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Bauern plagen Existenzängste
„Grünland ist Lebensgrundlage“

Die Landwirte Werner und Nadine Scharf (Biohof Ferndorf), Andrea Zimmermann und Thorsten Junge (Eichenhof Eichen) sowie Melanie Heuel (Berghof Eichen) machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Familienbetriebe. Sollten die Baugebiete Hanker und Zimmerseifen Realität werden, verlieren sie dringend benötigte Grünlandflächen.
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  • Die Landwirte Werner und Nadine Scharf (Biohof Ferndorf), Andrea Zimmermann und Thorsten Junge (Eichenhof Eichen) sowie Melanie Heuel (Berghof Eichen) machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Familienbetriebe. Sollten die Baugebiete Hanker und Zimmerseifen Realität werden, verlieren sie dringend benötigte Grünlandflächen.
  • Foto: Anja Bieler-Barth
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nja Eichen/Ferndorf. Die Landwirte vom Eichener Berghof und vom benachbarten Eichenhof sind sehr besorgt – und sich einig: „Sollten unsere Grünlandflächen am Hanker für ein Neubaugebiet wegfallen, hat das ganz massive Auswirkungen auf uns. Wenn wir sie verlieren und das Futter alternativ zukaufen müssen, bleibt wenig Spielraum für andere Investitionen – das kann existenzbedrohend sein“, brachte Melanie Heuel (Berghof) die Ängste im Rahmen eines Pressegesprächs auf den Punkt. „Ausgleichsflächen sind nicht vorhanden“, ergänzten ihre Nachbarn Thorsten Junge und Andrea Zimmermann vom biozertifizierten Eichenhof, der im unteren Bereich des Hankers 4,5 Hektar Futterfläche bewirtschaftet. Das Berghof-Areal – rund 7 Hektar – liegt direkt darüber.

nja Eichen/Ferndorf. Die Landwirte vom Eichener Berghof und vom benachbarten Eichenhof sind sehr besorgt – und sich einig: „Sollten unsere Grünlandflächen am Hanker für ein Neubaugebiet wegfallen, hat das ganz massive Auswirkungen auf uns. Wenn wir sie verlieren und das Futter alternativ zukaufen müssen, bleibt wenig Spielraum für andere Investitionen – das kann existenzbedrohend sein“, brachte Melanie Heuel (Berghof) die Ängste im Rahmen eines Pressegesprächs auf den Punkt. „Ausgleichsflächen sind nicht vorhanden“, ergänzten ihre Nachbarn Thorsten Junge und Andrea Zimmermann vom biozertifizierten Eichenhof, der im unteren Bereich des Hankers 4,5 Hektar Futterfläche bewirtschaftet. Das Berghof-Areal – rund 7 Hektar – liegt direkt darüber.

Steine des Anstoßes: Pläne für Wohngebiete

Auslöser des Gesprächs war der aktuelle Vorstoß der FDP-Fraktion im Kreuztaler Rat, den Hanker-Bebauungsplan anzuschubsen, damit er nach Jahren des Stillstands endlich realisiert werden könne (die SZ berichtete). Nadine und Werner Scharf vom gleichnamigen Ferndorfer Biohof beschäftigen ganz ähnliche Sorgen wie ihre Eichener Kollegen: Sollte der Zimmerseifen Wohnbaufläche werden, sehen auch sie Gefahren für die Existenz ihres Hofes. Felix Stücher vom Ferndorfer Irlenhof, Matthias Beerwerth vom Krombacher Juliushof und Amandus Brill Kolb vom Littfelder Birkenhof hatten ebenfalls bei dem Gespräch Flagge zeigen wollen, mussten aber kurzfristig absagen. „Wir haben in den vergangenen zwei Jahren erstmals ganz drastisch den Klimawandel gemerkt“, berichtete Werner Scharf von der Auswirkung der langen Trockenheit auf die Böden: „Gras kann man leider nicht ziehen, damit es wächst. Da ist die Tragfähigkeit schnell unterhalb der Kapazitätsgrenze. Das war schon sehr beeindruckend.“ In den beiden vergangenen Jahren „mussten wir Futter zukaufen“, bestätigte Melanie Heuel, für deren rund 100 Milchkühe in Kreuztal rund 70 Hektar Grünland konventionell (Landliebe-Genossenschaft) bewirtschaftet werden. Die Hankerflächen befänden sich mittlerweile vor allem im Besitz der Stadt Kreuztal, so Junge und Zimmermann: „Wir haben dort kein Eigentum, sondern pachten.“ Das Grünland diene der Lebensmittelproduktion für die Bevölkerung, in Kreuztal laufe viel über Direktvermartung, es sei Lebensgrundlage nicht nur für die Landwirte, sondern diene zudem dem Arten- und Klimaschutz, betonte Thorsten Junge: „Grünland ist kein Bauerwartungsland!“ Fielen seine 4,5 Hektar den Baggern zum Opfer, verlöre Kreuztal auch 4,5 Hektar CO2-Speicher: „1 Hektar speichert 2 Tonnen CO2 im Jahr!“ Die Speicherkapazität von Grünland liege höher als jene des Waldes, ergänzte Melanie Heuel. Nicht ohne Grund sei es ja mittlerweile nicht ohne Weiteres möglich, aus Grün- Ackerland zu machen, so Junge.

