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Volker Bäumer arbeitet 150 Briefe seines Onkels auf
Feldpost gemahnt zum Frieden

Der historisch interessierte Kredenbacher Volker Bäumer versucht, die Gräuel des Zweiten Weltkriegs „von innen heraus“ zu verstehen. Rund 150 Feldpostbriefe seines gefallenen Onkels Wilhelm Röcher (1925-1944) aus Alchen geben ihm Einblicke in ein Soldatenleben an der Front.
  • Der historisch interessierte Kredenbacher Volker Bäumer versucht, die Gräuel des Zweiten Weltkriegs „von innen heraus“ zu verstehen. Rund 150 Feldpostbriefe seines gefallenen Onkels Wilhelm Röcher (1925-1944) aus Alchen geben ihm Einblicke in ein Soldatenleben an der Front.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

js Kredenbach/Alchen. Onkel Wilhelm war stets präsent, wenn der kleine Volker seine Großmutter besuchte. Überall in der Wohnung standen Fotos des jungen Mannes, vieles erinnerte an ihn, etwa der hochwertige Zirkelkasten, den Wilhelm Röcher aus Alchen für sein anstehendes Maschinenbaustudium bekommen hatte. Irgendwie war er immer da, obwohl er längst gestorben war – gefallen am 9. Dezember 1944 als Panzergrenadier an der Front im italienischen Faenza, kaum zwei Wochen nach seinem 19. Geburtstag.
Neffe Volker, in Kredenbach bekannt als Pastor Bäumer, ist Jahrgang 1960 und hat seinen Onkel nie kennengelernt – zumindest nicht persönlich. Erfahren hat er dennoch einiges über den Alcher Jungen, der über seinen Tod hinaus das Leben der Familie maßgeblich prägen sollte.

js Kredenbach/Alchen. Onkel Wilhelm war stets präsent, wenn der kleine Volker seine Großmutter besuchte. Überall in der Wohnung standen Fotos des jungen Mannes, vieles erinnerte an ihn, etwa der hochwertige Zirkelkasten, den Wilhelm Röcher aus Alchen für sein anstehendes Maschinenbaustudium bekommen hatte. Irgendwie war er immer da, obwohl er längst gestorben war – gefallen am 9. Dezember 1944 als Panzergrenadier an der Front im italienischen Faenza, kaum zwei Wochen nach seinem 19. Geburtstag.
Neffe Volker, in Kredenbach bekannt als Pastor Bäumer, ist Jahrgang 1960 und hat seinen Onkel nie kennengelernt – zumindest nicht persönlich. Erfahren hat er dennoch einiges über den Alcher Jungen, der über seinen Tod hinaus das Leben der Familie maßgeblich prägen sollte. „Ich hatte ein besonders inniges Verhältnis mit meiner Großmutter“, berichtet Bäumer als ältestes von vier Geschwistern.
Ich werde nie vergessen, wie sie vor dem Grab in die Knie ging und sich vor Schmerz und Tränen krümmte.

