Umstrittene Hochspannungstrasse
Heestaler geben ihr Idyll nicht her

Hof Wurmbach in Mittelhees – ein gefährdetes Idyll. Amprion möchte die bestehende Stromtrasse massiv aufstocken; die Anwohner indes plädieren für eine alternative Streckenführung, die von den Häusern abrückt.  Fotos: Jan Schäfer
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  • Hof Wurmbach in Mittelhees – ein gefährdetes Idyll. Amprion möchte die bestehende Stromtrasse massiv aufstocken; die Anwohner indes plädieren für eine alternative Streckenführung, die von den Häusern abrückt. Fotos: Jan Schäfer
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js Junkernhees. Das Hausaufgabenheft der Firma Amprion war prall gefüllt, als Ende November ein fast dreitägiger Erörterungstermin in der Attendorner Stadthalle vorüber war. Der Gegenwind, den das Stromnetzunternehmen in diesem entscheidenden Moment des Planfeststellungsverfahrens zu spüren bekam, war massiv. Nicht nur Träger öffentlicher Belange hatten deutliche Kritik an den eingereichten Planungen zu einer neuen 380-kV-Trasse im Abschnitt zwischen Attendorn und rheinland-pfälzischer Landesgrenze geübt. Auch intensiv vorbereitete Bürgerinitiativen hatten klare Forderungen formuliert. 34 Anträge landeten auf dem Tisch der Bezirksregierung Arnsberg, die das Verfahren als zuständige Genehmigungsbehörde leitet.

Amprion muss nun nachliefern, das wurde bereits im Verlauf der Erörterung deutlich. Derzeit werde eine alternative Trasse im Bereich Kreuztal und Siegen geprüft, hieß es dazu vor einigen Tagen knapp in einer Unternehmensmitteilung (die SZ berichtete). Konkret geht es um den heftig umstrittenen Abschnitt zwischen Heestal und Meiswinkel. Grundlage für eine mögliche Alternative ist eine Variante, die Bürger vor Ort ins Spiel gebracht haben. Die Bürgerinitiativen (BI) Junkernhees und Meiswinkel hatten bereits vor Monaten aufgezeigt, dass die von Amprion favorisierte Linienführung – sie orientiert sich zum Großteil an der bestehenden Stromtrasse – aus Anwohnersicht nicht gerade die ideale sei. Besser sei es, aus dem Heestal heraus und somit von den Wohnhäusern wegzugehen, die Leitungen durch (teils kyrillgeschädigte) Waldgebiete zu führen. Gleiches gilt für den Siegener Stadtteil Meiswinkel, der von der Amprion-Trasse stark tangiert würde.

Auch wenn es vordergründig ruhig gewesen ist seit November, sei doch einiges in Bewegung gekommen, berichten Ansgar Klein und Sascha Reller von der BI Junkernhees im SZ-Gespräch. Anfang des Jahres hätten sie und ihre Mitstreiter gemeinsam mit den Nachbarn aus Meiswinkel und Familien aus Buchen am alternativen Trassenvorschlag gefeilt und seien zu einer Linie gekommen, mit der sie alle einigermaßen leben könnten. „Es wären 70 Menschen weniger betroffen“, ziehen Klein und Reller den direkten Vergleich zum im Planfeststellungsverfahren diskutierten Trassenverlauf. Amprion habe nun den Auftrag angenommen und zugesagt, diese Alternative zu prüfen – und zwar einmal mit und einmal ohne den Bau eines großen gasisolierten Umspannwerks auf „Säubelzes Wiese“ in Junkernhees.

Die Bürgerinitiative bleibt indes in Alarmbereitschaft. Nicht allein die optimierte Trassenführung würde zur Beruhigung der Gemüter beitragen. Noch viel wichtiger wäre es aus ihrer Sicht, das „Schreckgespenst“ Umspannanlage ein für alle Mal aus dem Tal zu verjagen. Nach wie vor halten sie eine Erweiterung der Umspannanlage Altenkleusheim für die weitaus erträglichere Aussicht. Nicht allein, weil sie die „Industrialisierung“ des idyllischen Naherholungsgebiets Heestal fürchten und die Argumente gegen den Bau des Umspannwerks überhaupt nicht berücksichtigt sehen – die wertvolle Ökologie sei bislang nicht nachvollziehbar betrachtet worden, auch die kulturlandschaftliche Bedeutung des Heestals mit seinen Baudenkmälern habe Amprion nicht ordentlich in den Blick genommen.

Sie sehen sich zudem in einem bereits seit Jahren gehegten Verdacht bestätigt, dass der Netzausbauer eine Salamitaktik verfolge. Der Blick in den kürzlich veröffentlichten 1. Entwurf des bundesweiten Netzentwicklungsplans Strom (NEP) 2030 bereitet den Junkernheesern Sorge. Aus diesem lässt sich die Notwendigkeit herauslesen, eine bislang noch nicht diskutierte weitere 380-kV-Stromtrasse zwischen Arpe im Hochsauerlandkreis und Dauersberg zu planen. Der im NEP grob skizzierte Korridor führt durch Junkernhees. „Wahrscheinlich soll das Umspannwerk noch viel mehr leisten als bislang geplant“, gibt Ansgar Klein den Schelm, der Böses dabei denkt.

Irgendwann im Sommer soll Amprion sich zur Alternativtrasse äußern, heißt es derzeit. Die Junkernheeser fordern eine „faire und transparente Gegenüberstellung“ der Amprion-Pläne mit der Altenkleusheim-Variante. Dass die Trasse überhaupt nötig ist, bezweifelt die BI ohnehin. Mit Interesse verfolgt sie daher das Vorgehen von Dr. Katja Strauss-Köster, Bürgermeisterin der Stadt Herdecke. Sie hat ein Moratorium für den von Amprion geplanten Ausbau der Höchstspannungsleitung von Kruckel nach Dauersberg gefordert und in einem Brief an die Bürgermeisterkollegen der betroffenen Kommunen um Unterstützung geworben. Sie sehe die Notwendigkeit der Trasse nicht mehr, da der Kohlebeschluss der Bundesregierung entsprechende Veränderungen mit sich bringe. Die Höchstspannungsleitung werde nur benötigt, um Strom von im östlichen Ruhrgebiet geplanten Kohlekraftwerken nach Süden zu transportieren. Diese würden jetzt aber nicht mehr gebaut.

Im laufenden Planfeststellungsverfahren jedoch geht es nicht um das Ob, sondern um das Wie. Die Junkernheeser bleiben standhaft mit ihren Forderungen und rüsten sich sogar für den Ernstfall: Auch den unliebsamen Klageweg würden sie nicht scheuen.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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