Das Tigerenten-Kabinett

Bietet seit 30 Jahren intelligente Unterhaltung: Wilfried Schmickler. Foto: bö

Kreuztal. Die kleine Schwarze und der große Gelbe und das ganze schwarzgelbe Tigerenten-Kabinett! Die christdemokratisch-liberale Koalition steht sofort im Schmicklerschen Fokus. Fast wie ein Rapper, mit ganz viel Rhythmus, reitet der Kabarettist die erste Verbal-Attacke des zweieinhalbstündigen Abends. Seit Herbst 2008 bereist Wilfried Schmickler mit seinem aktuellen Programm „Es war nicht alles schlecht“ (Untertitel „30 Jahre Schmickler“) die Republik. Die SZ berichtete vor rund einem Jahr über seinen Auftritt im Herdorfer Hüttenhaus.

Zum einen serviert der Meister der moralischen Entrüstung, der kein Blatt vor den Mund nimmt, eine Art „Best of“ mit Höhepunkten aus den vergangenen drei Jahrzehnten, aber da das Rad immer weitergedreht wird, ist er auch immer nah dran an der Aktualität. So trägt der blaugelbe Faden („rot“ kann man in diesem Fall wirklich nicht sagen) denn auch den Namen Gu-ido. Aber Schmickler wäre nicht der, der er ist, wenn er es bei simpler Politiker-Schelte belassen würde. Ihr Fett bekommen sowieso alle ab, von den Grünen bis zu den Roten und den Schwatz-Gelben.

Wenn er in Anlehnung an „In The Neighborhood“ von Tom Waits „In der Unterschicht/Mittelschicht/Oberschicht“ singspricht, dann kommt unterm Strich das Gleiche raus. Das einst schon von Bob Marley kritisierte „Rat Race“ kann niemand gewinnen. Wenn der Sensenmann anklopft, kommen alle wieder zusammen.Verdichtende Wirkung haben auch die treffenden Vergleiche, die der Leverkusener immer wieder aus dem Hut zaubert.

„Was ist eigentlich ein Volksvertreter?“, fragt er und zieht zum besseren Verständnis den Begriff „Schnürsenkelvertreter“ heran. Was will der? Natürlich Schnürsenkel verkaufen. Und der Volksvertreter? Nachdem er Bänker und Pharma-Industrie an den kabarettistischen Pranger gestellt hat, singt Schmickler eine Heimatschnulze der übleren Art, die das ganze Dilemma des volkstümlichen Schlagers in wenigen Minuten auf den Punkt bringt. Dem Begriff Heimat, der in Deutschland von jeher sehr hoch gehängt wird, nähert er sich auf ungewöhnliche Art und Weise. Von den Migranten kommt er ganz schnell zu den Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die waren nämlich in ihrer neuen Heimat – Schmickler berichtet aus rheinländischer Erfahrung – alles andere als willkommen. „Und“, so bekräftigt er ironisch, „Das waren doch Brüder und Schwestern!“

Von In- und Ausländern geht es weiter zum Dalai Lama nach Tibet und zu den Olympischen Spielen nach Peking. Einleuchtend die Erklärung des sportlich interessierten Wortkünstlers (er hält es mit dem Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen), weshalb die deutschen Athleten im Laufen keine Medaillen gewonnen haben. „Das haben wir nicht nötig!“Einen Schmickler schon, wie der Beifall des Publikums in der ausverkauften Stadthalle bewies. Charmant übrigens, wie der intelligent unterhaltende Kabarettist sich bei Kreuztal Kultur und dem Publikum bedankte. Wer so lange Jahre unterwegs ist, der weiß gute Gastgeber zu schätzen. Es war und ist nicht alles schlecht?

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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