Macho und Memme

Als Dichtungsring-Vertriebler hochspezialisiert, aber Ingolf Lück wollte als „One Way Man“ in Kreuztal einfach mal keine Ahnung haben – im Job und in der Liebe.  Foto: zel
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zel Kreuztal. „Kennt ihr das Gefühl? Du hast die Hand voller Asse, und der Rest der Welt spielt Schach!“ Das ist so ein Gefühl, das Frank Wagner hat. Sich zugesteht. Ansonsten sind ihm Gefühle eher irgendwie peinlich. Und drüber zu reden, ist ihm noch viel peinlicher. Der Liebsten einfach mal sagen, wie toll sie ist? Bloß nicht. Mann könnte ja Schwäche zeigen. Lieber sachlich reden, analytisch. Er ist ein „Rechenschieber“-Casanova, der beim Anblick des Sternenhimmels astronomisch statt romantisch wird. Der arme Mann. Sein Leben lässt sich am besten mit einem Satz beschreiben: „Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.“

Alles richtig dagegen machte am Samstagabend Ingolf Lück in der Rolle ebendieses Frank Wagner. Mit seinem neuen Stück „One Way Man“ gastierte der Schauspieler und Comedian in der Stadthalle Kreuztal vor einem für seine Verhältnisse übersichtlichen Publikum (sonst spielt er eher in 800er-Hallen), das sich über die Philosophierereien und Analysen des modernen Dichtungsring-für-Küchenmaschinen-Vertriebsleiters köstlich amüsierte. Ingolf Lück war lange Jahre ein deutscher „Caveman“, und genau da, beim gleichen Thema und beim gleichen Humor, setzt „One Way Man“ an. Tiefe Einblicke in die Männerseele gewährt Lück als Frank Wagner, überrascht mit komischen Analysen, wenn er auf der Suche nach dem Sinn im übertragenen Sinn die Hosen runterlässt, und macht Mitleid und (Selbst-)Erkenntnis möglich.

Auf einer Parkbank, seinem Refugium, treffen wir ihn, nachdem ein Abendessen mit seinem Chef, dessen Frau und Franks Freundin Marion komplett, absolut und total schief gelaufen ist. Der neue, mutige, freie Frank war des Sie-Duzens („Frank, wer sind Sie eigentlich?“) überdrüssig, hat gekündigt, um als Clown neu anzufangen (oder als Hippie in Festanstellung), ein Befreiungsschlag nach 16 Jahren in der gleichen Firma. Da sitzt er nun, verkatert, drei Handys am Mann, hochspezialisiert, aber voller Sehnsucht nach Ahnungslosigkeit, und natürlich verlässt ihn die Freundin auch noch. Und los geht ein 90-Minuten-Monolog der Selbstanalyse, der es in sich hat. Lück träumt einen großen Traum, erzählt vom Nicht-Schlafen in Business-Hotels, spielt Frank, 43, und dessen Rivalen Dieter (einen „Mensch gewordenen November“ und perfekten Frauenversteher), erinnert ans Mixen von Kassetten für Mädchen, spielt eine Frauen-Poker-Runde und ist Macho und Memme zugleich.

Und dann, im zweiten Teil – sollte ihn da wirklich der Text verlassen haben, als er Marion gerade auf dem Mount Everest einen Heiratsantrag machen will? Lück sucht das Textbuch aus dem Müllereimer, liest, entschuldigt sich, fängt nochmal an. Hier nimmt das Stück eine überraschende Wendung, die ihm zusätzlich Pfeffer gibt. Denn auf einmal spielt Ingolf Lück Ingolf, spricht von sich und seiner Frau, die ruft dann auch zufällig noch an. „Ich bin nicht so wie dieser Frank“, beteuert er in diesem Spiel im Spiel. Und liest das Stück dem Publikum zuende vor, die Einspielung von „Sailing“ inklusive. Kitsch, Rosamunde Pilcher: Frank sagt Marion, dass er sie liebt und küsst sein Handy. Applaus. Doch halt! Ingolf hat noch was mit seiner Frau zu klären, und das macht er doch tatsächlich mit Franks Worten! Sind wir nicht alle ein bisschen Frank? Sehnsüchtig, gefühlig, aber oft wortlos?

Es sind ein paar Gemeinplätze im „One Way Man“, die man dem Stück und vor allem seinem versierten Darsteller aber gern verzeiht. Komisches Theater war das, modern und dicht dran an der Lebenswelt des modernen Mannes. Herzlicher Applaus für Ingolf Lück und seinen großen Monolog, der ihm, hätten wir „aktiv zugehört“, einiges affirmatives Kopfnicken beschert hätte.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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