Besonderer Urlaub im Jahr 1968 in Italien

Ausgesprochen tief hat sich die Erinnerung an einen ganz besonderen Urlaub in sein Gedächtnis gebrannt, der 1968 die Familie samt der Großmutter ins ferne Italien brachte – nach Cervia, ans provisorische Soldatengrab von Onkel Wilhelm. „Es war ein besonderer Wunsch meiner Oma“, erinnert sich Volker Bäumer, damals nicht einmal acht Jahre alt. Mit im Gepäck war eine Topfpflanze, die – und das war der Großmutter wichtig – in Heimaterde wurzelte. „Ich werde nie die großen Emotionen vergessen, die bei ihr frei wurden, als sie vor dem Grab in die Knie ging und sich vor Schmerz und Tränen krümmte.“ Allein auf dem Soldatenfriedhof auf dem Futapass zwischen Bologna und Florenz – dorthin wurde auch Wilhelm Röcher umgebettet – wurden 30 800 Soldaten bestattet. Im Laufe der Jahre wurde ihm immer bewusster: „So viel Trauer, so viel Leid steckt hinter jedem einzelnen Grab.“ Das, da ist sich Volker Bäumer sicher, sei „eine Friedenspädagogik der ganz besonderen Art“. Im eigenen Familienkreis hat diese bestens gefruchtet. Auch mit den eigenen Kindern waren die Bäumers bereits auf dem Futapass. Sehr bewegt erinnert sich der 59-Jährige daran, wie seine damals etwa zehn Jahre alte Tochter still und leise einen Kieselstein auf den Soldatenfriedhof schmuggelte, beschriftet mit den Worten: „Unvergessen, deine Familie.“ Das kurze Leben des Wilhelm Röcher hat seinen Neffen immer wieder beschäftigt, ebenso die tiefe Trauer der Großmutter. Deren Erkenntnis sei eine bittere gewesen: Ihr Sohn habe sein Leben „für eine total ungerechte Sache, für Verbrecher, geben müssen“. Jeder Tag, den die Soldaten an der Front kämpften, sei ein weiterer gewesen, an dem die Nazis den jüdischen Mitbürgern Leid zufügen konnten. Die Großmutter habe nach dem Ende des Kriegs manches dazu gelernt. Aus einer Ahnung sei bei der einfachen Frau vom Dorf peu à peu Gewissheit über das Ausmaß des Nationalsozialismus und des Kriegs geworden. Ihr Credo sei deutlich gewesen, habe über allem gestanden: „Nie wieder Krieg!“

Volker Bäumer als "unverbesserlicher Zivilist"

Was wäre aus ihm geworden, wenn er an Onkel Wilhelms Stelle gewesen wäre? Diese Frage hat sich Volker Bäumer gestellt. „Wahrscheinlich hätte ich den gleichen Weg eingeschlagen“, sagt der Kredenbacher, der nie bei der Bundeswehr war und sich als „unverbesserlichen Zivilisten“ bezeichnet. Aufgrund seines allgemeinen historischen Interesses und zugleich wegen des konkreten familiären Bezugs möchte Bäumer „die Sache von innen verstehen“, tiefer vordringen in die Perspektive eines jungen Soldaten. Onkel Wilhelms kurzes Leben sei ein Einzelschicksal, das für Millionen anderer stehe. „An reinen Zahlen kann man aber nicht erkennen, was dahinter steckt.“
Volker Bäumer arbeitet sich nun tiefer vor in der Geschichte seines Onkels. Rund 150 Briefe hatte Wilhelm aus dem Kriegseinsatz an die Familie geschickt, sie alle sind erhalten. Die in Sütterlin geschriebenen Dokumente wurden von Christel Kolb, einer Freundin der Familie, fein säuberlich mit der Schreibmaschine abgetippt, standen lange Zeit in Aktenordnern im Regal. Der erste Corona-Lockdown im Frühjahr brachte Volker Bäumer, der seit einigen Jahren in der ev. Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt tätig ist, die nötige Zeit, genauer hinzuschauen. Seither ist er damit beschäftigt, die Briefe zu studieren und zu verstehen, sie aufzubereiten für die nachfolgenden Generationen. In Kleinstauflage möchte er ein Erinnerungsbuch drucken lassen.

"Im Gedanken und im Glauben bin ich bei Euch"

Wenn ich nun auch nicht Weihnachten mit Euch, meine Lieben, in Eurer Mitte feiern kann, so bin ich doch im Glauben und meinen Gedanken bei Euch und Ihr habt keinen Grund zu trauern und feiert nun das schöne Weihnachtsfest mit festem Gottvertrauen, denn er kann alles zum Besten leiten und wenden. Und so wollen wir ihn darum bitten, daß er uns gesund und munter erhalte, uns behüte, schütze, bewahre, uns führt und leitet und uns ein frohes, gesundes Wiedersehen in der lieben Heimat und mir auch in dem jetzigen Einsatz viel Soldatenglück schenkt. Es grüßt Euch, meine lieben Eltern und Schwesterchen, recht herzlich und von ganzem Herzen – Euer Sohn und Bruder“, schrieb Wilhelm Röcher am 5. Dezember 1944.
Der genannte Einsatz sollte sein letzter sein. Vier Tage später, als er gerade dabei war, die Panzerfaust abzuschießen, wurde er selbst tödlich von einer Kugel getroffen.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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