SZ

Christel Bald aus Kreuztal erinnert sich an die Ankunft ihres Vaters im Durchgangslager Friedland
„Ist er dabei?“

Paul Gecke (er trägt noch die gestreifte Hose aus seinen Kriegsgefangenentagen) wurde in Kreuztal begeistert empfangen: Die Straße war schwarz vor Menschen!
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  • Paul Gecke (er trägt noch die gestreifte Hose aus seinen Kriegsgefangenentagen) wurde in Kreuztal begeistert empfangen: Die Straße war schwarz vor Menschen!
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gmz - Die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft war erst der Beginn der Heimkehr …
gmz Kreuztal.  Der Bericht über das Durchgangslager Friedland, der Mitte September zum 75. Jahrestag seines Bestehens (20. September 1945) in der SZ veröffentlicht wurde, hat bei der Kreuztalerin Christel Bald viele Erinnerungen geweckt. Erinnerungen an die erste bewusste Begegnung mit ihrem Vater, der am 10. Oktober 1955 mit einem der letzten Transporte aus sowjetischer Gefangenschaft zurück nach Deutschland kam. Beim Besuch der Heimatland-Redaktion erinnert sie sich.
Als Konrad Adenauer am 13.

gmz - Die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft war erst der Beginn der Heimkehr …
gmz Kreuztal.  Der Bericht über das Durchgangslager Friedland, der Mitte September zum 75. Jahrestag seines Bestehens (20. September 1945) in der SZ veröffentlicht wurde, hat bei der Kreuztalerin Christel Bald viele Erinnerungen geweckt. Erinnerungen an die erste bewusste Begegnung mit ihrem Vater, der am 10. Oktober 1955 mit einem der letzten Transporte aus sowjetischer Gefangenschaft zurück nach Deutschland kam. Beim Besuch der Heimatland-Redaktion erinnert sie sich.
Als Konrad Adenauer am 13. September 1955 in Moskau mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin das Abkommen zur Freilassung der letzten 9626 deutschen Soldaten und vieler ziviler Gefangener in sowjetischer Kriegsgefangenschaft geschlossen hatte, war es „Pflicht“, am Radio die Nachrichten zu verfolgen und sich die Liste mit den Namen derjenigen anzuhören, die im nächsten Transport nach Deutschland dabei wären. Ankunft: Friedland. Die Namen wurden offenbar immer zu einer bestimmten Zeit verlesen, am späten Nachmittag, meint Christel Bald sich zu erinnern, so dass die Familien wussten, wann sie Radio hören mussten. Auch Nachbarn und Freunde verfolgten die Nachrichten. Über Wochen saßen die Familien der Heimkehrer voller Hoffnung vor dem Radio, immer wieder standen sie enttäuscht auf … Die Anspannung muss enorm gewesen sein.

Seit 1948 kamen regelmäßig Briefe

Die Familie von Christel Bald, ihre Mutter, ihre Schwester und der Bruder, wusste aus den monatlichen Briefen, die seit 1948 erlaubt waren, in welchem Lager der Vater Paul Gecke interniert war. Nach einigen Jahren in anderen Lagern als Waldarbeiter war Paul Gecke am Schluss im Lager Swerdlosk in der Ukraine interniert, wo er, der Friseurmeister mit eigenem Betrieb in Kreuztal, im Lager-Friseursalon arbeitete.
Und dann kam sie doch, die erlösende Nachricht. Christel Bald erinnert sich, dass sie mit ihrer Schwester Ruth eine Aufführung von Haydns „Schöpfung“ im Eichener Hamer besucht hatte, als ihnen auf dem Rückweg viele Menschen begegneten, die sie mit der freudigen Nachricht begrüßten: „Euer Vater ist dabei! Er kommt zurück.“ – Schade, sagt sie im Gespräch mit der SZ, dass der Großvater, der so sehr auf seinen Sohn gewartet hat, im Juni 1955 verstorben ist.

Sorgfältig verwahrt Christel Bald die Briefe ihres Vaters aus der Kriegsgefangenschaft.
  • Sorgfältig verwahrt Christel Bald die Briefe ihres Vaters aus der Kriegsgefangenschaft.
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Drei Autos fuhren nach Friedland

Die Aufregung war groß, die Hilfsbereitschaft der Menschen auch: Der ADAC stellte ein Auto zur Verfügung wie auch Helmut Dreute vom Hotel Keller. Er fuhr auch mit. In einem Pulk von drei Wagen (ein weiterer Kriegsheimkehrer aus Krombach wurde ebenfalls abgeholt) ging es los nach Friedland. Die Mutter und die drei Kinder machten sich auf den Weg, ebenso Paul Geckes Bruder (aus Wuppertal), der mit seinem Sohn auf dem Motorrad dazukam.
Helmut Dreute klopfte mitten in der Nacht einen Hotelkollegen im Wittgensteiner aus dem Bett, damit die Reisegruppe sich mit einem Kaffee stärken konnte, erinnert sich Christel bald. Am frühen Morgen kamen sie dann im Lager Friedland an. „Es war Chaos“, erinnert sie sich. Riesige Menschenmengen liefen durcheinander: die Heimkehrer, die Abholenden und solche, die Plakate oder Zettel mit Namen hochhielten, in der Hoffnung, dass ihnen jemand Auskunft über das Schicksal des Mannes, Sohnes, Bruders, Vaters, Freundes oder Nachbarn geben könnte … Dazwischen die Heimkehrer in gestreiften Hosen und mit dicken, fast unförmigen Steppjacken bekleidet. – Wie wollte man da jemanden finden?
In

