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Büchereien werden E-Books vorenthalten
Chancengleichheit für „digitale“ Leser gefordert

Kreuztals Bibliothekarin Linda Donalies hofft, dass sie bald auch aus den neu erschienenen E-Books frei auswählen kann, welches Angebot sie „ihren“ Lesern macht. Dazu bedarf es aber einer Gesetzesänderung.
  • Kreuztals Bibliothekarin Linda Donalies hofft, dass sie bald auch aus den neu erschienenen E-Books frei auswählen kann, welches Angebot sie „ihren“ Lesern macht. Dazu bedarf es aber einer Gesetzesänderung.
  • Foto: Anja Bieler-Barth
  • hochgeladen von Michael Sauer

nja Kreuztal. Sind E-Books keine Bücher? Ist also Buch nicht gleich Buch? Diese Frage stellen Bibliotheken in Deutschland der Politik seit vielen Jahren. Warum? Ein Großteil der E-Book-Titel der Spiegel-Bestsellerliste wird ihnen z. B. monatelang vorenthalten. Das Urhebergesetz macht dies möglich.

Aus Anlass des Tags der Bibliotheken am Sonntag sprach die SZ mit Linda Donalies über die vertrackte Situation. Die Leiterin der Kreuztaler Stadtbibliothek fordert wie der Deutsche Bibliotheksverband (DBV): „Wir brauchen eine Gleichbehandlung physischer und digitaler Bücher!“ Auch E-Books also sollten zum Erscheinungsdatum von Büchereien eingekauft (!) und angeboten werden können.

nja Kreuztal. Sind E-Books keine Bücher? Ist also Buch nicht gleich Buch? Diese Frage stellen Bibliotheken in Deutschland der Politik seit vielen Jahren. Warum? Ein Großteil der E-Book-Titel der Spiegel-Bestsellerliste wird ihnen z. B. monatelang vorenthalten. Das Urhebergesetz macht dies möglich.

Aus Anlass des Tags der Bibliotheken am Sonntag sprach die SZ mit Linda Donalies über die vertrackte Situation. Die Leiterin der Kreuztaler Stadtbibliothek fordert wie der Deutsche Bibliotheksverband (DBV): „Wir brauchen eine Gleichbehandlung physischer und digitaler Bücher!“ Auch E-Books also sollten zum Erscheinungsdatum von Büchereien eingekauft (!) und angeboten werden können.

E-Books in Büchereien: Hoffen auf den Bundesrat

Ein Beispiel: „Die verschwundene Schwester“, so lautet der aktuelle Roman aus der Feder der im Juni verstorbenen Bestseller-Autorin Lucinda Riley. Wer ihn in der Bücherei ausleihen möchte, der muss zum Hardcover greifen. Als E-Book ist der Schmöker aus der beliebten „Schwestern“-Reihe dort nicht zu haben. Bis auf Weiteres. Donalies findet dies nicht nur ungerecht, sondern versteht auch Verlage und Autoren nicht, die auf ihren jeweils ganz individuellen Regelungen bestehen.

Wann welcher Schmöker den öffentlichen Büchereien als E-Book zur Verfügung gestellt wird und für wie lange – das kann jeder Verlag so halten wie er mag. Noch. Die große Politik ist gefragt – und hier besteht für Donalies und ihre Kollegen durchaus Anlass für Hoffnung: Fordert doch auch der Bundesrat in einer Stellungnahme zur Urheberrechtsreform: Die Hürden für Büchereien, digitale Bücher anzubieten, sollen fallen.

E-Books in Büchereien: Autoren gegen „Zwangslizensierung“

Doch gibt es auch Gegenwind: 185 Buchhandlungen, Verlage und Schriftsteller, darunter auch namhafte Größen wie Daniel Kehlmann und Juli Zeh, wehren sich dagegen. Ihre Kampagne steht unter dem Motto: „Fair lesen“.

Der Gesetzgeber ist gefragt

Seit März 2021 gibt es einen einstimmigen Gesetzesvorschlag der Bundesländer, der regeln soll, dass Verlage öfentlichen Büchereien ein Nutzungsrecht für E-Books einräumen müssen, sobald ein Buch auf dem Markt ist – und zwar unter „angemessenen Bedingungen“.

