Leise und dröhnend

Auch ein katholischer Pfarrer muss sich mal ausweinen – zur Not hinterm Gitter des Beichtstuhls. Thomas Freitag gastierte mit einem Best-of-Programm und pfiffigen Requisiten in Kreuztal.  Foto: aww
  • Auch ein katholischer Pfarrer muss sich mal ausweinen – zur Not hinterm Gitter des Beichtstuhls. Thomas Freitag gastierte mit einem Best-of-Programm und pfiffigen Requisiten in Kreuztal. Foto: aww
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aww Kreuztal. Thomas Freitag als einen Kabarettisten der leisen Töne zu bezeichnen, wäre unangemessen, weil zu kurz gegriffen. Er beherrscht sie zwar, diese leisen Töne, gleichwohl kann er auch ordentlich dröhnen und lospoltern. Ganz sicher aber ist Thomas Freitag kein Possenreißer, der auf den schnellen Lacher abzielt oder auf den kurzzeitigen Knalleffekt. Mitdenken ist bei ihm gefragt, nicht hemmungsloses Dauer- Ablachen. Weshalb das große Schenkelklopfen bei seinem Soloabend am Donnerstag in der recht gut besuchten Kreuztaler Stadthalle folgerichtig ausblieb bzw. sich erst bei den letzten Nummern ein wenig einstellte, bei denen dann tatsächlich einmal die bloße Witzigkeit im Vordergrund stand – die bei Freitag so bloß nun auch wieder nicht ist, wird sie doch stets auf hohem Niveau zelebriert.

Freilich ist das höchst komisch, wenn er seine köstlichen Parodien auspackt, wenn er Franz-Josef Strauß, Willy Brandt und Herbert Wehner im Altenheim sich gegenseitig das Leben schwermachen lässt und so ganz ohne Mühe stimmlich wie gestisch-mimisch vom einen zum anderen switcht. Oder wenn er den Helmut Kohl gibt, aber in Gestalt von dessen Zwillingsschwester Gisela. Doch hat der Kabarettist zum Parodieren ein deutlich ambivalentes Verhältnis, wie er auch in einem Song zum Ausdruck bringt – schließlich macht er mehr als das, hat noch ganz andere Anliegen und geht „mit einer Botschaft auf die Bretter“.

Diese anderen Dinge, die ihm wichtig sind, können dann diese leisen, nachdenklichen Töne sein – wenn er etwa aus einem Trauerbrief vorliest von dem Kind, das durch eine Landmine starb. Dann herrscht Stille im Saal. Und darüber, dass in diesem Land alles über die „Kohle“ definiert wird, könnte er sich mächtig aufregen. In einem solchen Moment ist einem wütenden Thomas Freitag spürbar für einen Augenblick die Lust aufs Lustigsein vergangen.

„Nur das Beste“ – so das Motto – hat er an diesem Abend mitgebracht. Und das hat er aus seinen zahlreichen Soloprogrammen seit 1976 zusammengestellt. Die aktuelle Best-of-Mischung ist sein mittlerweile fünfzehntes. Dazu gehört beispielsweise die herrliche Szene im Beichtstuhl, in der der Geistliche sich beim armen Sünderlein ausweint, die Szene mit den ehemals innereuropäischen Grenzschützern, die nun Schwierigkeiten an der Euro-Grenze „harmonisieren“ sollen, oder die mit der (trefflich parodierten) Ulla Schmidt im Selbstbedienungskrankenhaus – wie auch die makabre „historische“ Filmeinspielung einer Nummer über medizinische Tests an Menschen, Formaldehyd-Inhalation inklusive. Zum Besten gehört aber auch eine dramatische Meisterleistung wie die Rezitation von Kleists „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ – stimmgewaltig, darstellerisch intensiv.

Zum Schluss zieht Freitag das Tempo mehr und mehr an: Richtig was zu lachen gibt’s beim Erfahrungsbericht über ein Jahr Rentnerdasein, und als sich „Marcel Reich-Ranicki“ in der Reihe „Gesungene Grammatik“ bei der Interpretation von „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“ auf dem Sofa krümmt, fließen die Tränen. Sahnehäubchen in der Zugabe: der Vergleich der unterschiedlichen Arbeitsweisen deutscher und polnischer Handwerker. Herrlich!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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