Nachhaltig - von Eltern für Eltern
Eulenfreier Babykram

Carolin Flender  hat aus persönlichem „Leiden“ ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell entwickelt: Mit ihrem Startup „Anna und Oskar“ – benannt nach ihren beiden Kindern – vertreibt sie nützliches Equipment für junge Eltern, das sich im Design nicht nach dem mutmaßlichen Geschmack Einjähriger richtet.
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  • Carolin Flender hat aus persönlichem „Leiden“ ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell entwickelt: Mit ihrem Startup „Anna und Oskar“ – benannt nach ihren beiden Kindern – vertreibt sie nützliches Equipment für junge Eltern, das sich im Design nicht nach dem mutmaßlichen Geschmack Einjähriger richtet.
  • Foto: Anja Bieler-Barth
  • hochgeladen von Anja Bieler-Barth (Redakteurin)

nja Buschhütten. Glubschende Eulen, schielende Einhörner und grinsende Bärchen: Als Carolin Flender sich nach der Geburt ihres Sohnes Oskar 2015 mit nützlichem Equipment – Wegbegleitern gewissermaßen für die kommenden Monate und Jahre – einzudecken gedachte, war der Anblick dieser „niedlichen“ Motive auf Wickeltaschen, Decken, Lätzchen und Bettwäsche nahezu unvermeidlich. „Ich war ja bis dahin völlig ahnungslos – und habe fast nur hässliche Sachen gefunden“, erinnert sich die heute 34-Jährige, die sich wunderte: „Das Design sah so aus, als sollten Zweijährige angesprochen werden. Aber es sind doch die Mütter und Väter, die den Babykram mit sich tragen.“ Gerade für die Papas finde man nichts: „Da reicht schon ein goldfarbener Reißverschluss-Zipp – und die weigern sich, eine Tasche zu tragen.“

Ohne Kitsch und vielseitig verwendbar

Die Kreativität der Soziologin in Mutterschutz war geweckt. Und was mit ersten dilettantischen Bemühungen an der Nähmaschine begann, hat sich zu einer zukunftsfähigen Geschäftsidee gemausert: schnörkelloses unifarbenes Unisex-Design, minimalistisch, langlebig, vielseitig verwendbar – und 100 Prozent „eulenfrei“. Diesen Begriff hat sich Carolin Flender übrigens schützen lassen. Nachhaltigkeit und faire Produktionen sind ihr wichtig: „Wir zahlen gern den vollen Preis für gute Arbeit und glauben daran, dass nachhaltiger Konsum, das Vermeiden von Müll, etwas verändern kann.“

Gründerpreis gewonnen

Im Frühjahr gewann die Buschhüttenerin, derweil zweifache Mutter, mit ihrem Startup „Anna und Oskar“ den Hauptpreis des Gründerwettbewerbs „Ju Do!“ der Wirtschaftsjunioren Südwestfalen (die SZ berichtete). Nun ist sie auch im Rennen um den Unternehmerpreis in der Kategorie „Gründer des Gründernetzwerks Südwestfalen. Zum Jahresende läuft ihr Vertrag als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Department Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Universität Siegen aus. Eine Verlängerung kommt für die Mutter von Oskar (4) und Anna (2 Jahre) nicht in Betracht: „Ich möchte meine ganze Energie in mein Unternehmen stecken!“

"Einhörner sind die neuen Eulen"

Zurück zu den „qualvollen“ Anfängen. Sohn Oskar erwies sich als quirliger Wirbelwind, viel Zeit für erste Nähversuche (das Handwerk lernte Caro Flender via Youtube) blieb da noch nicht. Erst als Töchterchen Anna zwei Jahre später das Licht der Welt erblickte und das Unwohlsein angesichts der nach wie vor motivbedruckten Stoffe („Die Einhörner sind die neuen Eulen – und die Flamingos hätten ihnen fast den Rang abgelaufen“) einfach nicht nachlassen wollte, intensivierte sie ihre Bemühungen, Rucksäcke, Taschen und Co. zu kreieren. Das Motto lautete: „Von Eltern für Eltern“.

