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Ein Traum des Schülers Heinrich Afflerbach erfüllt sich nicht
Das erste Fünf-Liter-Auto aus Eichen? Jein!

Heinrich Afflerbach mit seinem NSU Prinz III.
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  • Heinrich Afflerbach mit seinem NSU Prinz III.
  • Foto: Peter Helmes
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

sz - Der 78-Jährige Heinrich Afflerbach  ergänzte 1991 seine Sammlung von NSU-Pkw, -Mopeds und -Fahrrädern um einen NSU Prinz III des Baujahrs 1961.
sz Eichen.  Seine Vorliebe zu Produkten der früheren NSU-Motorenwerke in Neckarsulm und die Verbundenheit mit dem Stahlstandort Eichen haben Heinrich Afflerbach aus Eichen veranlasst, seine Erinnerungen niederzuschreiben.
Als der zwölfjährige Schüler Heinrich Afflerbach Mitte der 1950er-Jahre mit seinem Vater eine Besichtigung beim Eichener Walzwerk (Betrieb der damaligen Hüttenwerke Siegerland AG, HWS) unternahm, meinte er, anstelle der Blechherstellung in den riesigen Werkshallen könnten doch auch fertige Autos von den Fließbändern rollen und in alle Welt verkauft werden.

sz - Der 78-Jährige Heinrich Afflerbach  ergänzte 1991 seine Sammlung von NSU-Pkw, -Mopeds und -Fahrrädern um einen NSU Prinz III des Baujahrs 1961.
sz Eichen.  Seine Vorliebe zu Produkten der früheren NSU-Motorenwerke in Neckarsulm und die Verbundenheit mit dem Stahlstandort Eichen haben Heinrich Afflerbach aus Eichen veranlasst, seine Erinnerungen niederzuschreiben.
Als der zwölfjährige Schüler Heinrich Afflerbach Mitte der 1950er-Jahre mit seinem Vater eine Besichtigung beim Eichener Walzwerk (Betrieb der damaligen Hüttenwerke Siegerland AG, HWS) unternahm, meinte er, anstelle der Blechherstellung in den riesigen Werkshallen könnten doch auch fertige Autos von den Fließbändern rollen und in alle Welt verkauft werden.

Keine Autos, sondern Bleche

Doch dieser Traum konnte nicht in Erfüllung gehen, weil man sich in Eichen mit modernen Anlagen längst auf die Herstellung qualitativ hochwertiger Bleche spezialisiert hatte. Vom hohen Zuspruch der warm- und später kaltgewalzten Feinbleche mit unterschiedlichen Beschichtungen, Stärken und Verarbeitungsformen zeugten die täglichen Coil-Lieferungen (vorgewalztes Stahlblech auf Rollen) mit Spezialwaggons der Bundesbahn aus dem Ruhrgebiet, die durchschnittlich 1000 Tonnen umfassten (wie heutzutage noch ähnlich für andere Qualitätsprodukte zu beobachten ist).

Bleche für Autos

Zugleich waren viele namhafte deutsche Automobilhersteller dem Trend zur Massenherstellung von Autos gefolgt und hatten ihre Produktionsanlagen entsprechend weiter ausgebaut und modernisiert. Einige von ihnen schätzten die Qualitätsbleche aus Eichen sehr und nutzten sie für ihre Pkw-Herstellung.
Mit einem gewissen Stolz wusste man unter den Eichener Hüttenwerkern (1956 ca. 1600 Beschäftigte), dass jedes zweite bis dritte Automobil in Deutschland aus Eichener Feinblech hergestellt wurde. Nicht zuletzt war dieser beachtliche Erfolg dem Mitte der 1950er-Jahre errichteten Kaltwalzwerk zu verdanken, welches zu den modernsten Europas zählte und das traditionelle Warmwalzwerk ablöste. Damit gehörten auch die erschwerten Arbeitsbedingungen an der Warmwalze der Vergangenheit an, was den „Warmwälzern“, wie die Mitarbeiter unter Kollegen und im Dorf bezeichnet wurden, sehr entgegen kam.

Weitere Verwendungen 

Ein Bericht in der Werkszeitschrift beschreibt es 1961 so: „Die kaltgewalzten Feinbleche in Dicken von 0,4 bis max. 2 mm gehen von Eichen aus in alle Welt zur Herstellung von Automobilkarosserien, Kühlschränken, Herden, Waschmaschinen, Radiatoren und tausend anderen Dingen. Besonders zu erwähnen ist die Verwendung des verzinkten Bleches im Siegerland als Dachverkleidungsblech.“
Zu den deutschen Automobilherstellern zählten auch die früheren NSU-Motorenwerke in Neckarsulm (NSU, 1969 von VW/Audi übernommen), die seinerzeit als „größter Zweiradhersteller Deutschlands“ (Werbeslogan) ab 1957 wieder mit dem Kleinwagen NSU Prinz an ihre erfolgreiche Pkw-Produktion der 1920er-Jahre anknüpften.

