Flötistischer Abenteuertrip

Quartet New Generation: »Unerhörte Klangwelten« beim ersten Kreuztaler Sommerkonzert

aww Krombach. Dieses Quartett scheint die Extreme zu lieben. Alte Musik des Frühbarock, der Renaissance, des Mittelalters auf der einen Seite, kontrastiert mit Werken zeitgenössischer Komponisten auf der anderen und dazwischen nichts – in und aus diesem Spannungsfeld, das einem musikalischen Brückenschlag von 400, 500 Jahren gleichkommt, entstehen die »Unerhörten Klangwelten«, mit denen das Berliner Quartet New Generation den Startschuss zu den diesjährigen »Kreuztaler Sommerkonzerten« gab. Und damit legten die Blockflötistinnen Susanne Fröhlich, Andrea Guttmann, Hannah Pape und Heide Schwarz die Messlatte für die folgenden Konzerte enorm hoch.

Die exquisite Qualität und das bewundernswerte Können der vier Damen beklatschten die zahlreichen Besucher in der Kirche St. Ludger und St. Hedwig in Krombach – trotz manch ungewohnter und zuweilen das Gehör anstrengender Klänge – zu Recht sehr lang und mit großer Begeisterung. Zwei Zugaben musste das »recorder collective« bereithalten.

Mit einem wunderhübschen Nachtigallen-Gesang, Canzon »La Lusignuola« von Tarquinio Merula (1590-1645), einem heiter-verspielten, raschen Stück mit kunstvoll verwobener Stimmführung, stieg das vorzüglich miteinander harmonierende Ensemble ein, um gleich anschließend den ersten Kontrapunkt zu setzen. Hektische, flirrende Motive über dem »Orgelton d« bestimmten über weite Strecken Bart de Kemps (1959-2005) Stück »Lieto« aus dem Jahr 1991, das trotz seines tonalen Zentrums zumindest vom Höreindruck her keine Funktionsharmonik oder diatonische Melodik im herkömmlichen Sinne erkennen ließ.

Ganz atonal, weil grafisch notiert, dann Kazimierz Serockis (1922-1981) »Arrangements« von 1975/76, bei dem die experimentierfreudigen Flötistinnen zahlreiche Effekte wie Glissandi, Flatterzunge, Überblasen oder Luftgeräusche einsetzten. Manches erinnerte an Vogelgezwitscher, und teils spielten die Musikerinnen nur auf den Flöten-Mundstücken. Hie und da – wie bei den anderen modernen Stücken auch – konnte es schon mal in den Ohren klingeln. Um die Spannung zwischen alt und neu deutlich zu machen, ging es fast nahtlos weiter mit Alfonso Ferraboscos II. (1527-1628) sanfter, traumhafter »Fantasia«, die Melodie und Harmonie pur bot. Diese krassen Gegensätze machten das QNG-Konzert zu einem spannenden flötistischen Abenteuertrip.

Chiel Meijerings (geb. 1954) »Sitting Ducks« (Eingesperrte Enten) von 1991 bot dann genau das, was die Moderation im Vorfeld versprach. Der Komponist, so hieß es, sehe die Musiker auf der Bühne gerne schwitzen. So geriet das Stück zu einem wahren Ausdauertraining für das Quartett, manches klang wie Atem- oder Stakkatoübungen, oder – um beim Programm des Stücks zu bleiben – wie hyperventilierende Enten. Fernöstlich anmutende, tragend-meditative Töne, unterstützt vom Gong, dann bei »Zen« (1992) von Jan van Landeghem (geb. 1954). Ein wunderbares, beruhigendes Werk, dem sich mit Johannes Ciconias (1335-1411) harmonisch-flächigem »O virum omnimoda« und John Bulls (ca. 1562-1628) verträumter »Hexachord Fantasia« zwei klangschöne mittelalterliche Kompositionen anschlossen.

Nach dem Abendgebet von Pastor Martin Assauer beendete das Quartet New Generation sein offizielles Programm mit dem 2001 eigens für das Ensemble geschriebenen, rhythmisch intensiven Stück »Wicked«, in dem Komponist Michiel Mensingh (geb. 1975) Einflüsse der Drum’n’Bass-Musik verarbeitete. Hier kamen die futuristisch aussehenden Paetzold-Bassblockflöten zum Einsatz. Übrigens ein weiterer Pluspunkt: Das stetig wechselnde, vielfältige Instrumentarium sorgte nicht nur klanglich, sondern auch optisch für viel Abwechslung.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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