SZ

SZ-Gespräch mit Ulrich Langenbach
„Wann ist Kunst?“

Der Siegener Künstler Ulrich Langenbach wagt sich im Nachdenken über Kunst an Grenzen. Mit der SZ sprach er über die provokative Frage, „wann“ Kunst sei und brachte sogar „Unsagbares“ zur Sprache.
  • Der Siegener Künstler Ulrich Langenbach wagt sich im Nachdenken über Kunst an Grenzen. Mit der SZ sprach er über die provokative Frage, „wann“ Kunst sei und brachte sogar „Unsagbares“ zur Sprache.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Kreuztal. Sie kann provokativ sein, verstörend und irritierend, aber auch beruhigend, sehr ästhetisch und staunenswert. „Kunst“ ist etwas sehr Vielfältiges, abhängig von vielen Faktoren – den Kunstschaffenden, den Betrachtern/Zuhörern, dem Kontext –, in denen sie wahrgenommen wird. Was sind die Bedingungen, unter denen Kunst sich den Rezipienten erschließt? Was geschieht, wenn Kunst und Betrachter aufeinandertreffen und, früher noch, was geschieht beim Künstler, wenn er oder sie sich „an die Arbeit“ macht? Die SZ sprach darüber mit dem heimischen Künstler Ulrich Langenbach in dessen Atelier im Kreuztaler Kulturbahnhof. Auslöser für das Gespräch war die provokative Bemerkung Langenbachs, es sei nicht die Frage, was Kunst sei, sondern wann Kunst sei.

pebe Kreuztal. Sie kann provokativ sein, verstörend und irritierend, aber auch beruhigend, sehr ästhetisch und staunenswert. „Kunst“ ist etwas sehr Vielfältiges, abhängig von vielen Faktoren – den Kunstschaffenden, den Betrachtern/Zuhörern, dem Kontext –, in denen sie wahrgenommen wird. Was sind die Bedingungen, unter denen Kunst sich den Rezipienten erschließt? Was geschieht, wenn Kunst und Betrachter aufeinandertreffen und, früher noch, was geschieht beim Künstler, wenn er oder sie sich „an die Arbeit“ macht? Die SZ sprach darüber mit dem heimischen Künstler Ulrich Langenbach in dessen Atelier im Kreuztaler Kulturbahnhof. Auslöser für das Gespräch war die provokative Bemerkung Langenbachs, es sei nicht die Frage, was Kunst sei, sondern wann Kunst sei.
„Die provokativen Fragen sind wichtig“, erklärt Langenbach, weil sie einen verweisenden Charakter hätten, ähnlich der Tatsache, dass – auf die bildende Kunst bezogen – die Kunst gewissermaßen „hinter dem Bild“ existiere. Denn Kunst sei das, „was im Kopf ankommt“. In diesen Zusammenhang gehöre auch seine Frage, wann etwas Kunst sei – das sei allerdings keine Frage des Zeitpunkts, sondern der Erlebensqualität.

Eine andere Ebene gerät ins Schwingen

Wenn sich jemand auf die Wahrnehmung künstlerischer Arbeit einlasse, „dann werden Körper und Geist davon berührt“, die Betrachtenden würden magisch angezogen, hätten aber noch keinen Ausdruck für ihre Wahrnehmung: „Der Betrachter stößt auf etwas Fremdes, das gleichzeitig auch etwas Neues ist.“ Es gerate eine andere Ebene in Schwingung, und die Betrachtenden würden „vervollständigt“, bekämen etwas, das ihnen bislang fehlte. Kunst habe daher nichts mit Antworten auf Fragen zu tun, sondern mit einer Erfahrung, fährt Ulrich Langenbach fort. Die Frage, was Kunst sei, lasse sich deshalb auch nicht wirklich abstrakt, sondern nur im Erleben stellen: als Irritation, Unterbrechung des Alltäglichen.