Dies soll der neue Paragraf 42 b im Urheberrecht regeln. Nur auf Grundlage einer solchen gesetzlichen Regelung lassen sich diese Bedingungen verhandeln. Das Bundeskartellamt hat im Sommer erneut bestätigt: Über Lizenzbedingungen für den digitalen Verleih dürfen der Bibliotheksverband und der Börsenverein des deutschen Buchhandels keine Rahmenvereinbarungen aushandeln. Der Gesetzgeber ist also gefragt, eine eindeutige Grundlage für faire Lizentmodelle zu schaffen.


Seit 1972 haben Bibliotheken das Recht, aus allen auf dem Markt zugänglichen gedruckten Büchern frei auszuwählen, zu kaufen und zu verleihen: Sie stellen damit das Grundrecht sicher, das allen Bürgern ungehindert Zugriff auf frei zugängliche Informationen ermöglicht. Zusätzlich zum Kaufpreis, den die Büchereien aus Steuergeldern bezahlen, entrichten Bund und Länder für jede Ausleihe eine Vergütung an die Autoren – 4,3 Cent Tantieme.

Das Credo: Sollte ihre Entscheidungshoheit darüber, „welche Titel wann zu welchen Bedingungen in die digitale Leihe überführt werden, gesetzlich eingeschränkt werden, wird dadurch die wirtschaftliche Grundlage nicht nur der Urheber und Verlage, sondern auch der Buchhandlungen zerstört“. Von einer „Zwangslizensierung“ ist die Rede.

E-Books in Büchereien: Barrierefreiheit gefordert

„Die jetzige Preispolitik belastet die Büchereien sehr“, sagt hingegen Linda Donalies. Bei jedem Buch muss nachgesehen werden, wann es für wie lange und zu welchen Konditionen in den Büchereibestand aufgenommen werden kann. „E-Book-Leser also können oft nicht das ausleihen, was sie lesen wollen, sondern müssen sich mit dem begnügen, was gerade zu haben ist“, bedauert Donalies und erzählt aus ihrer Erfahrung: Zu den digitalen Lesern zählen viele Menschen, die darauf angewiesen sind, die Buchstabengröße auf das erforderliche Maß zu verändern.

E-Book-Leser können oft nicht das ausleihen, was sie lesen wollen, sondern müssen sich mit dem begnügen, was gerade zu haben ist.
Linda Donalies
Bibliothekarin

Das bringt z. B. das Alter mit sich. Bücher in Großbuchstaben würden immer seltener gedruckt. Wird ein E-Book angeschafft, können es übrigens nicht mehrere Kunden gleichzeitig ausleihen. Hier gelten die gleichen Regeln wie beim gedruckten Wort. Das Argument der Verlage, die Ausleihe lasse die Verkaufszahlen sinken, lässt Donalies nicht gelten: Eine vom Börsenverein des deutschen Buchhandels 2019 in Auftrag gegebene Studie belege das Gegenteil. Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten kaufen demzufolge genau so oft oder sogar mehr gedruckte Bücher oder E-Books, seit sie die Onleihe der Büchereien nutzen. Der Anteil der entliehenen E-Bücher liege bei vergleichsweise niedrigen 11 Prozent.

E-Books in Büchereien: Tantiemen auch für E-Books?

Der Medienetat aller öffentlichen Büchereien in Deutschland lag im vergangenen Jahr bei 112 Millionen Euro – hiervon werden Einkäufe und Lizenzen bezahlt. Bund und Land zahlen zudem Bibliotheks-Tantiemen an die Autoren – pro Ausleihe sind dies 4,3 Cent. „Unser Verband setzt sich dafür ein, dass dies auch bei E-Books greift“, so Donalies, die hinzufügt: „Es darf aber auch nicht vergessen werden: Mit jeder Lesung, die wir organisieren, mit jeder Buchpräsentation, jeder Instagram-Besprechung betreiben wir aktiv Werbung für Autor und Verlag – ohne einen Cent dafür zu bekommen.“

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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