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Logopäden in Corona-Zeiten
Absagen und weniger Neupatienten

In den logopädischen Praxen ist das Therapieren von Angesicht zu Angesicht unumgänglich. Bei manchen Behandlungsformen kann Mund- und-Nasenschutz getragen werden, bei anderen nicht. Als systemrelevantes Glied in der Heilmittelbranche sind sie nicht vom Shutdown betroffen – wohl aber von dessen Auswirkungen.  Foto: dbl/J. Tepass
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  • In den logopädischen Praxen ist das Therapieren von Angesicht zu Angesicht unumgänglich. Bei manchen Behandlungsformen kann Mund- und-Nasenschutz getragen werden, bei anderen nicht. Als systemrelevantes Glied in der Heilmittelbranche sind sie nicht vom Shutdown betroffen – wohl aber von dessen Auswirkungen. Foto: dbl/J. Tepass
  • hochgeladen von Anja Bieler-Barth (Redakteurin)

nja Siegen/Ferndorf. Ihre Arbeit ist vielseitig und systemrelevant – auch wenn es in ihren Praxen nicht um Leben oder Tod geht: Logopäden kümmern sich selbst in Zeiten des „coronalen“ Shutdowns durchgängig um ihre Patienten – um all jene, die per ärztlicher Verordnung therapiert werden müssen, deren Behandlung also medizinisch notwendig ist. Das reicht von psychisch bedingten Sprachentwicklungsstörungen und postoperativen Therapien (z. B. bei Tumoren im Zungen- oder Halsbereich) bis hin zu längerfristigen Behandlungen von Schlaganfallpatienten, die das Sprechen wieder neu lernen und auch nach Jahren des angeleiteten Übens noch Verbesserungen in ihrer Lebensqualität erzielen können.

nja Siegen/Ferndorf. Ihre Arbeit ist vielseitig und systemrelevant – auch wenn es in ihren Praxen nicht um Leben oder Tod geht: Logopäden kümmern sich selbst in Zeiten des „coronalen“ Shutdowns durchgängig um ihre Patienten – um all jene, die per ärztlicher Verordnung therapiert werden müssen, deren Behandlung also medizinisch notwendig ist. Das reicht von psychisch bedingten Sprachentwicklungsstörungen und postoperativen Therapien (z. B. bei Tumoren im Zungen- oder Halsbereich) bis hin zu längerfristigen Behandlungen von Schlaganfallpatienten, die das Sprechen wieder neu lernen und auch nach Jahren des angeleiteten Übens noch Verbesserungen in ihrer Lebensqualität erzielen können. Patienten kommen also mit einem ärztlichen Rezept, wenn sie unter Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- oder Hörbeeinträchtigungen leiden.

Ähnlich wie bei den Physiotherapeuten gab es insbesondere in der Anfangsphase der Pandemie bei vielen Patienten offensichtlich große Unsicherheit: Ist der Praxisbesuch überhaupt noch erlaubt und möglich?

Die Berufsverbände ermittelten Anfang April mit der Humboldt-Universität Berlin in einer Blitz-Umfrage die Auswirkungen. Mehr als 5000 Praxen beteiligten sich daran, teilte der Deutsche Bundesverband für Logopädie (dbl) mit. Das Fazit: „Bei 60 Prozent der Befragten sind es mehr als 80 Prozent der Therapien, die aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise nicht durchgeführt werden können.“ Und: „In 84 Prozent der Praxen fehlen Desinfektionsmittel und notwendige Schutzausrüstung.“

Viele Kunden haben Logopädie-Termine abgesagt

„Auch bei uns haben seit Mitte März viele Kunden abgesagt, und deutlich weniger neue Patienten mit Rezepten als üblich haben uns kontaktiert. Das ist ein Rückgang um ungefähr 40 Prozent“, schätzen sich Nadine Althaus und Clara Scholl da noch vergleichsweise glücklich. Sie betreiben eine sprach- und schlucktherapeutische Gemeinschaftspraxis in Ferndorf. Anfangs habe das Telefon nicht stillgestanden, Kunden sagten „aus Angst vor dem Virus“ Termine für sich oder ihre Kinder ab. Ärgerlich: Einige verzichteten auf eine solche Rücksprache und erschienen einfach nicht – vielleicht aus Unwissenheit und mit dem Gedanken im Kopf, dass die Praxis sowieso geschlossen sei. Das war sie aber nicht.

Die beiden Logopädinnen therapieren mit ihrer Angestellten Carolin Becker in ihrer Praxis, machen aber auch Hausbesuche. Die sonst ebenfalls übliche Sprachförderung in Kitas und die Betreuung von Patienten, die im Heim leben, ist seit Wochen aus den bekannten Gründen allerdings gestrichen. „Wir hatten bis dato immer eine Warteliste, auf der vor allem die Namen von Kindern standen“, berichten Althaus und Scholl: „Die haben wir nun sukzessive abgearbeitet, so dass sie jetzt das erste Mal seit zwölf Jahren leer ist.“ Schulkindern wurde angeboten, gleich zweimal in der Woche zur Therapie zu erscheinen – sie hatten ja Zeit...