Er erinnerte auch an den Klimaschutzplan der Bundesregierung, wonach  bis zum Jahr  2030 die Neuinanspruchnahme von Flächen für  Siedlungen und Verkehr auf unter 30  Hektar pro Tag  verringert werden soll.  Zersiedelung zerstöre die biologische Vielfalt, erhöhe die Kosten für Schaffen und Erhalt der Infrastruktur, erhöhe Individualverkehr und auch den Bedarf an sozialer Infrastruktur. Dies sei ein hoher wirtschaftlicher Aufwand. „Dummerweise“ seien in Kreuztal gute Böden in Tallagen mit Gewerbegebieten zugewachsen: Aus Sicht der Landwirte sei dies eine Katastrophe: „Wir müssen die Hügel hoch.“ „Land ist nicht gleich Land“, fügte Werner Scharf hinzu. „Auf der Ferndorfer Rode Null wächst kein Gras!“

Wohnraum  in Waldgebieten?

Kritisch sehen die Landwirte den Flächenverbrauch in Kreuztal: Im Schnitt seien von 1994 bis 2015 per anno 7 Hektar landwirtschaftliche Fläche verlorengegangen, hat Junge bei NRW-IT recherchiert. Das seien 13,17 Prozent. Landesweit seien es 7,47 Prozent, kreisweit 7,08 Prozent. „Wenn man so weitermacht, war es das für uns“, kommentierte Melanie Heuel diese Zahlen. „So absurd es klingen mag: Aber vielleicht ist es ja sinnvoller, über Wohngebiete in Waldstandorten nachzudenken. Auch dort gibt es schöne Südhänge“, brachte Werner Scharf in der forstreichen Region einen weiteren Gedanken ins Spiel, über den öffentlich mit allen Beteiligten diskutiert werden könne. „Landwirtschaftliche Flächen werden das nicht!“

"Innenverdichtung ausschöpfen"

„Wir wünschen uns, dass sich die Stadt zu den Grünlandflächen bekennt“, betonte Thorsten Junge. „Netto null Flächenverbrauch“, solle das Ziel sein und als strategische Leitlinie verankert werden, laute die Bitte der Bauern. „Einerseits sollen wir beim Projekt ,insektenfreundliche Stadt’ mit ins Boot, und nur eine Woche nach einem Gespräch in dieser Angelegenheit lesen wir andererseits in der Zeitung, dass nun Gutachten in Auftrag gegeben worden sind, um zu klären, ob und wie der Hanker bebaut werden kann“: Melanie Heuel schüttelte irritiert den Kopf. „Es ist schon ärgerlich, wenn die Stadt nicht hinter uns steht. Das gehört sich nicht!“ Junge warf angesichts des demografischen Wandels und der Bevölkerungsprognose zudem die Frage in den Raum, ob das Wohnraumkonzept der Stadt überhaupt dem tatsächlichen Raumbedarf entspreche. Sinnhafter erscheine es ihm, die Innenverdichtung auszuschöpfen. Beispielhaft nannte er hierbei das Ferndorfer Bender-Areal und die Buschhüttener Ortsmitte.

Ferndorf: Unterschriftenliste kursiert

Die Bedeutung der heimischen Landwirtschaft müsse „in den Köpfen der Bevölkerung ankommen“, hofft Familie Scharf, die auch den Naherholungswert der Flächen nicht unerwähnt lassen wollte. Gegen die Bebauung des Zimmerseifens in Ferndorf kursiere auch schon eine Unterschriftenliste.

"Enkelfähige Landwirtschaft"

Es müsse ökonomisch, ökologisch und sozial sinnvoll – nachhaltig – gehandelt werden, lautet das Credo von Thorsten Junge und Andrea Zimmermann: „Grünland muss für die Kreuztaler Bevölkerung als Lebensgrundlage erhalten bleiben.“ Und: „Ohne bäuerliche Familienbetriebe können die Klimaziele nicht erreicht, kann kein großflächiger Artenschutz betrieben und keine lebenswerte Region erhalten werden.“ Dazu Werner Scharf: „So lange es Familienbetriebe gibt, wird eine enkelfähige Landwirtschaft betrieben!“

Die Landwirte Werner und Nadine Scharf (Biohof Ferndorf), Andrea Zimmermann und Thorsten Junge (Eichenhof Eichen) sowie Melanie Heuel (Berghof Eichen) machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Familienbetriebe. Sollten die Baugebiete Hanker und Zimmerseifen Realität werden, verlieren sie dringend benötigte Grünlandflächen.
Die im Bild bräunlichen Flächen am Hanker  werden seit 1994 vom Eichenhofteam bewirtschaftet – zunächst extensiv und seit 2008 biologisch in den Bestimmungen des Bioland-Verbands. Die darüberliegende Fläche wird von Familie Heuel vom benachbarten Berghof bewirtschaftet.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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