Der Feind in uns

Hagen Rether, der Kabarettist am Klavier, zog das Publikum über drei Stunden mit spitzer Zunge in seinen Bann.  Foto: bö
  • Hagen Rether, der Kabarettist am Klavier, zog das Publikum über drei Stunden mit spitzer Zunge in seinen Bann. Foto: bö
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Kreuztal. „Der Dalai Lama, das ist auch so ne’ Knutschkugel, der Peter Lustig für enttäuschte Christen!“ Zack, das sitzt. Mitten in der Zwölf. Und ist alles andere als politisch korrekt. Das ist auch gut so. Denn die so genannte politische Korrektheit (neudeutsch political correctness) ist inzwischen längst ein viel zu dicker Teppich, unter den viel zu viel gekehrt wird. Nicht bei Hagen Rether allerdings, denn der traut sich. Zum Beispiel so: „Neger darf man nicht mehr sagen, aber Waffen dahin schicken schon.“

„Liebe“ ist der beständige Titel des Programms, mit dem der Kabarettist durch die Lande zieht und es lebt vom ständigen Wandel. Zwar hat der Essener mit der scharfen Zunge noch einiges von dem im Angebot, womit er bereits 2006 im Siegener Lÿz glänzte (wie etwa den Running Gag mit der CIA: „Die kriegen alles raus!“ oder neben anderen Musiken die feine Interpretation der Eagles-Nummer „Desperado“), aber schließlich passiert täglich Neues rund um den krisengeschüttelten Erdball.

Und wenn der Vatikan Rether dann so eine Steilvorlage gibt wie in den vergangenen Wochen – wo der „Ratze“ eh einer seiner besten Freunde ist – gibt es kaum noch ein Halten. Früher hat der Mann am Klavier übrigens um 22 Uhr aufgehört zu spielen. weil die Leute am anderen Tag Arbeit hatten! Inzwischen legt er eine Schüppe drauf. Das aufmerksame und applaudierfreudige Publikum von kreuztalkultur hatte jedenfalls am Samstagabend in der (samt Stehplätzen) restlos ausverkauften Stadthalle auch um 23.15 Uhr noch lange nicht genug.

Joghurt hat der Rether diesmal zwar nicht gelöffelt, aber dafür begann er das Klavier zu putzen. Und das mit Ausdauer, wie sich das in einem guten Haushalt gehört. Und damit hat er sich quasi in den Alltag der Menschen gewischt. Weil, wie er sagte, nichts in seinem Programm erfunden sei. Er spiegelt das wirkliche Leben wieder und deshalb gefriert das Lachen auf dem Weg vom Bauch zum Hirn auch schon einmal. Denn wir gehören alle dazu, wie der Mann auf der Bühne verblüffend einfach deutlich macht. „Gefährlich sind die Jungs in Schlips und Kragen“ sagt er und schnippt sich süffisant grinsend ein Staubkörnchen vom feinen Zwirn. Der Feind sitzt in uns drin.

Der in Bukarest geborene Kabarettist drechselt aber nicht nur bitterböse Sätze, die er oft mit wohlklingenden Klavierakkorden unterfüttert, sondern er ist auch zu verbal-offensivem Originalton Ruhrgebiet in der Lage. Das erdet: jaa, siiicher! Und gerade seine „Lieblingsfeinde“ in Politik und Kirche brauchten viel öfter einen Nasenstüber von den Leuten auf der Straße. Von wegen gesundem Menschenverstand und so. Die fragen sich nämlich auch, nach welchen Kriterien Ministerposten vergeben werden und warum bei 80 Millionen Menschen immer die „dreieinhalb gleichen Nasen auftauchen“.Die Medien bekommen ihr Fett weg und es gibt Kritisches zum Internet. Rether bricht aber auch Klischees auf, die seiner Meinung nach in zu vielen Köpfen betonhart dominieren und eigene Gedanken einmauern. Und – das erlebt man im Kabarett sonst nie – er bricht eine Lanze für die Lehrer. Ein Bekannter, Hauptschullehrer in Essen, habe ihm gesagt: „Das Pädagogikstudium habe er eigentlich nicht gebraucht, ihm hätte der Grundwehrdienst als Vorbereitung für seine Arbeit genügt!“Besonders provokant sind seine Sätze zur katholischen Kirche, der er immer wieder Verkrustungen, Rückwärtsgewandtheit und Frauenfeindlichkeit (statt des „Ave Maria“ spielte er „Brave Maria“) vorwirft. Dabei müsse man, so Rether, eigentlich nur zwei Dinge beachten: Nächstenliebe und Verantwortung für die Umwelt!Eine richtig gute Nachricht hatte der Mann aus Essen allerdings auch noch mitgebracht: „In Bayern haben sie jetzt eine Demokratie!“ Na also, es geht doch aufwärts.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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