Kreuztalerin hat in 18 Monaten beim Busfahren viel erlebt
Fünf Stürze und eine Fraktur

Erst sollte es eine Prellung sein, später musste eine Fraktur mit Drähten und einer Platte gerichtet werden.
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  • Erst sollte es eine Prellung sein, später musste eine Fraktur mit Drähten und einer Platte gerichtet werden.
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mir Kreuztal. Wie sicher ist das Fahren im Bus? Marianne Stracke-Schenk (63) aus Kreuztal hat ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. „In den vergangenen 18 Monaten bin ich in Linienbussen fünfmal gestürzt. Unzählige Prellungen, Zerrungen und eine Schienbeinkopffraktur waren die Ergebnisse.“ Vorige Woche wäre beinahe Fall Nr. 6 passiert.

Erst Prellung vermutet, später war es eine Fraktur

Die Fraktur zog sie sich am 10. April 2019 zu, das Bein musste mit zehn Schrauben und einer Platte fixiert werden – acht Wochen war das Bein geschient, die Kreuztalerin saß drei Monate im Rollstuhl. Das Unglaubliche dabei: Als erste Diagnose war lediglich eine Prellung vermutet worden, die Fraktur kam erst später ans Licht.
Wie konnte das passieren? Der Bus (Linie R 11) musste in Buschhütten anhalten, laut Polizeiprotokoll handelte es sich um eine „normale, verkehrsbedingte Bremsung“. Die Frau saß auf dem Notsitz, vor sich den Rollator – sie hat seit zwölf Jahren Parkinson und ist somit in ihrer Mobilität eingeschränkt. In dem Fall konnte sie sich nicht richtig festhalten und rutschte nach vorne in den Fahrgastraum aufs linke Knie. „Ich saß wie ein Buddha am Boden.“ Stracke-Schenk ist heute noch überzeugt, „es war ein hartes, abruptes Bremsen. Warum sonst bin ich vom Sitz gerutscht?“ Im Polizeiprotokoll stand das Gegenteil.
Im Nachgang zu dem Unfall musste die 63-jährige Kreuztalerin einiges einstecken. Ihr Anwalt kontaktierte die Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd und deren Versicherung. Von der Haftpflichtgemeinschaft deutscher Nahverkehrsunternehmen (HDNA) bekam die Rollatorfahrerin folgende Passage geschrieben: „Jeder Fahrgast ist verpflichtet, sich im Fahrzeug stets einen festen Halt zu verschaffen.“ Fünf, sechs Gerichtsurteile hätten das bestätigt, in diesem Fall sei davon auszugehen, „dass keine ausreichende Eigensicherung vorgenommen wurde“.
Starker Tobak aus Sicht der Geschädigten. Die auf den Rollator angewiesene Frau fährt regelmäßig Bus. Dreimal pro Woche von Kreuztal nach Hilchenbach zur Klinik, sie hat nach ihrer Verrentung dort noch einen kleinen Nebenjob.

"Die Fahrer haben Druck"

„Es ist nicht lustig, Bus zu fahren“, weiß Marlene Rommelrath, die oft mit Marianne Stracke-Schenk im Bus unterwegs ist. Die Busse bremsen nicht nur scharf, sie fahren oft zackig an. Und: „Beim Ein- und Aussteigen mit dem Rollator hat man keine Zeit, einen Platz zu finden, da fährt der Bus schon ruckartig los“, sagt Stracke-Schenk aus vielfacher Erfahrung. „Die Fahrer haben Druck, müssen den Fahrplan einhalten, das verstehe ich. Aber das darf bitte nicht auf Kosten meiner Gesundheit gehen.“
Mit dem Verhalten mancher Fahrer ist Marianne Stracke-Schenk nicht einverstanden. „Machen Sie voran, ich habe nicht Zeit bis heute Abend“, soll einer mal zu ihr gesagt haben.
Vergangene Woche Donnerstag gab es gegen 13.30 Uhr wieder einen Vorfall im Bus von Kreuztal nach Hilchenbach. Stracke-Schenk hatte sich noch nicht setzen können, da fuhr der Bus schon los. Die Frau protestierte laut, der Fahrer hielt an. Ein Fahrgast schnauzte die Frau an: „Stellen Sie sich nicht so an.“
Am Endpunkt in Hilchenbach sprach die Kundin den Busfahrer direkt an. Der antwortete: „Ja und? Fahrgäste sind selbst Schuld, wenn sie stürzen. Sie müssen sich festhalten, das steht so in den Personenbeförderungsbestimmungen.“

Wern-Gruppe bedauert die Stürze

Die SZ schilderte die Vorkommnisse dem Betriebsleiter der Wern-Gruppe, Gerhard Bettermann: Der drückte sein Bedauern aus, dass die Buskundin zu Schaden gekommen sei. Solche Fälle seien erst im November Thema einer Fahrerschulung gewesen. Die Busfahrer müssten ein besonderes Spannungsfeld aushalten: Ansprüche der Kunden, enger Fahrplan, Baustellen und Staus, andere Autos und Lkw.
Gefahrbremsungen gebe es immer wieder, bei Unfällen zum Beispiel. Ganz oft auch auf der viel befahrenen Sandstraße in Siegen, vor allem im Bereich der Busspur. „Wir sagen den Fahrern, dass sie Rücksicht nehmen sollen. Sie haben aber oft keine Zeit, haben womöglich schon Verspätung, alles muss schnell gehen“, sagt Bettermann als Erklärung.
Für die Zukunft gibt es zumindest Hoffnung auf Besserung. Bettermann: „Wir werden alles tun, die Fahrer zu sensibilisieren, und das Beispiel darstellen. Für in der Mobilität eingeschränkte Menschen muss genug Zeit bleiben, dass sie sich festen Halt verschaffen können.“ Zugleich werde man die eigenen Fahrer freundlich ansprechen, sie müssten sich keine Sorgen machen wegen der Fahrpläne und möglicher Verspätungen.

Erst losfahren, wenn alle sicheren Halt haben

Die Erklärungen seitens der Wern-Gruppe klingen plausibel. Marianne Stracke-Schenk und Marlene Rommelrath haben jedoch viel Gegenteiliges erlebt. Sie sagen, in den vergangenen Jahren habe sich die Sicherheit beim Busfahren deutlich verschlechtert. Rommelrath: „Busfahrer müssen bitte schön Verantwortung zeigen für die vielen Menschen an Bord. Sie dürfen erst losfahren, wenn man sitzt. Anders geht es nicht, sonst wird es noch viele Unfälle geben.“

Erst sollte es eine Prellung sein, später musste eine Fraktur mit Drähten und einer Platte gerichtet werden.
Marianne Stracke-Schenk ist wegen Parkinson auf den Rollator angewiesen. Sie beklagt das zu schnelle Anfahren beim Busfahren. Fünf Stürze mit Prellungen und Zerrungen sowie eine Fraktur sind genug.
Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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