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Von Schrecken und Mitleid
Katharina Afflerbach und das Costa-Concordia-Unglück

Die Kollision mit Felsen am Abend des 13. Januar 2012 zerstörte das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia.
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  • Die Kollision mit Felsen am Abend des 13. Januar 2012 zerstörte das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia.
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gmz Köln/Eichen. „Über Nacht kam mein Marketingjob zum Erliegen“, schreibt die aus Eichen stammende Katharina Afflerbach in ihren Aufzeichnungen zum Costa-Concordia-Unglück: Am Abend des 13. Januar, also vor zehn Jahren, kollidierte das Kreuzfahrtschiff vor der kleinen italienischen Insel Giglio nordwestlich von Rom mit einem unter Wasser gelegenen Felsen vor der Insel. 4229 Menschen waren laut Wikipedia an Bord, davon 3200 Passagiere. 32 Menschen kamen bei dem Unglück um, darunter zwölf Deutsche: Felsen haben bei der Kollision die Seite des Schiffes aufgerissen, die Maschinenräume geflutet, das Schiff manövrierunfähig gemacht. Es legte sich auf die Seite …
Bloß kein Werbespot vor den Nachrichten!

gmz Köln/Eichen. „Über Nacht kam mein Marketingjob zum Erliegen“, schreibt die aus Eichen stammende Katharina Afflerbach in ihren Aufzeichnungen zum Costa-Concordia-Unglück: Am Abend des 13. Januar, also vor zehn Jahren, kollidierte das Kreuzfahrtschiff vor der kleinen italienischen Insel Giglio nordwestlich von Rom mit einem unter Wasser gelegenen Felsen vor der Insel. 4229 Menschen waren laut Wikipedia an Bord, davon 3200 Passagiere. 32 Menschen kamen bei dem Unglück um, darunter zwölf Deutsche: Felsen haben bei der Kollision die Seite des Schiffes aufgerissen, die Maschinenräume geflutet, das Schiff manövrierunfähig gemacht. Es legte sich auf die Seite …

Bloß kein Werbespot vor den Nachrichten!

Katharina Afflerbach, damals bei der Hamburger Niederlassung der italienischen Costa-Reederei beschäftigt, erlebte über Nacht, wie ihre Marketing-Arbeit sich änderte: Werbung musste sofort gestoppt werden (ein Costa-Kreuzfahrt-Werbespot vor den Nachrichten, in denen über das Unglück berichtet wird, wäre ein PR-Super-GAU gewesen), Buchungen mussten geändert werden, neue Konzepte und Angebote für Reisewillige wollten schnell entwickelt sein.

"Einfach nur" die Havarie miterlebt

Aber das war nicht alles: Katharina Afflerbach, die sich schon vor ihrem Umzug nach Hamburg um eine Ausbildung zur Notfallseelsorgerin oder -betreuerin gekümmert, aber wegen ihres Umzugs noch nicht weiter verfolgt hatte, wurde von der Reederei gebeten, sich um deutsche Gäste, die an Bord der Costa Concordia waren, und dann auch um die Angehörigen der Opfer zu kümmern. Immer wieder reiste sie nach Italien – und begegnete der Not und dem Leid, der Wut und dem Suchen nach Antworten der Angehörigen, dem Trauma der Gäste, die „einfach nur“ die Havarie miterlebt hatten.

"Ich habe zugehört"

Was will man in einer solchen Situation sagen? Katharina Afflerbach hat im SZ-Telefonat eine simple Antwort: „Ich habe zugehört.“ Hat die Erzählungen vom Warten auf Hilfe und dramatischen Rettungen gehört, wurde mit der Verzweiflung der Angehörigen konfrontiert, deren Leben aus den Fugen geraten war. Am meisten, sagt sie, habe sie gestaunt über die Kraft mancher Angehöriger, die ihr versicherten, dass sie ja wüssten, dass sie, Katharina Afflerbach, überhaupt nichts für das Unglück könne, dass sie jetzt aber eben als Vertreterin der Reederei das Gesicht der Verantwortlichen sei, diejenige, die mit Leid und Anklagen und Fragen überschüttet wurde.
Auch ganz praktisch hat sie geholfen, hat Kontakt zu den Angehörigen gehalten, hat sie, falls sie das wollten, zur Unglücksstelle begleitet, hat bei den Behördenformalitäten in Italien geholfen, hat Transporte organisiert oder die simple, aber entscheidende Frage geklärt, wieviel Costa-Unterstützung die Angehörigen haben wollten.

Katharina Afflerbach: „Man kann das Leid anderer nicht wirklich miterleben, aber man kann versuchen, es zu verstehen."
  • Katharina Afflerbach: „Man kann das Leid anderer nicht wirklich miterleben, aber man kann versuchen, es zu verstehen."
  • Foto: privat
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Diese Gefühle kann man sich nicht vorstellen

Katharina Afflerbach, die heute als freie Texterin im Marketing-Bereich arbeitet, erinnert sich, dass sie noch nie vorher in ihrem Leben mit solch abgrundtiefer Verzweiflung, Not und Aufgebrachtheit konfrontiert war. Sie war mitfühlend, empathisch, verständnisvoll, hat sich in die Lage der Betroffenen versetzt. Oder es versucht, sagt sie relativierend. Denn als sie einige Jahre danach durch den Unfalltod ihres Bruders selbst auf der „anderen Seite“ stand, stellte sie fest, dass man sich diese Gefühle nicht vorstellen kann, wenn man sie nicht selbst durchmacht, selbst bei aller Empathie nicht.

"Manchmal sucht sich das Leben harte Wege"

Und doch hat sie ihre Erlebnisse niedergeschrieben, in ihrem Buch „Manchmal sucht sich das Leben harte Wege“ (wir berichteten), in dem sie die Erfahrungen unterschiedlicher Menschen mit Verlust, Tod, Trauer und ihren Umgang damit vorstellt. „Man kann“, sagt sie im SZ-Gespräch, „das Leid anderer nicht wirklich miterleben, aber man kann versuchen, es zu verstehen“. Sodass man akzeptiert, dass das Signal „ich fühle mit dir“ mehr hilft als ein geschliffener Kondolenzbrief, dass das „Da-Sein“ manchmal mehr wert ist als gute Tipps, dass es nicht schlimm ist, einem Trauenden zu gestehen, dass man nicht weiß, was man sagen soll.

Weniger "delectare", auf jeden Fall "prodesse"

Damit passen ihr Buch und ihr Anliegen ganz in die Literatur- und Dramentheorie, die seit der Antike den „Sinn“ von Literatur zu definieren versucht: in diesem Fall zwar weniger „delectare“, also unterhalten, aber auf jeden Fall „prodesse“ (Nutzen bringen). Oder, wie es Aristoteles formulierte: Das Durchleben von Furchtbarem, von Furcht (in der literarischen Präsentation), führt zu Mitleid und damit zu einer Hinwendung zum Nächsten. – Was wäre Gesellschaft ohne sie?
In der NDR-Sendung DAS! (18.45 Uhr) spricht Katharina Afflerbach am 12. Januar über ihre Erinnerungen an das Costa-Concordia-Unglück.

Leben mit dem Tod
Die Kollision mit Felsen am Abend des 13. Januar 2012 zerstörte das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia.
Katharina Afflerbach: „Man kann das Leid anderer nicht wirklich miterleben, aber man kann versuchen, es zu verstehen."
Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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