Musikalische Verneigung

Organist Johannes Gebhardt und Trompeter Daniel Schmahl erfreuten (und irritierten) das Kreuztaler Publikum. Foto: bjö
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bjö Kreuztal. „Back to Bach“ – das klingt nach einem Abend voll tröstender Choralmelodien und polyphon vollendeter Klangarchitektur, nichts Verqueres eben. Ist aber eben nur die erste Hälfte der Programm-Überschrift; den Zusatz „Bach, Jazz & More“ fand man nämlich nicht auf dem Einladungs-Flyer der diesjährigen Kreuztaler Sommerkonzerte. Schade oder ein Segen? Schwer zu sagen: Vielleicht wäre der eine oder andere derer zu Hause geblieben, die durch einen temperamentlosen Respektapplaus, spätestens aber durch kritische Kommentare beim Hinausgehen erkennen ließen, dass es, abgesehen von den drei „echten“ Bachs des Programms, in unverändertem Original einzig Präludium und Fuge in e-Moll BWV 548, nicht ihr Abend gewesen war. Vielleicht wären mit vollständigerer Überschrift aber auch jene erschienen, die das musikalische Angebot von Organist und Trompeter nicht nur in seiner technischen, sondern auch stilistischen Kompetenz in Jazz-Belangen zu würdigen gewusst hätten.

Dabei wollten Organist Johannes Gebhardt und der Trompeter Daniel Schmahl ihr Publikum in der nicht allzu üppig besetzten St. Johanneskirche nicht etwa eines Besseren (als Bach) belehren oder gar zum außer Frage stehenden Großmeister in Opposition treten: Beide klassisch ausgebildeten Musiker schienen sich vielmehr musikalisch vor Johann Sebastian Bach zu verneigen, indem sie seinem bekannten „Bist Du bei mir“ aus dem Notenbuch von Anna Magdalena Bach und hier bearbeitet für Trompete und Orgel, eine Jazzfassung von David Timm für Flügelhorn und Orgel folgen ließen. Geradezu in der Art einer Durchführung entführten beide Instrumente, mal gemeinsam, mal abwechselnd, in jazzig dichte Skalenmelodik, stets mit motivisch gut erkennbarem Bezug zum Original. Im Zentrum ihrer „Botschaft“ stand im Programm sicher ihr „Concerto For Us“, vom Organisten sich und seinem Duopartner gleichsam in die Finger geschrieben: zuerst ein rhythmisch tief durchfurchter erster Satz, intelligent getragen von der Unverschämtheit, jeden siebten Ton aus einer bach‘schen Toccata wegzulassen, plötzliche Stopps einzubauen und mit Hilfe von Dämpfer und Registerwechsel einen Farbreichtum zu projizieren, den sie selbst mit „Zigeunerbarock“ zu vergleichen belieben. Dann ein jazzballadesker Mittelsatz als große Plattform für improvisatorische Ausflüge, die symptomatisch für das gesamte Konzert waren: Was schriftlich fixiert erklang und was improvisatorisch aus dem Moment entstand, wechselte in den jazzigen Stücken mehr oder weniger unmerklich einander ab. „Base Of Bach“ als Schluss-Satz zitierte ebenso frech wie rhythmisch variantenreich das Thema eines Brandenburgischen Konzertes.

Ob sich die ältere Zuhörerin beim Ohrenzuhalten vor zu großer Phonstärke oder vor stilistisch reizvoller Übergriffigkeit schützen wollte, bleibt ungewiss. Wenigstens blieb ihr im minimalistisch angehauchten „Trivium“ für Orgel von Arvo Pärt eine Atempause voll kontemplativer Entspannung, bevor der „Jesus Groove“, ebenfalls von Johannes Gebhardt komponiert, das Publikum erneut in einen Kontrastrausch zwischen gechillt-groovigem Spaziergang und einem Sturmangriff durch jazziges Harmoniedickicht versetzte. Geschmeidig gelang beiden der Übergang in eine Bearbeitung von Bachs „Jesu meine Freude“ – doch noch eine finale Versöhnung mit Bach und seinen Kreuztaler Anhängern? Vielleicht. Allerdings nicht ohne eine letzte Prise Jazz: zwei Standards mit coolen Walking-Bässen, als hätten die beiden Profimusiker als glänzend funktionierendes Duo die Zuhörer nicht schon genug irritiert. Man könnte wetten: Bach hätte seine Freude daran gehabt!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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