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Nichtwissen und „Nichtkönnen“ sind für Ulrich Langenbach Triebfedern der Kunst
Nach dem Fremden suchen

„Hegel hatte Unrecht“ heißt die Arbeit, an der Ulrich Langenbach erörtert, warum die Distanz zur eigenen Arbeit, das überschießende Maß an Fremdheit wichtig sind und welche Bedeutung sie für Künstler und Betrachtende haben.
  • „Hegel hatte Unrecht“ heißt die Arbeit, an der Ulrich Langenbach erörtert, warum die Distanz zur eigenen Arbeit, das überschießende Maß an Fremdheit wichtig sind und welche Bedeutung sie für Künstler und Betrachtende haben.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Kreuztal. Nein, Kunst ist kein Mysterium. Sie würde ihren Sinn verfehlen, wenn sie nur einem „eingeweihten“ Zirkel zugänglich wäre. Kunst braucht die Kommunikation – aber ist alles an und in ihr mitteilbar? Oder gibt es da ein Mehr, das sich semantisch nie ganz „einfangen“ lässt? Mitten in der Corona-Pandemie mit ihren existenziellen Verunsicherungen danach zu fragen, scheint auf den ersten Blick ein privilegiertes, sogar überflüssiges Vergnügen zu sein, das an der Wirklichkeit vorbei geht. Im Gespräch der SZ mit dem Kreuztaler Künstler Ulrich Langenbach zeigt sich aber, dass das Nachdenken über Kunst etwas mit einer Haltung zu tun hat, die Fragen nicht nur aushält, sondern damit Veränderungskraft erzeugen kann.
"Die Fremdheit kann mich ändern.

pebe Kreuztal. Nein, Kunst ist kein Mysterium. Sie würde ihren Sinn verfehlen, wenn sie nur einem „eingeweihten“ Zirkel zugänglich wäre. Kunst braucht die Kommunikation – aber ist alles an und in ihr mitteilbar? Oder gibt es da ein Mehr, das sich semantisch nie ganz „einfangen“ lässt? Mitten in der Corona-Pandemie mit ihren existenziellen Verunsicherungen danach zu fragen, scheint auf den ersten Blick ein privilegiertes, sogar überflüssiges Vergnügen zu sein, das an der Wirklichkeit vorbei geht. Im Gespräch der SZ mit dem Kreuztaler Künstler Ulrich Langenbach zeigt sich aber, dass das Nachdenken über Kunst etwas mit einer Haltung zu tun hat, die Fragen nicht nur aushält, sondern damit Veränderungskraft erzeugen kann.

"Die Fremdheit kann mich ändern.“

Diese Kraft, konstatiert Langenbach, entstehe vor allem in der Begegnung mit dem Fremden. „Fremd“ ist für ihn erst einmal alles, was sich mit den vorhandenen, im biografischen Kontext entstandenen und verfestigten Begriffen und Sichtweisen reibt. Das gelte auch für die eigenen Arbeiten. „Solange ich in meinen Arbeiten noch eine Fremdheit spüre, ist es gut“, sagt er und ergänzt: „Denn die Fremdheit kann mich ändern.“ Wenn er versuche, sie ganz zu integrieren – also sie aufzulösen ins Bekannte –, „dann verliere ich meine Aufgabe und bestätige nur mich selbst“.

Sich selbst verändern, nicht das Objekt

Das habe Auswirkungen auf sein Arbeiten, erklärt Langenbach, der in diesem Jahr sechs Ausstellungen plant, von München bis Vilnius. Wenn eine Arbeit „zu schön“ sei, ästhetisch zu befriedigend, „dann stimmt was nicht“. Wohingegen die Wahrnehmung der Fremdheit, Irritation oder Unzufriedenheit die Subjekt-Objekt-Beziehung beim Arbeiten umdrehe. „Da fragst du dich: Verändere ich das Objekt, oder verändere ich mich?“ So könne es geschehen, dass er mit einer Arbeit nicht zufrieden sei, aber nichts daran ändern könne. „Und dann merke ich, dass ich mich ändern muss.“

Verweis auf Marcel Duchamp

Er weist auf die „Readymades“ von Marcel Duchamp hin, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Alltagsgegenstände aus ihrem Kontext nahm und ihnen eine irritierende Eigenständigkeit zusprach. „In dem Augenblick, in dem ich die Dinge stehen lassen kann, nehme ich meinen eigenen, nach außen gerichteten Form-Impuls zurück und wende ihn auf mich selbst an“, erklärt er.