Das Kreuz als erstes Ready-made

Nicht das „perfekte Bild“ habe diese Wirkung, sondern eher der Bruch, die Destruktion, das Unvollkommene. Der Philosoph Boris Groys spreche in diesem Zusammenhang von der „Umwandlung der Werte“, zitiert Langenbach, so wie sie in der Kunstgeschichte zum Beispiel mit den „Ready-mades“ der Dadaisten und Surrealisten auftaucht. Alltagsgegenstände werden dazu aus ihrem Zusammenhang „herausgebrochen“ und mit anderer Sinnhaftigkeit „aufgeladen“ – Freiräume, Distanzen zu starren Begrifflichkeiten und Konventionen entstehen. „Das erste Ready-made der Geschichte ist das Kreuz“, sagt der 69-Jährige ernsthaft, indem es aus seinem Destruktionszusammenhang radikal herausgenommen werde. „Das ist in gewisser Weise sogar ikonoklastisch.“
Ist die Umwandlung der „Werte“, die „Entprofanisierung“ etwas Grundsätzliches für die Kunst? So, wie er sie verstehe, ja, nickt Langenbach. Die Provokation des künstlerischen Tuns liege dabei „in der Reduktion oder gar Zerstörung, in der Andersartigkeit, der Thematisierung des Nichtkönnens und der Trivialität“. Immer wieder sei das in der Kunstgeschichte zu beobachten, bei Rembrandt ebenso wie bei Cezanne oder van Gogh und anderen. Langenbach selbst nennt das die radikale Kontextabhängigkeit von Kunst.

"Verzicht bedeutet Gewinn"

Es stelle sich die Frage, was überhaupt notwendig für ein Bild sei, was man weglassen bzw. auf was man verzichten könne. „Darüber denke ich viel nach“, sagt er – mit Erkenntnissen, die an die Grenze des Spirituellen reichen: „Verzicht bedeutet, dass ich einen Gewinn bekomme“, sinniert er weiter. Das gelte auch für die Kunst, mit radikalen Konsequenzen: „Ich könnte auch den leeren Raum und eine weiße Wand so sehen. Da scheint Kunst auf, obwohl sie nicht da ist!“ Letztlich gehe es um die Erfahrung eines „Nichts“, „damit fängt alles an“. Dies sei eine Erfahrung, vor der die sprachlichen Möglichkeiten versagten. Deshalb noch einmal: „Kunst hat eine Erlebnisqualität“ und könne manchmal sogar nur durchlitten werden – als eine Arbeit an Widerständen.Es existiere eine Spannung zwischen dem Bild und der Realität dahinter. Bilder – simple Gesten auf der Leinwand wie ausgearbeitete Kompositionen – verwiesen eigentlich nur auf etwas anderes. Dabei könne der Prozess des Reduzierens und Minimierens hilfreich sein. Sich der Leere, des leeren Raums oder der weißen Wand bewusst zu werden, sei deshalb „eine puristische Höchstleistung“. Nicht umsonst gebe es in der Religionsgeschichte Bilderverbote. Nichts solle vom Verweisen auf das ganz andere ablenken.

"Das Bild ist schon weiter als ich"

„Wann“ ist also Kunst? – In dem Moment, in dem er gewissermaßen als erster Rezipient seines Tuns auftrete, antwortet Langenbach. „Ich möchte mich mit dem Arbeiten verändern und stoße dabei auf eine spezifische Qualität, bewege mich immer zugleich zwischen gründlichem Reflektieren und dem Verlieren in der Arbeit.“ Im Schaffensprozess gebe es die deutliche Erfahrung, dass eine Arbeit noch keine Kunst sei. Aber wenn er sich kurz entferne und dann wiederkomme, könne es geschehen, dass er plötzlich den Gehalt sehe. „Da ist das Bild schon weiter als ich.“ Jedoch müsse auch „etwas in uns sein, was dieses Erkennen freigibt. Und das hat Geschenkcharakter.“

"Da werde ich heiler gemacht"

Dies wiederum habe mit dem Phänomen der Resonanz zu tun. Die teile etwas mit, „da wird mir etwas geschenkt, da werde ich ,heiler‘ gemacht“, überlegt er. Er erfahre so auch seine eigene Arbeit. Das sei sicher eine Form des Narzissmus, nickt er auf Nachfrage, aber nicht im psychologischen Sinn, sondern als notwendiger Prozess der (objektivierenden) Spiegelung, so dass „meine Fülle in mir spürbar wird“ – ein fast radikal subjektiver Ansatz.Kunst, wiederholt er, sei also „dann, wenn ich heiler werde, wenn ein Defizit verschwindet“. Ein hoher Anspruch? Im Grunde nicht, meint Langenbach, denn jedes echte Erkennen und Begreifen habe ein Stück dieser Qualität. Es gehe immer wieder darum, den Kopf, die Gedanken, die Wahrnehmungen frei zu machen. „Deshalb unterrichte ich gern“, schmunzelt er, „dann ist meine Aufgabe, ein ,Leerer‘ zu sein.“

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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