NSU-Prinz mit Material aus Eichen

Beispielhaft für die Belieferung der Automobilbranche mit Eichener Qualitätsblech stand die Ausstellung einer Original-Fahrzeug-Rohkarosse des NSU-Prinz im neu erbauten Werksgasthaus Eichen. Damit konnten Form und Qualität der selbsttragenden Auto-Konstruktion einem größeren Publikum werbewirksam präsentiert werden. Die gute Adresse aus dem Siegerland wurde genutzt, um die große Nachfrage nach Fahrzeugen „mit einem Dach über dem Kopf“ nach dem Abflauen der Zweirad-Ära befriedigen zu können. Eine ebenso einmalige wie eindrucksvolle Verbindung zwischen Automobil- und Blechhersteller war geschaffen.

Wo blieb nun das Fünf-Liter-Auto?

Es kam von NSU 1957 in Gestalt des Kleinwagens Prinz I mit 20 PS auf den Markt. Mit ihm gab es endlich einen vollwertigen, viersitzigen Pkw, der besonders für Leute mit bescheidenerem Budget ein attraktives Angebot darstellte und sich zudem noch als gut familientauglich erwies. Mit teils wichtigen Modellpflegemaßnahmen entwickelte NSU das Fahrzeug weiter unter den Namen Prinz II und schließlich ab 1960 als Prinz III mit 23 bzw. 30 PS. NSU hatte damit von Beginn an einen sehr erfolgreichen und technisch auf relativ hohem Niveau stehenden Pkw im Angebot, der sich zunehmender Beliebtheit bei den Kunden erfreute. Seine Popularität erreichte Anfang der 1960er-Jahre sogar die Sport- und Rennszene. Die Prinz-Fahrer dominierten bei zahlreichen Rennen und errangen 1962 mit dem Titel des Deutschen Tourenwagen-Bergmeisters ihren größten Triumph. Immerhin wurden von diesen Typen 94 558 Einheiten bis zum Produktionsende 1962 hergestellt.

Ein NSU-Prinz  für Afflerbach

Der heute 78-jährige Rentner Heinrich Afflerbach aus Eichen ergänzte 1991 seine kleine Sammlung von NSU-Pkw, -Mopeds und -Fahrrädern um einen NSU Prinz III des Baujahrs 1961. Dieser seinerzeit mit frischem Oldtimer-Status erworbene NSU erforderte bisher nur geringfügige Wartungsarbeiten und erfreut damit Besitzer und Betrachter durch seinen exzellenten und originalen unveränderten Zustand.
Somit bleibt festzustellen, dass sich im Kreuztaler Stadtteil Eichen eine Ereignisreihe vollendet hat, in der ein sechs Jahrzehnte alter alter Pkw aus Qualitäts-Feinblech zu einer NSU-Sammlung gehört, eine Karosse eben dieses Fahrzeugtyps repräsentativ im Ort ausgestellt war und im heutigen Betrieb der Thyssenkrupp Steel Europe AG die Produktion hochwertiger Stahlbleche verschiedenster Art mit neuester Technologie weiterlebt.

Neue Technologie in Eichen

Diese Besonderheit dürfte wohl in Städten vergleichbarer Größe nicht anzutreffen sein und deshalb einem Alleinstellungsmerkmal entsprechen. Das behauptet jedenfalls Heinrich Afflerbach neben der Bemerkung, dass zwar das Fünf-Liter-Auto nicht in Eichen gebaut wurde, es aber dort vor 30 Jahren (wieder) angekommen ist und sich zumindest mit seinem bescheidenen Benzinverbrauch nicht hinter modernen Pkw-Konstruktionen verstecken muss.

Ein Auto "wie früher"

Alle weiteren Fahrzeugdetails sind natürlich dem Zeitgeist von vor 60 Jahren geschuldet. Und insoweit entfalten sie einen unvergleichlichen nostalgischen Reiz, womit die Aussage der früheren NSU-Strategen –

„Wohl dem, der einen Prinz besitzt!“

– nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat. Das beweisen beispielsweise historische Fotos mit dem NSU Prinz und seinem luftgekühlten Zweizylinder-Motor, wie er auf Urlaubsfahrten mit „Kind und Kegel“ über Alpenpässe nach Italien unterwegs ist und pausierenden heißgelaufenen wassergekühlten Fahrzeugen davonfährt.

Thyssenkrupp, Eichen, Ferndorf: drei Namen, eine Erfolgsgeschichte

Wenn auch bis heute kein Automobilhersteller seine Produktion nach Kreuztal verlegt hat, so geht doch die Erfolgsgeschichte der Aktivitäten in den Eichener und Ferndorfer Betrieben von Thyssenkrupp Steel Europe AG weiter. Denn nach wie vor ist der hohe Qualitätsstandard oberflächenveredelter TKS-Bleche für viele Firmen der Bau- und Automobilindustrie erste Wahl.

„Möge“, so Afflerbach, „die gute Adresse aus dem Siegerland der Tradition noch lange verpflichtet bleiben, und mögen weiterhin Coils oder andere Vorprodukte in den Werkshallen ankommen, um dort Produktion und Arbeitsplätze zu sichern.“

Autor:

Redaktion Kultur

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