Langenbach: Kunst ist kontextabhängig

So wie Kunst „komplett kontextabhängig“ sei (eine von Langenbachs Grundthesen), so geschehe auch die „Substanzwahrnehmung“ von Kunst immer nur im Kontext – „Substanz ist eine Sache des Bewusstseins“. Verändere sich der Kontext, verändere sich auch das Objekt. „Du siehst etwas, das dich berührt, und weißt plötzlich, dass dir das gefällt – damit geschieht viel mehr als diese Erkenntnis.“ Das wiederum lasse sich auch im künstlerischen Arbeiten erfahren: „An einem Tag gefällt mir eine Arbeit nicht, zwei Tage später aber doch.“ Warum?

Fremdheit heißt: "Es stimmt."

Für diese Erkenntnis müsse auf anderen Ebenen des Bewusstseins („im Körper“) etwas vorbereitet worden sein. „Ist es im Betrachter bearbeitet worden, dann gibt es auch eine Betroffenheit“ – und damit eine spezielle Qualität. In dem Prozess, diese zu erfahren und ihr Ausdruck zu verleihen, stelle sich „oft eine Leere ein“, die zwar spannungsgeladen sei, aber sich der kompletten Versprachlichung verweigere.
Langenbach verdeutlicht das an seiner Arbeit „Hegel hatte Unrecht“. „Da ist für mich Fremdheit drin“ – ein Merkmal, dass „es stimmt“. Diese widerständige Fremdheit des entstandenen Objekts, die scheinbar apodiktische Beziehung des Aussageobjekts zum Bildobjekt, der offene Raum, der sich nicht genau bestimmen lässt – das sei aber nur zu erreichen, „wenn ich mit einem Nichtwissen und einem Nichtkönnen arbeite – ein Wagnis“. Manchmal sei die Erfahrung der Fremdheit so stark, dass man sie nicht ertrage. „Dann musst du die Arbeit zwei Jahre hinhängen und warten, bis du dich so verändert hast, dass sie dich erreicht.“

"Mit leerem Kopf" ins Atelier

So gehe er auch, sagt er lachend, gewissermaßen „mit leerem Kopf“ ins Atelier. Jede neue Arbeit bedeute wieder die Wahrnehmung des ganz Unbekannten, das ihn herausfordere und verändere. „Auch wenn ich da wenig äußere ,Disziplin’ habe.“ Erst müsse der Impuls spürbar werden, dann arbeite er aktiv. Für seine Arbeit heiße das, dass er sich permanent verändern müsse. „Wir neigen dazu, andere Dinge zu ändern, aber wenn ich das konsequent lasse, dann muss ich mich selbst ändern“ – inklusive der Bedeutung des scheinbar so wichtigen Ichs.

Den Anderen so nehmen, wie er ist

Das gelte genauso für die Begegnung mit anderen Menschen: „Auch den Anderen musst du so nehmen, wie er ist, das heißt, du musst dich ändern!“ Ebenso gelte das für die Welt: Die sei nicht einfach „gut“, aber sie so zu nehmen, wie sie nun einmal sei, könne auch verändern – und dies sei eine positive Dynamik. Die Komplexität von Fremdheit und Einfachheit ohne ihre Beurteilung nach Gefallen oder Missfallen zu erkennen, bedeute, einen überraschenden Weg durch die Welt zu nehmen.
Eine nachdenkenswerte Haltung gerade in Zeiten, in denen es eine starke Spannung zwischen Ohnmachtsgefühlen und dem Erleben von scheinbar überstarken „Sachzwängen“ gibt.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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