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Je mehr Ärzte, desto mehr Impfdosen
Harsche Kritik an Impfverteilung

Bevor es zum Aufziehen der Spritzen kommt, muss der Impfstoff erst einmal verteilt werden.
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nja Kreuztal. „Wir impfen doch Patienten und nicht Ärzte“: Jan Khalil ist Hausarzt in Ferndorf und schüttelt den Kopf ob der Vorgabe der Politik, wie die Verteilung des Corona-Impfstoffs über die Praxen geregelt ist. „Warum wird das wöchentliche Kontingent pro Arzt und nicht über die Größe der Praxis geregelt?“
Rasanter Impffortschritt vs. SchneckentempoDas fragt mit Khalil die gesamte hausärztliche Kooperationsgemeinschaft Kreuztal/Oberes Ferndorftal/Dahlbruch, die sich bei dieser Regelung benachteiligt sieht. „Meine Praxis ist überdurchschnittlich groß“, erklärt Khalil. Und er spürt: Die Patienten nehmen wahr, wenn andernorts das Impfen lesbar schneller voranschreitet: „Uns wird organisatorisches Versagen vorgeworfen!

nja Kreuztal. „Wir impfen doch Patienten und nicht Ärzte“: Jan Khalil ist Hausarzt in Ferndorf und schüttelt den Kopf ob der Vorgabe der Politik, wie die Verteilung des Corona-Impfstoffs über die Praxen geregelt ist. „Warum wird das wöchentliche Kontingent pro Arzt und nicht über die Größe der Praxis geregelt?“

Rasanter Impffortschritt vs. Schneckentempo

Das fragt mit Khalil die gesamte hausärztliche Kooperationsgemeinschaft Kreuztal/Oberes Ferndorftal/Dahlbruch, die sich bei dieser Regelung benachteiligt sieht. „Meine Praxis ist überdurchschnittlich groß“, erklärt Khalil. Und er spürt: Die Patienten nehmen wahr, wenn andernorts das Impfen lesbar schneller voranschreitet: „Uns wird organisatorisches Versagen vorgeworfen!“
Andernorts, damit ist konkret die Filialpraxis „Familydocs“ gemeint. Diese hatte vergangene Woche im SZ-Gespräch vom rasanten Impffortschritt berichtet. Sieben Mediziner sind dort beschäftigt. Dass es so schnell vorangehe, sei nur möglich, weil das Team viel Zeit investiere, hieß es. Das sorgte für Irritation unter der Kooperationsgemeinschaft: Die Filialpraxis vereine „mehrere Arztsitze auf sich, ohne im selben Umfang auch mehr Patienten zu betreuen im Vergleich zu großen Einzelpraxen mit hoher Patientenzahl.
Folglich steht deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung, der formal erlaubt, Patienten früher zu impfen als in anderen Praxen!“ Für eine solche Konstellation empfehle die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KV) dringend, „dass Impfstoff zwischen den Arztpraxen weitergegeben wird, um eine gleichmäßige Durchimpfung der Prioritätsgruppen innerhalb eines Ortes bzw. einer Region zu gewährleisten“.

Pro Arzt 86 Impfdosen

Hausärzte können auf Rezept den jeweils wochenweise vom Bundesgesundheitsministerium kontingentierten Impfstoff in ihrer Apotheke bestellen, so die KV: „Diese Woche sind dies pro Arzt 36 Dosen Biontech-Pfizer und 50 Dosen AstraZeneca“, sagt KV-Sprecher Andreas Daniel. „Wir haben die Empfehlung ausgesprochen, Vakzin gegebenenfalls kollegial weiterzugeben. Wenn also z. B. ein Gynäkologe nur Biontech für Begleitpersonen von Schwangeren benötigt, raten wir: Bestellen Sie auch AstraZeneca mit – und geben Sie die Dosen an andere Mediziner vor Ort ab.“ Es sei andererseits jedermanns Recht, für seine Patienten zu ordern.
„Ich könnte flugs Honorarärzte anheuern und deutlich mehr impfen“, sagt Jan Khalil. Mit den derzeit gedeckelten Dosen aber komme er leider nur im Schneckentempo voran. „Das ist also keine Frage des Fleißes.“

Maximalmengen bestellt

„Wir haben immer die Maximalmengen, die möglich waren, bestellt, und auch zum Teil Impfdosen von Kollegen erhalten, die aus verschiedenen Gründen (Impfstoffart, Quarantäne) nicht impfen konnten oder wollten“, sagen die Familydocs, die „als Team“ zitiert werden wollen. Man habe den priorisierten Patienten (Gruppe 2) schon früh nahegelegt, Termine im Impfzentrum zu buchen, „was auch die meisten getan haben, sodass wir nur noch Lücken schließen mussten und nun zur nächsten Gruppe übergehen können“.

Genaue Patientenzahl nicht bekannt

Khalil hält dagegen: „Hätten wir die gleiche Relation Patient/Arzt, wären auch wir schon weiter in der Priorität vorangeschritten.“ Schade ist: Die genauen Patientenzahlen verrät keiner. Auch nicht Dr. Wolfgang Neumann mit großer Praxis in Kreuztals Stadtmitte. Dass erzählt werde, Kreuztaler Hausärzte riefen gar nicht die mögliche Höchstmenge an Vakzin ab, bezeichnet er als „Quatsch“. Mit seinen Kollegen wünscht er sich mehr Solidarität: Wer als Hausarzt schon in der Lage sei, 20-Jährige zu impfen, der könne doch Kollegen, die von diesem Ziel noch weit entfernt seien, Vakzin abgeben.

Dr. Martin Junker, Leiter der KV-Bezirksstelle Lüdenscheid, kritisiert: Die Politik treffe Entscheidungen „nach Gusto und nicht immer einer Logik folgend: Auch wir beißen auf Granit“. Er glaubt nicht an ein Ideal-Kriterium zur Verteilung: Was die Ärzte nun durchmachten, sei vielmehr eine Folge des Impfstoffmangels. „Irgendeine Ungerechtigkeit wird es immer geben. Dann sollte aber die Politik auch den schwarzen Peter behalten.“

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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