschule der Bildenden Künste Essen (HBK) bis hin zu den Workshops am Lago Maggiore. Ausstellungen wie die in Starnberg seien gestrichen – „das sind Momente der Enttäuschung für mich und den Galeristen“. Auch die letzte Ausstellungswoche im Oberen Schloss fiel der Epidemie zum Opfer. Aber die Frage der wirtschaftlichen Existenz ist das eine, das Reflektieren über die authentische Existenz in den Bedingungen des grundlegend veränderten Alltags das andere.

Zwischen Formfindung und "Formverlassen"

Woran arbeitet er, der am Samstag runde 70 Jahre alt wird, zurzeit? Seine Antwort zeigt: an den Erkenntniswurzeln des künstlerischen Ausdrucks. Die verstärkte Nähe zur eigenen Arbeit lasse die Werke noch einmal anders „sprechen“, erwidert er. „Sie teilen etwas mit“, aber der Inhalt der Mitteilung lasse sich nicht adäquat in Worte fassen. „Woher kommt dieses Phänomen, dass du auf deine Arbeit guckst und auf einmal sagst: Es ist gut?“ Den künstlerischen, an der Identität arbeitenden Prozess erlebe er als Dialektik zwischen Formfindung und „Formverlassen“ – „wobei ich eher zum Verlassen tendiere, also dazu, auf die Kante des Vertrauten zuzugehen, wo etwas noch keine Kunst ist“ – bis das Fremde, Neue sich zeige und erkannt werden wolle.

Neun kleine Arbeiten zu Beginn der Krise

Dieses Erkennen, überlegt er weiter, beinhalte erst einmal einen wuchtigen Raum von „Alles ist möglich“. Vor diesem Raum tauche aber dann ein „fremder Betrachter im Kopf“ auf, der in dieser Totalität die Grenze ziehe: „Kann ich es so lassen?“ Wenn sich das „befremdende Gefühl“ der Stimmigkeit ergebe („Es ist gut so!“) dann verändere das ihn, aber auch „Sinn und Inhalt“ seiner Arbeit.
Auch er erlebe und erfahre die Isolation in der Corona-Zeit, erklärt Langenbach und schaut zur Atelierwand, auf ein Ensemble von neun kleinen Arbeiten. „Die habe ich zu Beginn der Krise gemacht“, erzählt er, „vorher war nur Leere an der Wand“. Die neun Arbeiten hätten ihn „wie ein Flash“ getroffen. „Das war das Gefühl: Das bin ich, das gehört zu mir.“ Er habe dies inmitten der weltweiten Veränderung als eine Art „Gegen-Isolation“ erlebt, verbunden mit einem Einverstandensein. Die trennende Isolation außen bewirke, dass er eine Einheit von Subjekt (ihm selbst) und Objekt (seiner Arbeit) wahrnehme. So lerne er „noch einmal mehr von der eigenen Arbeit, die wirkt wie ein Spiegel“, fährt er fort.

Mit auf dem Weg: Gerber, Hoet, Beuys, Lijel...

Es war ein weiter Weg bis zu dieser Haltung: Anfänge als Modellbauer, die Unruhe des von der Kunst und der Provokation Getriebenen, die Begegnung mit vielen Menschen, die ihm zuhörten und ihn auf den Weg brachten (wie der Philosoph Uwe Gerber, der Ausstellungskurator Jan Hoet), einige Werke, die ihn zutiefst aufrüttelten (darunter das Environment „Das Kapital“ von Joseph Beuys) und später wichtige eigene, auch internationale Ausstellungen: im Haus der Kunst in München, in Paris, in Lyon, kürzlich im Oberen Schloss, die geliebte Arbeit als HBK-Dozent im lernenden Austausch mit den Studierenden … Und natürlich die stets mit entstehende Musik, ein Reflektieren von Leere, Intervallen, Pausen, neuestens z. B. Improvisationen mit der Musikerin Lijel aus Hamburg.

Alles kommt aus der Leere

Immer wieder gelte es, in der eigenen Arbeit zum Anfänger zu werden, ein anstrengender Prozess, sagt er. Deshalb denke er viel über „das Nichts und die Leere“ nach. In ihm sei der Standpunkt, dass er „nichts machen muss, um Künstler zu sein“, tief verankert. „Alles was dann kommt, kommt aus eben dieser Leere.“ An diesem Punkt gebe es eine Verbindung zur Coronakrise: Auch hier gehe es ums „Loslassen“, um die Prüfung, was gebraucht werde und was nicht. Mittlerweile gebe es in seiner Arbeit „Zeiten voller Klarheit, aber man kann sie nicht halten“ – ein tiefsinniges Geschenk zum 70.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Lokales
Unter Siegerländer Artikeln finden Besucher der SZ-Homepage derzeit zahlreiche Angebote von Siegener Händlern. Möglich macht das die Kooperation mit dem hiesigen Start-up-Unternehmen mapAds. Mit dem innovatien Digitalmarketing-Werkzeug lassen sich Angebote von Handel und Dienstleistung einfach digitalisieren und bald über viele zusätzliche Kanäle publizieren.

Start-up mapAds und Vorländer Mediengruppe
Angebote einfach digitalisieren und publizieren

sz Siegen. Die Vorländer Mediengruppe arbeitet weiter konsequent an der Umsetzung ihrer Digitalstrategie. Während die Zeitungsproduktion weiter das Kerngeschäft und das wichtigste Standbein des Verlages bleiben wird, investiert Vorländer selbstbewusst und entschieden in moderne Strukturen, neue Technologien und die Digitalisierung. Mit dem Digitalen arbeiten„Wir sind überzeugt davon, dass die Zukunft darin liegt, nicht gegen das Digitale, sondern mit dem Digitalen zu arbeiten. Wir sehen das...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen