Cappuccino von Tatjana

Andreas Giebel hat viel zu sagen zu den Veränderungen in der Welt. Foto: bö

Kreuztal. Eine Auszeit nehmen oder Urlaub machen. Klingt gut, aber wie geht das? Die Zeit rennt und wir rennen, wie wir von Buschs Wilhelm wissen, mit. Wenn beim Straßenfest die Laptops blinken und die Kundenkarten die Käufer vorwärts treiben, dann denkt man beim Wort Sommerfrische eher an ein neues Deodorant als an die dringend notwendige Entspannung für Körper, Geist und Seele.

Locker-flockig kam er daher, der Giebel, Andreas aus München, am Samstagabend in der Weißen Villa in Dreslers Park. Dialektgefärbt natürlich, aber allgemein verständlich. Hut und Mantel an den Haken gehängt, legt er los. Klingt alles ganz spontan. Gedanken zur Lage der Menschheit aus dem Caféhaus, wo das Frollein Tatjana den Cappuccino ausschenkt. Aber Vorsicht, der Mann ist schließlich auch Schauspieler, vertritt bei den „Rosenheim Cops“ schon mal den schwergewichtigen Kollegen.

Giebel, den man sich problemlos am blank gescheuerten Wirtshaustisch mit der Halben in der Hand beim Disput über Gott und die Welt vorstellen kann, macht kein vordergründig politisches Kabarett. In seinem aktuellen Programm „Im Sammelbecken der Leidenschaft“ ist er dem Menschlich-Allzumenschlichen mit detektivischem Spürsinn auf der Fährte. Und damit ist er dann doch politisch, denn irgendwie kommt ja alles von irgendwo. Gesellschaftliche Veränderungen aber eher selten von unten...

Der Münchner, der sich bei Kreuztal-Kultur nach eigenem Bekunden ausgesprochen wohl fühlt, malt mit Worten so ausdrucksstarke Bilder, dass die von ihm zum Leben erweckten Typen – vom dauergrantigen Weinhändler Herbert bis zum grillenden Pantoffelhelden - alle ein Gesicht bekommen. Auch Kevins aufgeregte Mutter hat man doch schon mal zwischen Waldorf-Schule und Montessori-Kindergarten gesehen. Mit dem Herbert geht der Giebel auf einen halb-virtuellen USA-Trip auf der Route 66. Probeweise, alle vier Wochen, in München. Der Stadtplan wird auf eine der berühmtesten Straßen der Welt getrimmt und ein halbes Dutzend oberbayerischer Kneipen verwandelt sich in amerikanische Bundesstaaten. Als die beiden Reisenden nach einer längeren Auszeit zum Revival schreiten, sind die Glas-Bier-Geschäfte bis auf einen Yuppie-Pub verschwunden. Hair-Stylisten, Matratzen-Läden, DVD-24-h-Shops und Nagelstudios (früher hießen die laut Giebel Werkzeugläden) beherrschen stattdessen die Szene. Wie es soweit kommen konnte? Darüber lohnt es sich schon nachzudenken...

Aber die Kundenkarte bitte nicht vergessen! Zum Finale gibt Andreas Giebel ein grandioses Hörspiel. Bei seinem Straßenfest schlüpft er in viele Rollen, spricht und nuschelt typengerecht. Da fehlt das, was der Siegerländer „Lälles“ nennt, genauso wenig wie die putzsüchtige Hausfrau und der politisierende Rentner. Herbert ist natürlich auch dabei...Eine Frage kann auch der lebenskluge Giebel nicht beantworten: „Gesund leben und genießen, wie soll das gehen?“ Aber wer schafft schon die Quadratur des Kreises? Muss auch gar nicht immer sein, denn das applaudier- und lachfreudige Publikum fühlte sich auch so prächtig unterhalten.

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