Im Durchgangslager Friedland herrschte Chaos

Die Baracken, also die Unterkünfte, in denen die Heimkehrer erst einmal untergebracht wurden, waren zwar nach Buchstaben belegt, aber Paul Gecke war in der „Baracke G“ nicht zu finden. Alle, die nach einem Heimkehrer suchten, sprachen die anderen Heimkehrer an: „Haben Sie … gesehen?“ Aber die reagierten verständlicherweise oft unwirsch, waren sie doch selbst auf der Suche nach ihren Verwandten …
Die Suchtruppe aus Kreuztal hatte sich aufgeteilt, erinnert sich Christel Bald, um eine bessere Chance zu haben, in den Menschenmengen den Vater zu finden. Regelmäßig traf man sich an einem vereinbarten Ort, um sich auszutauschen und sicher zu sein, dass niemand verloren ging. Christel war mit ihrem Cousin aus Wuppertal unterwegs, als sie wieder einmal zum vereinbarten Treffpunkt kam. Und dort Mutter, Schwester, Bruder und Onkel antraf – und den Vater. Er war auf der Krankenstation, wie die Mutter von einem Mit-Heimkehrer erfahren hatte, weil er erkältet war. Deshalb hatten sie ihn in „Baracke G“ nicht angetroffen.
Den Vater hatte sie zuletzt als Vierjährige gesehen (1944), sie kannte ihn nur von Fotos, auch von denen, die er auf die monatliche Briefkarte genäht hatte (nur aufgenähte Fotos wurden von den Behörden befördert). Der Vater sah angegriffen aus, erinnert sich Christel Bald, war schmal – und fremd. Es war eine Begegnung zwischen fremdem Vater und fremder Tochter …

Triumphale Ankunft inKreuztal

Die Ankunft in Kreuztal war dann triumphal. Darauf wurden sie schon bei ihrem Halt in Erndtebrück vorbereitet, wo sie eine Kaffeepause machten. Am Nebentisch unterhielten sich drei Männer über den „Auftrieb“ in Kreuztal, wo man auf die Rückkehr eines Heimkehrers wartete … Ein diskreter Hinweis, man möge doch dem Heimkehrer, der hier am Tisch sitze, nicht nervös machen ob des Empfangs, der ihn erwartete, ließ die Aufregung der drei am Nebentisch verstummen, so Christel Bald.
Der Empfang war dann auch tatsächlich riesig. Der CVJM Ferndorf, in dem Paul Gecke engagiert war, hatte u. a. das Fest, so kann man es wohl nennen, organisiert. Die Straßen waren schwarz vor Menschen, ein grüner „Triumphbogen“ zierte die Eingangstür ihrer Wohnung, Geschenke türmten sich in der Wohnung. Überall Freude und Umarmungen, Erleichterung und gute Wünsche.

„Willkommen“ steht über der Tür: Nachbarn und Freunde bereiteten Paul Gecke einen großen Empfang bei seiner Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft.
  • „Willkommen“ steht über der Tür: Nachbarn und Freunde bereiteten Paul Gecke einen großen Empfang bei seiner Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft.
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Das Wiedereinleben war eine Herausforderung

Nach dem Hoch des Ausnahmezustands von Rückkehr und Empfang aber kamen die „Mühen der Ebene“: Gut 15 Jahre war die Familie getrennt, jeder musste sein Leben organisieren, sich mit den Verhältnissen arrangieren. Die Mutter hatte sich ins Friseurhandwerk eingearbeitet und den Salon des Ehemanns mit Hilfe der treuen Angestellten, wie Christel Bald sagt, weitergeführt. Die Kinder waren notgedrungen ohne väterlichen Einfluss aufgewachsen, waren selbständig (Christel war 15, als sie ihren Vater kennenlernte). Dem Vater steckten die Erfahrungen aus Krieg und Gefangenschaft in den Knochen …
Wirtschaftlich kam die Familie zurecht, erhielt Unterstützung/Entschädigung, konnte den Friseursalon erfolgreich weiterführen, der Vater war eine Zeitlang Presbyter, fand seinen Platz in Beruf und Umfeld. In der Familie aber war es nicht immer einfach, sagt Christel Bald rückblickend, mit den unterschiedlichen Vorstellungen und Erfahrungen umzugehen. Das war in fast allen Heimkehrerfamilien so, erinnert sie sich … Mit der Rückkehr aus der Gefangenschaft wurde keineswegs immer „alles gut“!

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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