Brutalstmöglich aufklären

zel Kreuztal. Sie fangen bei Adam und Eva an und enden bei Franz Josef. Der Rücktritt des aktuellen Arbeits- und ehemaligen Verteidigungsministers Jung ist gerade mal ein paar Stunden her, als Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt am Freitagabend die Bühne in der ausverkauften Stadthalle Kreuztal betreten, und wird natürlich genüsslich aufbereitet, denn „Lügen gehört zur Kernkompetenz des Politikers“. Der Publizist und der Kabarettist treten an, um die ganze Wahrheit übers Täuschen, Betrügen, Fälschen zu sagen. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge“ heißt ihr von der Siegener Zeitung präsentiertes Programm.

Das Publikum wird umfassend informiert über die Lüge in Geschichte (das Mittelalter?) und Gegenwart (Mein RTL), in Religion (die Gründung des Kirchenstaates) und Kunst (Shakespeares „Richard III“, eigentlich ein netter Mann), in Politik (s.o.) und Presse (Hitler-Tagebücher), in Dorf (Potemkin, Stadt (Bielefeld) und Land (Marco Polos Reisebericht von China). Glaubt man den beiden Koryphäen, gibt es keinen Bereich im Leben, in dem nicht gelogen wird, ja, sogar im Tier- und Pflanzenreich existiert mit Mimikry und Mimese eine famose Täuschungskultur, weiß Roger Willemsen zum Beispiel zum Beispiel von Maskenkrabbe und Seepferdchen zu berichten, was Dieter Hildebrandt gleich knackig zusammenfasst: „Für Fressen, Sex und Arterhaltung wird gelogen, dass die Schwarte kracht.“

Dieses Konzept trägt zweieinhalb Stunden. Der schlaue Willemsen („Wissen Sie, Willemsen  …, natürlich, Sie wissen ja alles“) legt vor, Fakten, Fakten, Fakten, und Hildebrandt tut erstmal total betreten, ahnungslos, verblüfft, irritiert, um dann – alte Schule – punktgenau seine Pointen zu landen.

Zwischenapplaus ernten beide: Willemsen, die Präzisionsformuliermaschine, für sein atemberaubendes Sprechtempo, bei dem niemals ein Gedankenfaden lose hängen bleibt (nur beim „Korillenraff“ verknotet er sich köstlich), Hildebrandt für kabarettistisches Zuspitzen manches Sachverhalts, der einem eigentlich ein Lachen verbietet und bei dem der Spaß aufhört: das Erlügen von Massenvernichtungswaffen im Irak, die Werbung für Contergan  …

Für ihren gehaltvollen Vortrag, der beiden brutalstmöglichen Aufklärern sichtlich Freude bereitet hat, erhalten Willemsen und Hildebrandt zum Schluss herzlichen, ehrlichen (!) Applaus.Die Möglichkeit, die Lügengeschichte in Buchform – und natürlich signiert – mit nach Hause zu nehmen, wird nach der Show gern angenommen. Darin nicht enthalten sind natürlich die „Acht Lügen im Fall Jung“, die die beiden so wunderbar aufgezählt haben, und gerade das macht das Programm auch einige Jahre nach seiner Erstaufführung im Rahmen der Lit.Cologne noch spannend. Denn während ein gut unterhaltenes Publikum mit zwei geistreichen Unterhaltern in Kreuztal zusammensitzt, wird irgendwo auf der Welt (oder vielleicht nebenan) schon wieder gelogen, was das Zeug hält. Hätten wir doch mehr von solchen Lügendetektoren!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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