„Das macht ja süchtig“
Bibelmarathon in Krombach geht zu Ende

Rolf Götzky entschied sich für den gemütlichen Sessel: Der pensionierte Littfelder Lehrer war einer von über 150 Teilnehmern des Bibelmarathons. Foto: bjö
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bjö Krombach. Während das längste Event in einem Gotteshaus ein 639 Jahre dauerndes Orgelwerk von John Cage in der Klosterkirche Halberstadt ist – es soll am 5. September im Jahr 2640 beendet sein –, haben es die Krombacher bereits heute Abend geschafft: Um kurz vor 18 Uhr will der 96-stündige Bibelmarathon in der ev. Krombacher Kirche durch den Zieleinlauf gehen und in einen abschließenden Reformationsgottesdienst münden.

Wiltrud Dittel Rekordhalterin

Dann werden weit über 150 verschiedene Personen aus Krombach und Umgebung das „Buch der Bücher“, die Bibel, einmal am Stück gelesen haben: Gemeindeglieder, Nachbarn, Gäste aus anderen Städten, die Pastöre, Katechumenen und Konfirmanden. Mutmaßliche „Rekordhalterin“ ist dabei die Müsenerin Wiltrud Dittel, die sich gleich ein Dutzend Lesetermine ausgesucht hatte. „Und dabei liest sie so hervorragend und lebendig, dass ich sie nun gebeten habe, am Samstag den letzten Abschnitt kurz vor Beginn des Gottesdienstes zu lesen“, erklärt Anja Ohrndorf. Sie ist eine der Organisatorinnen des Bibelmarathons, den zu veranstalten in den Zeiten des ersten Lockdowns die Idee von Constanze Siebel war. Ein gemeinsames Projekt, das in Zeiten des Abstands und reduzierter Gemeindeaktivitäten ein gemeinsames Planungsziel darstellte – das war die Motivation zu einer Kraftanstrengung, die am Mittwochabend mit der Schöpfungsgeschichte begann und heute Abend mit den letzten Versen aus der Offenbarung zu Ende geht.

Kulturgut, Reibungsfläche und Inspirationsquelle

Um die 192 halbstündigen Leseabschnitte zu besetzen, hatte die Gemeinde viele Menschen zum Mitmachen aufgefordert. Manche ließen sich nicht lange bitten, andere brauchten ein wenig Überzeugungskraft. Eine Frau, die zu den Überredeten gehörte, „buchte“ nach ihrer ersten Lektüre begeistert einen weiteren, noch nicht besetzten Lesetermin mit den Worten: „Das macht ja süchtig.“ Am Mittwochabend hatten die beiden Pastoren der ev.-reformierten Kirchengemeinde Krombach den Marathon im Beisein einer Handvoll Kirchenbesucher eröffnet. „Die Bibel ist Kulturgut, Reibungsfläche und Inspirationsquelle für viele Menschen“, begründete Pastor Frank Hippenstiel die weltweite Relevanz der Bibel und damit auch die Unternehmung, das Alte und Neue Testament binnen von vier Tagen komplett zu rezitieren. Dafür hatte die Gemeinde das Krombacher Kirchenschiff in atmosphärisch warmes Licht getaucht und drei Leseplätze eingerichtet: am Altar, am Stehpult und in einem gemütlichen Wohnzimmersessel.

Lesen ohne Mask

Wer las, durfte die Maske abnehmen und konnte sich sogar am Eingang der Kirche, wo nun jeder Corona-bedingt eine nummerierte Platzkarte erhält, einen Fingerling aus dem Körbchen nehmen: zum ungefährlichen Umblättern der Altarbibel, aus der ursprünglich alle Teilnehmer lesen sollten. Doch einige hatten ihr eigenes Exemplar mitgebracht, manche sich sogar die zuvor festgelegte Passage extra ausgedruckt. Vier Tage und Nächte lang garantierten die Organisatoren, dass immer mindestens zwei Personen vor Ort waren: der Leser selbst und eine Aufsicht.

Mehrere Nächte lang teilten sich Anja Ohrndorf und Christine Benfer genau diese Aufgabe, wechselten sich beim Lesen und Wachen ab. Als sich ein halbstündiger Zeitverzug offenbarte, griffen die beiden in die „Trickkiste“ und lasen einfach parallel verschiedene Passagen, um die fehlende Zeit des minutiös festgelegten Leseplans aufzuholen. Auch die „stille Zeit“ morgens zwischen 5 und 6 Uhr, die Christine Benfer an der Flöte und Florian Engert an der Orgel mit Klängen füllten, fungierte als „Zeitpuffer“. Während der ganzen Lektürezeit konnten Interessenten kommen und gehen, wie sie wollten.

Viele Gespräche - interessante Reaktionen

Nach dem tieferen Sinn des Bibelmarathons gefragt, den ja niemand komplett mitverfolgt hat, antwortete Anja Ohrndorf: „Das, was wir um die Planung und Ausführung dieser Veranstaltung drumherum erlebt haben, ist für mich der größte Gewinn.“ Sie sei mit vielen Menschen in Gespräche gekommen, habe interessante Reaktionen erlebt und sich gefreut, wieder unter dem Dach der Kirche an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten.

Autor:

Björn Hadem aus Kreuztal

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