NRW finanziert Integrationsarbeit
Ehrenamtliches Netzwerk für dauerhafte Strukturen

In Kreuztal lebten zum jüngsten Stichtag 1280 Menschen mit Wurzeln in Osteuropa, darunter 983 Rumänen. Viele kamen ab 2014 hierher – seitdem EU-Bürger sich im Gebiet der Europäischen Union Arbeit suchen dürfen.
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  • In Kreuztal lebten zum jüngsten Stichtag 1280 Menschen mit Wurzeln in Osteuropa, darunter 983 Rumänen. Viele kamen ab 2014 hierher – seitdem EU-Bürger sich im Gebiet der Europäischen Union Arbeit suchen dürfen.
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nja Kreuztal. Tränen laufen ihre Wangen herunter, immer wieder fällt das Wort „Katastrophe“, kurze Zeit später lacht Rafeta wieder: Sie ist erschöpft und doch auch glücklich: Froh, in Jennifer Jansen eine verlässliche Gesprächspartnerin gefunden zu haben, die ihr nicht nur bei der Übersetzung und Beantwortung wichtiger Briefe z. B. aus Behörden oder von Versicherungen zur Hand geht, sondern bei der sie sich auch mal ausweinen kann. Sie hat nie die Schulbank gedrückt, kann weder lesen noch schreiben, hat wenig soziale Kontakte – und hofft, sich und ihrer Familie in Deutschland ein besseres Leben zu ermöglichen als in Kroatien: Von dort hat die 46-Jährige den Weg nach Kreuztal gefunden, hier lebt sie seit einigen Monaten mit ihrem schwer kranken Ehemann und dem 22-jährigen Sohn. Jennifer Jansen ist Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin und seit September 2020 Ansprechpartnerin im Kreuztaler Rathaus für Menschen aus Südosteuropa. Menschen wie Rafeta.

Die Stadt steht vor besonderen Herausforderungen

„Wir machen das zusammen“, wirkt die 29-Jährige immer wieder beruhigend auf die Kroatin ein, der für das Gespräch Dolmetscher Jürgen Franke zur Seite steht, und die etliche Briefe mitgebracht hat, die sie nicht versteht. Rafeta putzt in einem Supermarkt. Froh ist sie, dass sie bald unbefristet angestellt sein wird. Angst hat sie, den Job zu verlieren. Krankmelden – das traut sie sich nicht. Der Sohn lernt derzeit Deutsch. Rafeta macht ihm Druck. Sie weiß, wie wichtig Bildung ist. Schon als Kind habe sie zu Hause arbeiten müssen, erzählt sie. Und es fließen wieder Tränen.

Jennifer Jansen (l.) ist eine von zwei Sozialarbeiterinnen, die sich, finanziert vom Land NRW, um die große Community der Osteuropäer kümmert. Rechts im Bild: Stadträtin Edelgard Blümel.
  • Jennifer Jansen (l.) ist eine von zwei Sozialarbeiterinnen, die sich, finanziert vom Land NRW, um die große Community der Osteuropäer kümmert. Rechts im Bild: Stadträtin Edelgard Blümel.
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Zwei Jahre lang finanziert das Land NRW der Kindelsbergkommune anderthalb Stellen (Inna Pfeiffer ist die zweite Ansprechpartnerin), weil die Zahl der Zuwanderer aus Südosteuropa hier sehr hoch ist und die Stadt vor besondere Herausforderungen stellt. 309.000 Euro fließen von Düsseldorf. Viele der Menschen sind arm, haben keine Schulbank gedrückt. Integration ist eine wichtige Aufgabe. Viele bleiben unter sich. 1280 Menschen aus Südosteuropa, darunter 983 Rumänen und 157 Kroaten, leben in Kreuztal, das Gros davon in der Fritz-Erler-Siedlung. Man geht von einer Dunkelziffer aus: Menschen, die bei Verwandten einziehen, ohne sich zu melden.

Keine Leerstände in der Erler-Siedlung

Wie kommt es, dass Kreuztal angesichts dieser Zahlen in einem Satz mit den Ruhrpott-Metropolen Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen genannt wird? „Bis 2013 gab es in den LEG-Häusern der Erler-Siedlung viele Leerstände“, ruft Stadträtin Edelgard Blümel in Erinnerung. 2014 dann kam das Freizügigkeitsrecht: Seither haben EU-Bürger die Möglichkeit, sich hier niederzulassen und eine Arbeit zu suchen – oder bei ihrer bereits hier lebenden Familie einzuziehen. Von Leerständen im Siedlungsschwerpunkt ist seither keine Rede mehr. „Hinzu kommen passende Arbeitsplätze.“ Zum Beispiel der Fleischmarkt Olpe.

190 Menschen werden derzeit aktiv betreut

Welche Probleme landen auf ihrem Schreibtisch? Jennifer Jansen erzählt von unleserlich ausgedruckten Arbeitsverträgen, prekären Arbeitsverhältnissen, fehlendem Mutterschutz, Verschuldung, ihrer Unterstützung bei der Suche nach einem Job und einer Krankenversicherung. Sie hilft bei Bewerbungen. Schulen und Kitas wenden sich an die Beraterinnen, z. B. wenn Kinder nicht an Schulen angemeldet werden. Oder Nachhilfe nötig ist. „Ich bin oft bei Räumungen dabei – schaue vorher schon, ob ich noch was retten kann“, sagt die 29-Jährige. „370 Kinder und Jugendliche gehören zur Zielgruppe“, ergänzt Blümel. 48 Haushalte mit rund 190 Menschen werden derzeit aktiv betreut.

Ein ehrenamtliches Netzwerk soll aufgebaut werden

Die Corona-Pandemie hat die aufsuchende Sozialarbeit gebremst. „Wir werden jetzt verstärkt Hausbesuche starten – nicht nur bei Neubürgern –, und mit Postkarten und Flyern in den entsprechenden Sprachen auf das Beratungsangebot aufmerksam machen“, sagt Blümel. Ein ehrenamtliches Netzwerk soll zudem aufgebaut werden: Ziel ist es, dauerhafte Strukturen zu entwickeln. Auch hier stand das Virus bislang eindeutig im Weg. Alsbald schon soll ein Antrag auf weitere Förderung formuliert werden.

Jennifer Jansen, wie ihre Kollegin auch „Ankommens-Lotsin“, lernt derzeit Rumänisch. „Das bedeutet den Menschen sehr viel – sie freuen sich darüber.“ Und die erste Schwelle ist schneller überwunden. Mit Rafeta unterhält sie sich „auf Deutsch, mit Händen und Füßen und Google-Übersetzung“. Es funktioniert. Rafeta freut sich über die verlässliche Hilfe: „Ich trinke keinen Alkohol, aber ich bin so glücklich, dass ich mich gern betrinken würde.“

In Kreuztal lebten zum jüngsten Stichtag 1280 Menschen mit Wurzeln in Osteuropa, darunter 983 Rumänen. Viele kamen ab 2014 hierher – seitdem EU-Bürger sich im Gebiet der Europäischen Union Arbeit suchen dürfen.
Jennifer Jansen (l.) ist eine von zwei Sozialarbeiterinnen, die sich, finanziert vom Land NRW, um die große Community der Osteuropäer kümmert. Rechts im Bild: Stadträtin Edelgard Blümel.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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