Das Duo hat in den vergangenen Wochen aber auch deutlich gespürt, dass etliche Arztpraxen vorübergehend geschlossen waren und wahrscheinlich zudem Patienten den Gang zum Doc gescheut oder Vorsorgeuntersuchungen für ihre Kinder verschoben haben. Kurzum: Es wurden weniger neue Kunden vorstellig. Eines ist auch klar: Risikopatienten, darunter auch Kinder mit Downsyndrom oder Krebskranke, lassen die Therapie natürlich ruhen.

Direkt am 16. März wurde der bereits etablierte Hygieneschutz weiter hochgefahren. Das Wartezimmer wurde geräumt, der Lesezirkel abbestellt, Türklinken werden nach jedem Patientenkontakt desinfiziert, Patienten aufgefordert, pünktlich und idealerweise alleine zu erscheinen. Nur wenn nötig, ist eine Begleitperson erlaubt. Mundschutz und Handschuhe wurden schon vor Corona bei der Therapie mit „isolierten“ Patienten (z. B. bei MRSA) getragen – und sind nun Standard. Seit Anfang dieser Woche betreten die Patienten, die älter als sechs Jahre sind, die Praxis nur noch mit Mund-und-Nasenschutz. In der Therapie wird ausreichend Abstand voneinander gehalten – und wann immer nötig, trägt der Patient auch keine Maske: Bei Zungen- und Sprechübungen z. B. ist dies unverzichtbar. Es gibt zudem taube Patienten, die beim Verstehen auf das Mundbild des Gegenübers angewiesen sind. Seit Mitte März besteht nun theoretisch auch die Option, bei allen Indikationen außer bei Schluckstörungen Videobehandlung durchzuführen. Diese Form der Tele-Therapie kommt für die Ferndorferinnen nicht in Frage: Weder die Praxis noch Patienten seien entsprechend ausgestattet; für Letztere sei dies zum großen Teil auch gar nicht praktikabel, so Althaus und Scholl z. B. mit Blick auf kleine Kinder und Patienten mit einer halbseitigen Lähmung oder Gesichtsfeldausfall.

Schutzschirm für Logopäden & Co.?

Für Heilmittelerbringer – und somit auch für Logopäden – wird derzeit bundesweit über einen Schutzschirm diskutiert: Im Gespräch ist für den Zeitraum vom 1. April bis zum 30. Juni eine Einmalzahlung in Höhe von 40 Prozent des im vierten Quartal 2019 von der gesetzlichen Krankenversicherung erhaltenen Vergütungsvolumens. Der Verband hält dies für nicht ausreichend und kritisiert zudem: „Weitere Einzelheiten, z. B. wie mit Sonderfällen umgegangen werden soll oder auch die Frage nach dem finanziellen Mehraufwand für Schutzausrüstungen, wurden erst einmal nicht bekanntgegeben.“

Von Prävention bis Rehabilitation Logopäden repräsentieren den Gesundheitsfachberuf, der in den Bereichen Prävention, Früherkennung, Frühförderung, Rehabilitation arbeitet und dort für die Beratung, Diagnostik und Therapie zuständig ist. Logopäden sind ebenfalls in freier Praxis tätig. Die Verordnung von Sprach-, Sprech- und Stimm–therapie basiert auf den Heilmittelrichtlinien. Der Bundesverband befürchtet, dass die Corona-Krise noch weit über Ende Juni hinaus dauern werde –„und die angeordneten oder empfohlenen Kontaktbeschränkungen noch auf länger anhaltende Sicht zu Terminabsagen durch Patienten, zu Beschränkungen von Behandlungen in Pflege- und Behinderteneinrichtungen und zu rückläufigen Neuverordnungen durch behandelnde Ärzte führen werden“. In diesem Fall müssten dringend weitere Ausgleichszahlungen erfolgen, um die wirtschaftliche Existenz der Heilmittelpraxen und damit die ambulante Patientenversorgung dauerhaft zu sichern. Logopädisch/sprachtherapeutische Behandlungen können nur noch unter Einhaltung stark erhöhter Hygieneanforderungen durchgeführt werden. Dies verursache zusätzliche Kosten, „die nicht annähernd mit einem Betrag in Höhe von 1,50 Euro pro Verordnung, die üblicherweise 10 bis 20 Therapieeinheiten umfasst, abgegolten werden“. Wenn der Schutz der Patienten und Therapeuten vor Verbreitung des Coronavirus weitreichend sichergestellt werden solle, „müssen die Heilmittelpraxen finanziell adäquat entlastet werden. Mindestens 2,50 Euro pro Therapieeinheit seien angemessen, „wobei einmalige größere Investitionen nicht einmal in die Berechnung einbezogen werden“.
In den logopädischen Praxen ist das Therapieren von Angesicht zu Angesicht unumgänglich. Bei manchen Behandlungsformen kann Mund- und-Nasenschutz getragen werden, bei anderen nicht. Als systemrelevantes Glied in der Heilmittelbranche sind sie nicht vom Shutdown betroffen – wohl aber von dessen Auswirkungen.  Foto: dbl/J. Tepass
Dipl.-Sprachheilpädagogin Nadine Althaus (l) und Clara Scholl (Logopädin/ Bachelor of Health) gewährten Einblicke in ihren Alltag zu Coronazeiten. Sie selbst tragen fast immer Mundschutz, z. B. bei „spielerischen“ Sprachtherapien.  Foto: Anja Bieler-Barth
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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