Ehrenmal entstand vor 75 Jahren

Kreuztaler Ortsmitte:

Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkriegs – Baupläne führten 1952 zum Abriss

Kreuztal. Sicher war es nicht die beste Wahl, unmittelbar an der alten Straßenkreuzung in der Mitte des Ortes ein monumentales Ehrenmal zu errichten. Eine damals noch weit verbreitete vaterländische Gesinnung, aber auch der berechtigte Wunsch, die Namen der im 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 gefallenen jungen Männer in Erinnerung zu behalten und der Nachwelt zu überliefern, führten in den Nachkriegsjahren zur Errichtung von Mahn- und Ehrenmalen. Während in den Gemeinden des Amtes Ferndorf wie auch sonstwo die Erinnerungsstätten meist auf Fried- oder Kirchhöfen ihren Platz fanden, votierten die Kreuztaler für den ins Auge fallenden Standort an der alten Kreuzung zwischen der ehemaligen Kaiser- und der früheren Bismarckstraße.

„Wir bauen, wohin wir wollen”

Triebfeder war der Kriegerverein Ernsdorf-Kreuztal unter seinem rührigen Vorsitzenden Arnold Stahlschmidt, selbst als Rittmeister der Landwehr Kriegsteilnehmer und zugleich angesehener Fabrikant, nämlich Mitbesitzer der Justus-Stahlschmidtschen Werke auf dem Gelände des heutigen Bauhofs. Hermann Engelbert erinnert in der „Hinterhüttschen Chronik” an das Gerangel im Vorfeld: „In der Gemeindevertetung haben wir Demokraten und Republikaner... den Herren gesagt: Baut ihr es ,am Kreuztal’, dann wird die Zeit kommen, wo es im Interesse des Verkehrs wieder abgebrochen werden muss. Doch die ,vaterländischen Kreise’ wurden zuletzt unwillig und sagten: Wir bauen, wohin wir wollen. Denn wir bezahlen es ja!”

So setzten die einen ihren Willen durch, doch die anderen behielten Recht: Im Februar 1952 musste das Ehrenmal den Bauplänen der Gemeinde Kreuztal weichen. Heute kommen an dieser Stelle in einem Restaurant die Feinschmecker italienischer Küche auf ihre Kosten.

Vor 75 Jahren, am 18. Oktober 1925, wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das nach Plänen des Architekten Karl Meckel aus Sandstein errichtete Monument seiner Bestimmung übergeben. Auf zwei gusseisernen Platten waren die Namen der 53 gefallenen jungen Kreuztaler für die Nachwelt festgehalten. In der Siegener Zeitung war zu lesen: „Unter den Trauerweisen des Tambourkorps und des Posaunenchors Fellinghausen setzte sich der stattliche Zug der Ortsvereine und vaterländischen Verbände zum Denkmalplatz in Bewegung. Rittmeister d.L. Stahlschmidt begrüßte als Vorsitzender der Denkmalskommission Landrat Goedecke und Amtmann Ebberg, die Geistlichkeit, die anwesenden Gemeinderatsmitglieder, die Vereine und all die große Zahl der Versammelten.”

Die Weiherede hielt Pastor Schmidt aus Siegen, Grußworte sagten die Ortsgeistlichen Pfarrer Unger und Pfarrvikar Sieberg. Die weitere musikalische Umrahmung gestalteten der MGV „Germania” sowie der „Männer- und Jünglingsverein”.

Bauherr des in den geldknappen Jahren der Weltwirtschaftskrise errichteten Ehrenmals auf einer Geländeparzelle, die der Provinz Westfalen gehörte, war offensichtlich der Kriegerverein Ernsdorf-Kreuztal. Noch im Folgejahr wurden von ihm „Anteilscheine über 5 Reichsmark zur Schuldentilgung des Kriegerdenkmals” unter die Leute gebracht. Es gibt Anzeichen dafür, dass Pflege und Unterhaltung der Mahnstätte neben dem Kriegerverein auch dem MGV „Germania” und dem Kreuztaler Turnverein oblagen.

Das Ehrenmal war seitdem Treffpunkt beim jährlichen Heldengedenktag und Kundgebungsplatz in den NS-Jahren. „Hier haben wir oft stramm stehen müssen”, weiß ein heute 72-jähriger Ernsdorfer aus der Hitlerjugend- und Jungvolkzeit zu berichten. Und der 95-jährige Herbert Müller erinnert sich, wie Kriegerverein und Gesangverein am früheren Vereinslokal Eoban Becker („Ebans”) Aufstellung nahmen und unter den flotten Weisen des Tambourkorps zum Ehrenmal marschierten. Sein Vater Ludwig Müller war langjähriger Fahnenträger. Noch am Vorabend des 9. April 1945 – dem Tag des Einmarschs der Amerikaner – trafen sich an der Kreuzung die Männer des Volkssturms, um letzten Widerstand zu organisieren. Doch dazu war es viel zu spät.

Namensplatten sind verschollen

Nach 1945 hatten die Kreuztaler andere Sorgen. In der Ortsmitte, vor allem beim Bahnhof, galt es zunächst viele Trümmerberge abzuräumen. So geriet das Ehrenmal fast in Vergessenheit. Im Jahre 1952 rückte sogar der Bagger an und schuf Platz für einen an der alten Kreuzung bald beginnenden Bauboom. Bei der Demontage der Gedenkstätte gingen die gusseisernen Namensplatten entweder entzwei oder wurden entwendet. Seitdem sind sie zum Bedauern vieler verschollen.

Repräsentativ gestaltete Buchkassetten

Heute erinnern zwei repräsentativ gestaltete Buchkassetten in der bald danach gebauten Kreuztaler Friedhofskapelle an die vielen jungen Kreuztaler, die in den beiden Weltkriegen ihr Leben verloren, von 1914 bis 1918 vornehmlich in Frankreich. Die Namen fast aller alteingesessenen Familien finden sich hier, so auch der des 19-jährigen Musketiers Friedrich-Karl Giesler aus Ernsdorf, der wohl als Jüngster sein Leben lassen musste.uha

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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