Erst Windeln, dann Laptops

Ein Meilenstein war die Entwicklung von „Hugo“ – eines mit seinen vielen Fächern ebenso multifunktional-praktischen wie schön anzusehenden Wickelrucksacks, den man auch nach der Babyzeit als Laptoprucksack verwenden kann: „Man schleppt ja schon eine Menge Zeug mit sich. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinen Freundinnen hier im Wohnzimmer gesessen habe, meine ersten Kreationen gezeigt habe und alle völlig begeistert waren“, so Carolin Flender rückblickend. „Ich habe gefragt: Würdet ihr dafür etwa Geld bezahlen? Und alle sagten sofort: Natürlich!“ Daraufhin entwarf sie eine Internetseite und meldete noch 2017 ihr Gewerbe an – aus heutiger Sicht leider viel zu früh: „Ich hatte ja noch nichts verkauft! Im ersten Jahr habe ich gerade mal 700 Euro Umsatz gemacht.“ Für eine Startup-Förderung ist es nun leider zu spät.
Als die ersten Fotos von in Buschhütten entworfenen und genähten Taschen und Rucksäcken online gingen, „hatte ich richtig Angst davor, es könnte jemand auf das Kaufsymbol klicken“, erinnerte sich Carolin Flender lachend. Die Anfänge waren zäh: „Drei Aufrufe pro Woche, darunter zwei von meiner Mutter.“ Carolin Flender ging in die Social-Media-Offensive, um mit ihrem kleinen Unternehmen „sichtbar“ zu werden, und postet seither täglich (!) via Instagram Neues aus ihrem (Geschäfts-) Leben. Das ist gelungen: Mittlerweile schreibt sie schwarze Zahlen.

Kooperation mit AWo-Werkstatt Deuz

2018 habe sie mehr als 100 „Hugos“ genäht und verschickt: „Das war auf Dauer nicht machbar“, so die berufstätige Mutter. Da ihr soziales Engagement, Nachhaltigkeit und fairer Handel am Herzen liegen, klopfte die zweifache Mutter bei der AWo-Werkstatt in Deuz an und startete eine Kooperation. Dort wurde zunächst das Innenfutter gefertigt, mittlerweile lässt sie dort kleine Serien Wickeltaschen und -decken herstellen, denn: Aufgrund der stetig wachsenden Nachfrage nach ihren „eulenfreien“ Artikeln hat sie die Produktion mittlerweile ganz aus den Händen gegeben: „Ich wollte ja keine Näherin sein, sondern möchte weiterhin kreativ sein.“ Ein Spezialist für technische Taschen aus Bielefeld übernimmt dies nun; produziert wird in kleinen Nähereien in Europa. Flender: „Mir war es wichtig, dass ich deutsche Ansprechpartner habe und kein Flugverkehr nötig ist.“ Stichwort Nachhaltigkeit: Die Qualität müsse stimmen – „der Rucksack muss schon was aushalten“, lautet das Credo. Unvergessen ist jener Moment, als sie einen Online-Launch für „Hugo“ initiiert hatte. Die Familie weilte im Wohnzimmer, als der Countdown lief. „Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, auf jeden Verkauf mit einem Schnaps anzustoßen. Davon haben wir dann aber recht bald Abstand genommen.“ 150 Rucksäcke gingen flugs über den virtuellen Tresen.

5 Euro pro "Hugo" für soziale Zwecke

Jedesmal wenn „Hugo“ einen neuen Besitzer gefunden hat, spendet Carolin Flender 5 Euro für einen wohltätigen Zweck – bislang an den Verein Mother-Hood, eine Elterninitiative, die sich u. a. gegen Kreißsaalschließungen und für Hebammen stark macht. Wer im kommenden Jahr in den Genuss dieser Finanzspritze kommt, „entscheidet meine Instagram-Community“. Diese hatte auch schon das letzte Wort, als es um die Namensgebung eines neuen Produkts aus dem Hause „Anna und Oskar“ ging. Noch vor Weihnachten, so die gewitzte Selfmade-Unternehmerin, gehen „Greta“, eine Wickeltasche zum Umhängen, und „Hugo-Mini“, ein Kita-Rucksack, an den Start. Carolin Flender befindet sich gerade im zweiten Durchlauf der Prototypen.

Interesse an stationärem Handel

Derweil hält die Buschhüttenerin Ausschau nach Möglichkeiten, ihren eulenfreien Babykram auch im stationären Handel anbieten zu können. Sie möchte expandieren, Mitarbeiter anstellen, Büro und Atelier irgendwann einmal jenseits des Eigenheims ansiedeln. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie funktioniert und begeistert sie und Ehemann Sebastian – auch dank der Eltern und unter Verzicht auf faule Fernsehabende: ein „Opfer“, das leicht fällt.
Jeder Verkauf über ihren Onlinehandel macht sich akustisch auf ihrem Handy bemerkbar. Was sie sich für die berufliche Zukunft wünscht? Carolin Flender weiß sogleich eine Antwort: „Dass mein Geschäft so gut läuft, dass ich den Ton an meinem Handy ausstelle, weil mich das permanent Piepen nervt!“

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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